Die starken Hosen

Sattler Paul Eggimann aus Grünen im Emmental fertigt die Beinkleider für die Bösen. In Handarbeit. Bis jetzt haben seine Werke jeder Zerreissprobe standgehalten.

200 bis 250 Hosen näht Paul Eggimann im Jahr. Foto: Adrian Moser

200 bis 250 Hosen näht Paul Eggimann im Jahr. Foto: Adrian Moser

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«Manne, i d Hose» heisst es am Samstag ab 8 Uhr in Estavayer-le-Lac FR, wenn die Schwinger beim Eidgenössischen in der Broye-Arena ihren König ausmachen. Hundert Hosen sind für das zwei­tägige und achtgängige Kürungsprozedere ­nötig, die einen hell, die anderen dunkel – und sie stammen aus der Werkstatt von Paul Eggimann in Grünen, einem Dorf im Emmental, das zur ­Gemeinde Sumiswald gehört.

Sattler Eggimann sitzt in seiner Werkstatt am Tisch. Vor sich eine der Hosen aus Leinenstoff. «Ein schöner Auftrag», sagt er, es bringe Prestige, wenn er ­jeweils die Hosen für das Eidgenössische nähen dürfe. Eine Hose liegt noch vor ihm auf dem Tisch, die anderen sind schon vor einiger Zeit ausgeliefert ­worden und in Gebrauch. «Die Hosen müssen eingeschwungen werden», sagt er. Sonst sei der dicke Zwilch zu «gschtabelig». Das haben die Schwinger nicht gern. Trotz grober Pranken zeichnen sie sich durch ein subtiles Sensorium in den Fingern aus. Erst wenn der Stoff durch Druck, Zug, Schweiss und Talg ein- und aufgeweicht ist, wird der Gegner beim Hosenlupf richtig fassbar. Schlaumeier sind im Sägemehl nicht gern gesehen: den Gurt ein Loch zu lose eingeschnallt, das Gestöss, die Wickelung am Hosenbein, schlecht und «hotschig» ausgeführt – das sei peinlich, findet Eggimann. Wenn jemand dazu aufgefordert wird, die Hosen zu wechseln, so ist dies ein halber Gesichtsverlust.

100 Franken das Stück, 40 der Gurt

Eggimann kann sich rühmen, dass seine Hosen der Zerreissprobe stets standgehalten haben. In einem Ernstkampf gab es noch nie ein Malheur. «Die Hosen sind doppelt und dreifach genäht», sagt er. «Alles ist Handarbeit.» Etwas, das man von den Puma-Trikots der Fussball-­Nationalmannschaft nicht behaupten kann. Die besonders belastete Partie im Schritt der Hosen ist mit ­Lederspickeln verstärkt. 200 bis 250 näht Eggimann im Jahr, 100 Franken pro Stück kosten sie, plus 40 Franken für den Ledergurt.

Paul Eggimann im Jahr verziert auch Lederriemen für Treicheln mit Stickereien. Foto: Adrian Moser

Den Jahresverbrauch in der Schweiz schätzt der 61-Jährige auf etwa 500 Hosen. Es gibt drei Grössen: 0 für Schwinger vom Kaliber von Christian Stucki (1,98 m/140 kg), was ungefähr der Grösse 56 entspricht. 1 für Schwinger wie Matthias Sempach (1,94 m/110 kg) oder Kilian Wenger (1,90 m/107 kg) und Grösse 2 für Schwinger, deren Gewicht näher bei dem eines Durchschnittsschweizers liegt. Schwingen sei ein Spitzensport geworden, sagt Eggimann. «Die Schwinger sind athletisch, und schmaler in den ­Hüften gebaut als früher.»

Neben Eggimann gibt es noch zwei weitere Hersteller in der Schweiz. Der Leinenstoff für die Schwingerhosen stammt aus Osteuropa, da Flachs hier­zulande praktisch nicht mehr angebaut wird. Die Hosen brauchen kaum Pflege. Aber vor ­allem wenn das Sägemehl nass ist, sollte man sie nach Gebrauch gut ausschütteln und zum Trocknen aufhängen, um Schimmel­befall zu vermeiden. Sonst grauen auch die Hosen aus Grünen.

Eggimanns Vater hat die Sattlerei in den 1940er-Jahren gegründet. Früher war die Schweizer Armee ein wichtiger Auftraggeber, Sättel, Rucksäcke, Mappen. Jetzt flickt Eggimann etwa noch das Sitzpolster eines alten Jeep, den ein ­Militär-Nostalgiker erworben hat. Auch Geschirre für die Pferde braucht es ­weniger, seit die Bauern auf Traktoren umgesattelt haben. Aber Eggimann hat seine Nische gefunden.

Gesucht: Grösse 0

«Die Schwinger sind zufrieden mit meinen Hosen», sagt Eggimann. «Ich erhalte viele positive Rückmeldungen.» Er geht an viele Schwingfeste und spricht mit den Sportlern, den Funktionären und den Zuschauern. «Ich nehme immer einen Stehplatz, ich will nicht den ganzen Tag herumsitzen, sondern mit den Leuten sprechen.» Zuletzt war er Mitte August am kleinen Fraumatt-Schwinget in Oberwil BL. Dort hatte sich auch Spitzenschwinger Christian Stucki angemeldet, um vor dem Eidgenössischen noch einmal Selbstvertrauen zu tanken. Das gelang: Stucki wurde mit sechs gewonnenen Gängen zum Sieger ausgerufen. Nur etwas gefiel ihm nicht. Es gab in Oberwil keine ­Hosen der Grösse 0. «­Muesch dene es 0 verchoufe», meinte Stucki. Die Hosen seien ihm «e chli äng gsi». Stucki verriet dem Sattler auch sein Rezept für das Eidgenössische: «Voräweg näh, nid drischiesse.» So hält es auch Eggimann, wenn er Schwingerhosen näht.

Die Direktorin der Königskür, Seite 13

Erstellt: 25.08.2016, 23:29 Uhr

Estavayer (4)

Die Wettquoten

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