«Du willst nur ins Ziel, damit du aufhören kannst»

Selbst für Jan Frodeno, den weltbesten Triathleten, sind die Schmerzen am Ende eines Ironmans kaum mehr zu ertragen.

Auf dem Weg zum Sieg: Jan Frodeno wird auf Hawaii überlegen Weltmeister.

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Vom Schneeregen liess sich Jan Frodeno nicht abschrecken. Am Samstagmittag schloss sich der Ironman-Hawaii-Sieger in Zürich einer Ausfahrt mit dem Quervelo an. Der 34-jährige Triathlet weilte für eine Gala der Laureus-Stiftung in der Schweiz. Den dunklen Anzug trägt der Deutsche derzeit fast häufiger als Trainingskleider. 15 bis 20 Galas, schätzt er, ­besucht er in diesen Monaten. Kürzlich erhielt er etwa den Sport-Bambi, einen bekannten deutschen Medienpreis.

Radquer bei eisigen Temperaturen und mit langen Kleidern: Wie ungewohnt war das für Sie?
Ich musste in meinen Sachen suchen, um nur schon Ärmlinge zu finden. Ich fahre sonst eigentlich nie Rad bei unter 20 Grad. Das war auch Teil des Abenteuers. Ich war gerade bei meinen Eltern auf Mallorca, wir hatten die ganze Woche 25 Grad. Und nun 2 Grad und Schneeregen – das war was ganz anderes, aber geil. Aber ich mache ja auch Sport, weil es mir Freude macht, weil ich es liebe, mit Leuten unterwegs zu sein, denen du nie über den Weg laufen würdest – ausser durch den Sport.

Fünf Wochen sind seit Ihrem ­Triumph auf Hawaii vergangen. Hat sich etwas verändert?
Es ist schon heftig. Für mich persönlich hat sich nichts geändert, zumal ich sowas schon mal erlebt habe nach meinem Olympiasieg, auch wenn es damals weniger wild war. Persönlich bin ich nun auch etwas gefestigter. Nach Olympia fiel ich in diesen Feierrhythmus rein. Jetzt weiss ich, dass ich diesen Sport unglaublich gerne mache und darum zwischendurch auch mal gerne zwei Stunden Rad fahren gehe.

Um Ihr Palmarès zu umschreiben, muss man den Vergleich vom Boxen herbeiziehen: Als Erster gewannen Sie an Olympia und wurden Weltmeister sowohl über die Halb- als auch die Langdistanz. Sie sind damit der Meister aller Klassen. Bedeutet Ihnen das noch mehr als der Hawaii-Sieg alleine?
Es ist für mich als Athlet schon viel wert, (sucht kurz nach dem richtigen Wort) wandlungsfähig zu sein.

Fiel Ihnen nun erst das englische Wort ein?
Genau, «versatile».

Denken Sie öfter in Englisch?
Nein, nein. Aber ich war jetzt gerade in Australien, dann in Deutschland, zuletzt auf Mallorca bei meinen Eltern, zwischendurch in Frankreich - da spiegeln sich die Sprachinseln. Das ist vielleicht ein Nachteil, wenn man sechs Sprachen spricht…

… sechs?
Ja, Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Afrikaans und Holländisch. Zurück zu Ihrer Frage: Natürlich ist dieser Titel «Meister aller Klassen» sehr schön. Aber das können andere über mich sagen. Ich selber würde mich nie so bezeichnen.

Bald folgt eine ganz neue Herausforderung: Sie werden in zwei Monaten erstmals Vater. Wie gross ist Ihr Respekt davor? Als Ausdauersportler ist es für Sie zentral, dass Ihr Leben in geplanten Bahnen verläuft. Zudem gelten Sie als Perfektionist.
Ich habe es fest eingeplant, dass mein Kind von abends um 10 bis morgens um 8 schlafen wird. Spass beiseite. Ich bin bekannt dafür, akribisch zu sein. Ich bin mittlerweile aber auch sehr flexibel, kann mit solchen Situationen gut umgehen. Momentan ist es die Vorfreude, die herrscht. Wir sind ein Familienunternehmen. Wenn es dann für mich in die heisse Phase geht, weiss meine Frau auch, dass ich den Schlaf brauche – und ich in anderen Phasen umso mehr anpacken kann.

