«Doper sind immer auch Opfer des Systems»

Der Rechtsanwalt Michael Lehner fordert eine Generalamnestie für Betrüger. Warum er einen Betrüger noch freizubekommen versucht, wenn er um dessen Manipulation weiss

Danilo Hondo, der von Michael Lehner juristisch beraten wird, gestand, im Jahr beim Team Lampre/ISD (2011/12) gedopt zu haben Bild: Imago

Danilo Hondo, der von Michael Lehner juristisch beraten wird, gestand, im Jahr beim Team Lampre/ISD (2011/12) gedopt zu haben Bild: Imago

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Früher oder später sitzen Doper deutscher Zunge fast immer auf einem der Sessel in ­Michael Lehners Büro. Denn der promovierte Jurist ist der führende Verteidiger von Dopern im deutschen Sprachraum. Entsprechend lang ist die Liste prominenter Athleten, die Lehner vertrat und die im Minimum mit einem positiven Test auffielen: Der frühere Weltklasseläufer Dieter Baumann zählt dazu oder die einstigen Radprofis Jörg Jaksche, Stefan Schumacher und Patrik Sinkewitz. Jüngst gestand mit dem Schweizer Nationaltrainer Danilo Hondo einer seiner (Rad-)Kunden öffentlich, gedopt zu haben, nachdem ihm die ARD Manipulationen hatte nachweisen können.

Für manchen von ihnen konnte Lehner eine Strafverkürzung herausholen und in seltenen Fällen gar einen Freispruch. Entsprechend unbeliebt hat sich Lehner darum in der Anti-Doping-Welt gemacht. Das stört ihn kein bisschen.

Warum entschieden Sie sich für die Seite der Betrüger?
Das Sportrecht hat sich mittels Recht über Doping entwickelt. An der Ausarbeitung des deutschen Sportrechts hatte ich Anteil und kam darum mit den Dopingaspekten in Berührung. Im Prinzip komme ich also von der Anti-Doping-Seite her, aber immer mit dem Athleten im Zentrum. Ich vertrat fast alle DDR-Opfer des Staatsdopings. Dann kamen auch die Doper auf mich zu.

Weil sich diese sagten: Der Lehner weiss, wovon er redet?
Genau, er ist ein Insider. Damit man mich aber nicht falsch wahrnimmt: Ich habe schon Sportler aus meinem Büro weggeschickt, die mit aufgeblasenen Steroid­backen vor mir sassen und mir sagten: «Ich bin unschuldig, hauen Sie mich raus.» Das tat ich nie und werde ich nie tun.

Aber?
Mich nerven Sportverbände, die sich als heilig und sauber gebärden und doch immer wieder selber für Skandale sorgen. Diese Doppelmoral stört mich gewaltig; zumal diese Verbände die Goliaths sind, die Athleten die Davids. Das Ungleichgewicht ist riesig. Ich habe mich darum entschieden, mich auf die Seite der Davids zu schlagen. Dass darunter auch Sportbetrüger sind, ist zweifellos so.

Aber Sie könnten auswählen. Es zwingt Sie niemand, Doper zu verteidigen.
Noch einmal: Die platten Doper will ich nicht. Mich interessieren die Fälle, in denen Doper vom System missbraucht wurden.

Was meinen Sie damit?
Das System Spitzensport fördert mit seiner Prämisse, dass nur die Leistung zählt, die Manipulation. Ich bin mir darum gar nicht sicher, ob der Spitzensport den sauberen Sportler überhaupt will bzw. wo er seinen Platz im aktuellen System findet. Doper sind darum immer auch Opfer des Systems. Einer meiner Klienten weinte in meinem Büro und sagte: «Ich mag doch nicht betrügen.» Aber er konnte sich dem Systemzwang nicht entziehen.

Das ist eine eher romantische Sicht auf Doper. Natürlich werden diese in einem System gross. Der Entscheid zum Dopen aber geht trotzdem von den Athleten aus.
Romantisch? Klingt doch gut, denn ich sehe durchaus auch den Menschen. Ansonsten würde ich manchmal an den Widersprüchen meiner Tätigkeit scheitern, so ehrlich will ich sein. Aber: Obschon ich viele Doper vertrete, verstehe ich mit als Anti-Doping-Helfer.

