«Du bist verrückt. Ich liebe Dich. Mach es»

In ihrem Land ist Sport für Frauen nicht vorgesehen. Raha Moharrak aus Saudiarabien tut trotzdem Verrücktes.

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Neuerdings darf es in Saudiarabien ganz offiziell Fitnessstudios für Frauen geben. Als die 1986 geborene Raha Moharrak noch ein Mädchen war und auch noch lange danach, lief es anders. So, wie es Moharrak gerade der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (FAZ) in einem Interview erzählte: «Man geht in ein Friseurstudio oder in einen Beauty-Salon, vorne sitzt die Omi und lässt sich die Haare machen, und dann geht man durch eine Tür nach hinten und steht in einem Underground-Fitnessstudio. Oder einer Underground-Ballettschule.»

Ins Ballett wurde sie selbst einst von ihren Eltern geschickt, «weil ich hyperaktiv wurde als Kind». Reiten durfte Moharrak auch – eine Autostunde ausserhalb von Dschidda, ihrer Heimatstadt mit über drei Millionen Einwohnern. Dort gibt es einen Reitstall. Und vor allem war da weit und breit niemand, der sie sehen konnte.

Saudiarabien hatte es jahrzehntelang gar nicht mit dem Frauensport und öffnet sich nur sehr langsam – seit 2013 beispielsweise dürfen Frauen im Land Rad fahren, 2012 schickte Saudiarabien erstmals zwei Athletinnen zu den Olympischen Spielen, 2016 in Rio waren es vier, Teamsport aber ist noch immer verboten. Und Saudiarabien hat auch seine Mühen mit Frauen, die anders sein wollen, als es die gesellschaftlichen und religiösen Konventionen vorsehen.

Ihr gefielen Dinge, die eigentlich nur Buben offenstanden

Moharrak ist ausgebrochen aus dieser Welt. Sie hat in den Vereinigten Arabischen Emiraten visuelle Kommunikation studiert, ihr Glück im Teamsport gefunden (beim Volleyball) und wollte plötzlich mit einer Kollegin nach Afrika, um den Kilimandscharo zu besteigen. Deshalb rief sie ihren Vater an und fragte um Erlaubnis. Warum? «Ich musste die Erlaubnis haben. Ich konnte nicht einfach los. Ausserdem musste er die Reise bezahlen.»

Die 31-Jährige erzählte der FAZ aus ihrer Kindheit. Sie habe sich immer ein bisschen anders gefühlt – «ehrlich gesagt: ganz anders». Ihr hätten die Dinge am besten gefallen, die nur den Buben zustanden: «Sport. Auf Bäume klettern. Auto fahren. Reiten. Ausserdem habe ich deutlich meine Meinung gesagt und wollte lieber Hosen als Kleider tragen.»

Der Vater und die Mutter unterstützten sie, wo es ging. Doch dann, als sie eben mit 25 Jahren zu Hause anrief und die Erlaubnis für den Kilimandscharo einholen wollte, «da sagte er einfach: nein.» Vater Hassan Moharrak wollte, dass die Tochter nach Hause zurückkehrt. Und heiratet. So entspricht es den Gepflogenheiten des Landes.

Raha, die sich selbst eine «stolze Muslimin» nennt, schrieb ihm danach ein langes E-Mail. Sie fragte ihn: «Wie kannst du jahrelang behaupten, mir stehe alles offen, mir seien keine Grenzen gesetzt, und dann ziehst du Mauern um mein Leben?»

Die Nachricht an den Vater und die Angst danach

Sie habe versucht, in ihrem Schreiben «ganz höflich» zu bleiben, es sei nicht Teil ihrer Kultur, sich gegen das Wort des Vaters aufzulehnen. Trotzdem, sagt sie, habe sie ihm «alles an den Kopf» geworfen. Und dann, nachdem sie die Nachricht abgeschickt hatte, war sie voller Angst. Sie konnte sich vorstellen, dass der Vater sie zu einer Hochzeit drängen würde. Stattdessen hörte sie ein paar Tage lang gar nichts. Bis eine einzige Zeile in Ihrer Mailbox erschien: «Du bist verrückt. Ich liebe Dich. Mach es.»