Sie fliegen derzeit in der ganzen Welt herum. Wie oft waren Sie seit Ihrem Sieg auf Hawaii in der Luft?
Ich weiss es wirklich nicht. Es ist schon noch mal extremer geworden seither. Ich war zwischendurch in Asien, auch in Australien, dann war ich wieder hier, fliege seither in Europa rum. Ich fliege vor Weihnachten sicher noch mal nach Australien und wieder nach Europa. Aber es ist eine schöne Chance, die sich mir derzeit bietet, die ich auch nutzen muss. Das ist vielleicht das Einzige, was meine Vorgänger etwas versäumt haben: Die Chance zu nutzen, um unseren Sport in der Öffentlichkeit ein bisschen voranzutreiben. Ich sah Auftritte, bei denen ich fand, dass man nicht nur Eigenwerbung, sondern auch Werbung für etwas anderes als Fussball hätte machen können… (lächelt)

Sie leben ein sehr internationales Leben. Wie eng ist Ihre Beziehung zur Heimat?
Ich verbringe ganz wenig Zeit in Deutschland. Im Sommer wohne ich ja in Spanien, in Girona. Im Winter bin ich in Australien. Das Trainingszentrum in Saarbrücken besuche ich aber immer noch ab und zu, kontaktiere es auch, wenn ich sportmedizinische Fragen habe – wie ein bestimmter Nasenspray in Spanien oder den USA heisst, etwa. Ich fühle mich aber absolut als Deutscher. Wenn die Nationalmannschaft spielt, fiebere ich mit. Das ist Teil meiner Herkunft. Ich wuchs in Südafrika auf und hatte: nichts. Meine Eltern haben mich immer unterstützt, aber es gab halt auch Zeiten, da war das nicht möglich. Das deutsche System hat es mir erst ermöglicht, Profisport auszuüben, professionelle Strukturen kennen zu lernen.

Welche Facetten zeigen am Besten den Kosmopoliten in Jan Frodeno?
Ich habe relativ viele typisch deutsche Eigenschaften abgelegt. Etwa die Pünktlichkeit. Ich bin auch etwas gelassener. Die spanische Lebensart kommt mir da sehr entgegen. Ob es im Strassenverkehr ist oder sonstwo. Man sollte schon ­strukturiert planen. Aber der Weg geht nie geradeaus. Das nehme ich gelassen hin und kann es dadurch auch mehr ­geniessen.

Im WM-Rennen auf Hawaii schwammen Sie am schnellsten, fuhren die siebtbeste Radzeit und liefen im Marathon in 2:52:21 Stunden die fünftbeste Zeit. Auf den ersten Blick haben Sie keine Schwächen.
Ich suche einfach noch länger. Ich schaue oft in den Spiegel und frage mich: Was kann ich besser machen? Ich will es meinen Gegnern so schwer wie möglich machen. Dafür arbeite ich sehr, sehr hart und sehr, sehr viel. Aber auch ich brauche das Quäntchen Glück, jedes Mal. Ist es schwieriger, sich anzutreiben, wenn man in allen drei Disziplinen ein so hohes Niveau aufweist?
Ich habe auf der olympischen Kurzdistanz gelernt, dass du dir keine Schwäche erlauben kannst. Da wird extrem gut geschwommen, sehr hart Rad gefahren – und dann laufen sie die 10 Kilometer in 29 Minuten. Diese Mentalität habe ich versucht mitzunehmen.

Was trainieren Sie am liebsten?
Das ist Tagesform-abhängig. Im Laufen dauert es immer am längsten, um eine gute Form aufzubauen. Entsprechend macht das Anfang Saison relativ begrenzt Spass. Auf dem Rad dagegen kommt die Form superschnell. Im Schwimmen bin ich abhängig von einer guten Trainingsgruppe – weil ich dafür keine Eigenmotivation habe. Schwimmen ist ätzend. Auf und ab, auf und ab. Aber mit dem Konkurrenzkampf in der Trainingsgruppe, so macht es Spass. Wie oft ich jetzt wohl schon Spass gesagt habe?

Drei Ihrer Hobbys haben mit Genuss zu tun: Essen, Kochen, Kaffee. Das überrascht bei einem Mann, der bei 1,94 Meter nur gerade 76 Kilogramm wiegt und 5 Prozent Körperfett aufweist.
Der Wert lag auch schon bei 2,8 Prozent, 2008 vor den Spielen in Peking… Entsprechend ist es schon mal leichter, die 5 Prozent zu halten. Genuss muss ja nicht unbedingt Schnitzel und Pommes heissen. Genuss kann auch gesund sein. Da habe ich ein paar Spielregeln, die es mir ermöglichen, das Gewicht während der Saison problemlos zu halten. Problemlos. Ich verzichte gänzlich auf jede Form von Getreide. Kein Weizen, kein Roggen und so weiter. Dafür Reis, Quinoa, Buchweizen, natürlich Kartoffeln. Ich kriege dadurch auch einen sehr resistenten Magen, was im Ironman mitentscheidend ist. Ich kann von mir behaupten, dass ich sehr geniesse. Bei uns in der Familie gehen in der Woche eineinhalb Liter Olivenöl durch. Abgesehen davon mache ich ab und zu einen Fettverbrennungslauf, allerdings eher zur Effizienzsteigerung, als um tatsächlich Fett zu verbrennen.

Einen Weinkeller haben Sie auch?
Ja, aber der wird wirklich nur ausserhalb der Saison angezapft.