In welchem Sinn?
Indem ich Schwächen im Rechtssystem aufzeige und Verfahrensfehler aufdecke. So helfe ich mit, dass dieser fundamentale Ablauf besser wird.

Sie urteilten einst: «Hohe Strafen sind als Abschreckung völlig ungeeignet.» Darum forderten Sie eine Generalamnestie für Gedopte. Halten Sie daran fest?
Ja. Hat das Strafrecht jemals verhindert, dass gestohlen oder gar gemordet wird? Nein. Ein glaubwürdiges System wird angenommen, denn wo Gerechtigkeit ausgestrahlt wird, wird es dem Täter schwer gemacht, nicht gerecht zu sein. Übertragen auf den Sport: Wenn das Fair Play von allen eingehalten wird, glaubt man dem Sport. Doch wie ich eingangs sagte: Verbandsvertreter verhalten sich ebenso oft so unglaubwürdig wie Athleten.

Als Konsequenz dieser von Ihnen propagierten Generalamnestie forderten Sie von Betrügern und Helfern «schonungslose Offenheit», um den Anti-Doping-Kampf voranzubringen. In Ihrem jüngsten Fall um Danilo Hondo aber fanden Sie: Man kann nicht die vollumfängliche Wahrheit erwarten. Was gilt jetzt?
Ich frage zurück: Soll ein Doper komplett die Hosen runterlassen ? obwohl man vieles schon weiss?

Darin liegt doch gerade die Krux: Oft kann man nur mutmassen. Also braucht es Doper, die diese Mutmassungen mit ihren Aussagen in Fakten verwandeln. Reden sie nicht, schützen sie letztlich alle anderen Betrüger. Sie helfen als Anwalt mit, diesen Status quo aufrechtzuerhalten.
Sie haben einen Punkt. Aber Sie müssen wissen: Natürlich haben meine Klienten fast immer engen Kontakt zu den involvierten Anti-Doping-Behörden.

Diesen erzählen Sie mehr, als die Öffentlichkeit via die TV-Beichten erfährt?
Meine Mandanten kooperieren sehr oft mit Anti-Doping-Behörden – nur schon darum, weil sich das positiv auf ihr Strafmass auswirkt. Also rate ich meinen Klienten: «Tragt zur Aufklärung bei ? und ihr werdet profitieren.» Aber ich rate keinem Athleten, sich vor der Öffentlichkeit komplett zu entblössen.

Warum? Es würde ihn doch erst glaubwürdig machen.
Aus Selbstschutz. Nehmen Sie den Fall Johannes Dürr (der frühere Langläufer aus Österreich redete in einer ARD-Dokumentation ausführlich über seine Dopingvergangenheit, die Red.): Sobald du als Doper andere nur schon der Mitwisserschaft öffentlich bezichtigst, musst du die Aussagen beweisen können. Sonst geht die Gegenseite wie bei Dürr juristisch vor. Ich verbiete meinen Mandanten gar, andere nur vom Hörensagen öffentlich zu benennen. Sonst ist Ärger garantiert.

Sie haben Dürr nach der ARD-Ausstrahlung zu vertreten begonnen ? dann kam heraus, dass er noch während der Produktion der Doku dopte. Wie viele Lügen halten Sie aus?
Lügen gibt es für mich nicht. Athleten erzählen mir einfach nicht immer die ganze Geschichte.

Aber Sie werden doch wohl in den Vorgesprächen um die ganze Geschichte bitten?
Ja, aber ich sage Ihnen: Selbst wenn ich weiss, dass ein Athlet dopte, in seinem Fall aber schwerwiegende Verfahrensfehler begangen wurden, verteidige ich ihn mit Inbrunst.

Warum?
Priorität hat ein glaubwürdiges System, darum bin ich von der Gegenseite manchmal gar verhasst – auch weil ich gut bin. Ich will gewinnen. Ich fighte für meine Mandanten bis zur finalen Entscheidung. Ich gebe nicht klein bei.

Moralische Gewissensbisse kennen Sie dann nicht?
Ich bin Anwalt, kein Moralapostel, aber durchaus ein moralischer Mensch. Ich will, dass Athleten sauber ihre Leistungen erreichen, also ehrlichen Sport. . .