Die Mission in Afrika war ein Desaster. Schlechte Vorbereitung, schlechte Ausrüstung. Aber sie bildete die Basis für das, was folgte. Moharrak schaute Youtube-Videos, sie kontaktierte Bergsteiger, lernte aus allem. Sie entzog sich ein zweites Mal dem Wunsch des Vaters, zurückzukehren. Und dann wurde sie von der saudischen, aber teilweise in den USA aufgewachsenen und ausgebildeten Prinzessin Reema bint Bandar eingeladen, mit zum Basecamp am Everest aufzusteigen. Als Moharrak den Berg zum ersten Mal aus der Nähe sah, wusste sie: «Ich komme wieder.»

Moharrak trainierte im Wüstensand mit immer schwereren Rucksäcken, um bereit zu sein für den grossen Augenblick. Und als sie dann 2013 tatsächlich zurückgekehrt war zum Everest, stieg sie in einer Gruppe von zwölf Bergsteigern auf den Berg. Sechs kamen oben an, sie war dabei. Ihre Psyche, ihre mentale Stärke hätten sie bis auf den Gipfel geführt: «Es ist nicht einfach, weiter aufzusteigen, wenn du plötzlich Leichen siehst, Menschen, die bei dem gestorben sind, was du da gerade machst.»

Sechs der sogenannten Seven Summits, der jeweils höchsten Berge der sieben Erdteile (Afrika, Antarktika, Asien, Australien, Europa, Nordamerika, Südamerika), hat die mittlerweile in Dubai wohnende Moharrak bis jetzt geschafft – dank der finanziellen Unterstützung ihres Vaters. Wie viel Geld er investiert hat, mag sie gar nicht wissen, sie gehe der Zahl aus dem Weg, das Thema belaste sie. Sie hat dem Vater auch schon gesagt, dass es ihr leid tue, wie viel sie ihn koste. «Da hat er gesagt: Das darfst du nicht noch mal denken. Du hast mich schon zehnfach entschädigt, nur nicht in Geld.»

Andere Sponsoren zu finden, grosse Firmen, damit tut sie sich schwer. Weil in Saudiarabien «generell nicht akzeptiert wird, was ich tue», wie sie sagt. Einzelpersonen seien stolz auf sie, Firmen jedoch hätten Angst, sie zu sponsern.

Nun allerdings hat sie gerade mit Lipton-Tee in Saudiarabien einen Vertrag abschliessen können. Es tut sich also etwas. Und vielleicht bald ein bisschen mehr. Auch im Frauensport. Und dem damit verbundenen Kampf gegen die im Land verbreitete Diabetes, gegen das Übergewicht, gegen Osteoporose. Moharrak hofft darauf. Und sieht positive Zeichen.

In den sozialen Netzwerken erhält sie viele Nachrichten. Auf zehn positive Meldungen komme eine negative. Und kürzlich klingelte auch ihr Telefon. Die Direktorin ihrer früheren Schule meldete sich. Früher hatte Moharrak da «viel Ärger, weil ich so rebellisch war». Und jetzt? Soll sie eine Rede vor der Abschlussklasse halten.

Sie wird es sehr gerne tun. Auch weil es für sie «wieder eine Gelegenheit ist, die Wunde zu schliessen, die ich als Kind gespürt habe». Und weil es für sie eine Gelegenheit ist, den Frauen im Land weiter Auftrieb zu geben. Sie wolle nicht auf Jahre hinaus als herausragendes Beispiel einer saudischen Sportlerin gelten. Sie wünscht sich, dass die nächste Generation mehr erreicht als sie. Sie sagt: «Ich will nichts mehr hören über die erste saudische Frau, die dieses oder jenes erreicht hat. Ich will von Siegerinnen hören.»

Erstellt: 19.04.2017, 11:46 Uhr

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