. . . und verteidigen doch Unehrliche.
Klar bringt es der Beruf des Anwalts mit sich, dass man in Widersprüche gerät. Ich habe mit diesen Widersprüchen zu leben gelernt (lacht). Aber sehen Sie: Der Sport schreibt seinen Athleten beispielsweise vor, dass sie fast lückenlos dokumentieren müssen, wo sie sich befinden, damit man sie besser kontrollieren kann. Ich finde: Wer quasi elektronische Fussfesseln einführt, um Athleten 24 Stunden überwachen zu können, hat jeden moralischen Kompass verloren.

Die Verbände würden argumentieren: Wir zwingen niemanden, bei uns mitzumachen. Wer es aber tut, unterwirft sich nun einmal unseren Regeln.
Das können sie sagen. Aber muss man sogenannt sauberen Sport auf diese Art erzwingen?

Wenn man davon ausgehen könnte, dass nur eine kleine Minderheit dopt, hätten Sie wohl recht. Nur ist die Dunkelziffer in vielen Sportarten enorm hoch und . . .
. . . danke für die Überlegung. Sie zeigt doch, dass der Anti-Doping-Kampf nicht wirklich funktioniert.

Was hilft?
Man muss einen Leistungssportbegriff entwickeln, der ohne Dopen angenommen wird. Aber ich kann nicht immer «Höher, schneller, weiter» fordern und dann überrascht sein, wenn betrogen wird, zumal eine enorme Industrie dahintersteht, die Milliarden mit dem Sport verdient. Da kann ich doch gleich Showwrestling anbieten.

Noch einmal: Was ist Ihre Alternative?
Ich biete eine Vision an: eine Generalamnestie für Betrüger, also einen Nullpunkt setzen. Nennen wir es das «Resetten» des Sports. Wenn wir als Gesellschaft dann alle gegen Doping sind, was eigentlich jetzt schon Konsens ist, gehören Doper lebenslang gesperrt. Allerdings müssten sie nicht ihre Unschuld beweisen, sondern die Verbände die Schuldigen überführen. Man sollte also die Beweislast umkehren und gleich wie in Strafrechtsprozessen vorgehen.

Damit brauchten Sie doch wieder die von Ihnen kritisierte rigorose Überwachung der Athleten samt Kontrollen.
Ja, das stimmt. Ich behaupte ja nicht, meine Vision sei widerspruchsfrei. Sie soll zur Diskussion beitragen. Denn von einem bin ich überzeugt: Der Dopingkampf ist in den vergangenen 20 Jahren kaum vorangekommen, und betrogen wird weiter breit. Selbst in der Prävention haben wir noch enorm viel zu tun. Ein Beispiel: Ist Dopingaufklärung im Schulsport verankert? Nein. Dabei würde sie bei den Kindern beginnen.

Warum fordern Sie nicht gleich die Dopingfreigabe?
Der Gedanke beschleicht einen. Aber: Wir geben als Gesellschaft ja auch keine harten Drogen frei, was wäre das für eine moralische Position, was würden wir unseren Kindern da für Werte vermitteln? Zudem: Freigabe hiesse, dass sich jeder zu Tode dopen könnte. Wir als Gesellschaft aber legen auch fest, wie schnell wir auf der Autobahn fahren dürfen, um uns vor uns selber zu schützen. Hinzu kommt: Viele Athleten wollen Sport fair betreiben. Wie allerdings würde man diese Mehrheit schützen können, wenn Doping freigegeben würde? Darum: Die Freigabe von Doping käme einer Kapitulation gleich – und will nur eine Minderheit.

Schauen Sie noch Livesport ? obschon Sie viele Athleten für gedopt halten?
Ja, weil ich auch Fan bin und mich am Sport freue. Er bleibt für mich trotz allem Betrügen faszinierend.

Erstellt: 08.06.2019, 23:37 Uhr

Michael Lehner

Der 65-Jährige ist Ironman-Teilnehmer mit einer Bestzeit von rund 11 Stunden. Als Partner einer Anwaltskanzlei mit Sitz in Heidelberg arbeitet Lehner unter anderem zu Fragen des Sport-, Immobilien-, Gesellschafts- oder Familienrechts. Lehner ist verheiratet und Vater zweier Töchter. Er präsidiert den Doping-Opfer-Hilfe-Verein und ist einer seiner Mitbegründer. (cb)

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