Ihnen stellt sich nun die Frage: Wieso fährt man weiter mit einer Karriere, in der man alles gewonnen hat?
Aus Leidenschaft. Ich mache den Sport unheimlich gerne. Aber es gibt auch Ziele. Der Streckenrekord auf Hawaii gehört mir noch nicht. Und es gibt jemanden, der die Nummer schon sechs Mal gewonnen hat. Und es gibt noch viele andere Rennen, die ich noch nicht gewonnen habe. Und es gibt eine Weltbestzeit, die habe ich auch noch nicht. Insofern sind da viele Ziele, bei denen ich den Luxus habe, sie mir aussuchen zu können.

Sie denken tatsächlich auch an die Marke von Hawaii-Rekordsieger Dave Scott?
Ja. Aber klar: Ich bin 34, da muss schon vieles stimmen. Das kann man auch nicht planen. Aber schaun mer mal.

Wie wichtig ist Ihnen Konkurrenz, die des letztjährigen Hawaii-Siegers Sebastian Kienle im speziellen?
Megawichtig. Ohne ihn wäre ich nicht da, wo ich heute bin. Er treibt mich an, mit seinen Leistungen, seinen Soloritten. Andererseits ist es toll, jemanden zu haben, mit dem man sich gut versteht, im Wettkampf bis aufs Messer bekriegt – und danach essen geht. Das ist eine positive Motivation. Wir tauschen uns sogar aus, wie man besser wird.

Keine Geheimnisse?
So würde ich das nicht sagen. Ich werde ihm nicht meine Windkanaldaten schicken. Aber er hat mir zum Beispiel verraten, wie man im Marathon Blasen an den Füssen vermeidet. Und ich ihm, wie ich meine Achillessehnenprobleme in den Griff gekriegt habe – was ja auch seine Schwachstelle ist.

Erstaunlicherweise hatten Sie noch kaum körperliche Beschwerden seit dem Wechsel auf die Langdistanz. Warum?
Der Grund liegt wohl in der Mitteldistanz-WM in Las Vegas 2013, als ich auf dem Halbmarathon aussteigen musste. Ich hatte so krasse Achillessehnenschmerzen, dass ich nicht mehr gehen konnte. Ich musste mich mitten auf der Laufstrecke abholen lassen. Darauf entschloss ich: Entweder mache ich es jetzt noch mal richtig, oder ich lasse es bleiben. Ich beschäftigte mich sehr viel mit Fitness- und Krafttraining – und stellte Vollzeit einen persönlichen Physiotherapeuten ein. Seither bin ich vor Verletzungen gefeit.

Ist dieser Luxus Ihr Erfolgsgeheimnis?
Ist das Luxus? Es steht ja jedem frei, ob er sein Gehalt mit dem Physio teilen möchte oder nicht. Es ist ja nicht nur ein tolles Hobby, sondern mein Beruf. Und da ist es wie in jedem anderen: Wenn du etwas nicht richtig kannst, musst du jemanden dafür einstellen. Wenn ich Buchhaltung nicht kann, hole ich einen Buchhalter. Ich kann mich nicht selber massieren, habe aber einen grossen Bedarf – also stelle ich jemanden ein.

Wenn wir schon bei Schmerzen sind. Was tut mehr weh: Kurz- oder Langdistanz?
Mehr? Schwierig. Ich würde trotzdem sagen die Langdistanz, weil es länger weh tut. Wenn du auf der Kurzdistanz stehen bleibst, und 30 Sekunden durchatmest, dann geht es wieder. Aber nach meinem ersten Ironman konnte ich zwei Wochen lang nicht mehr richtig gehen, habe mich auf meine 1,60 Meter grosse Frau abgestützt, mit 1,94. Die Schmerzen kommen zwar langsamer. Aber die letzten zehn Kilometer beim Marathon, das ist ein reiner innerer Dialog, dass du irgendwie weitermachst.

Selbst beim Hawaii-Sieg?
Natürlich. Es ist nicht so, dass das irgendwie Spass macht. Ich hatte auch schöne Momente in dem Rennen. Aber die zweite Hälfte des Marathons: Wenn du da alleine in der Lavawüste hockst, dir brennen die Fusssohlen, gleichzeitig fragst du dich, ob irgendwann noch einmal ein bisschen Schatten kommen wird… Es tut so verdammt weh, dass du nur noch ins Ziel willst, damit du aufhören, dich hinsetzen kannst und etwas Kaltes zu trinken kriegst.

Sie gehören zum neuen Team Bahrain. Hatten Sie keine Skrupel, für ein Land mit zweifelhaftem Leumund anzutreten?
Ich habe eine Weile überlegt und recherchiert. Tue ich jemandem weh, wenn ich das unterschreibe und für Sport in der Region einstehe? Für mich konnte ich die Antwort mit Nein beantworten. Sonst kann man auch nicht nach Katar zur Fussball-WM fahren oder nach Sotschi zu den Olympischen Spielen. Die Boykott-Diskussionen hatten wir ja auch vor Peking. Nun fliessen durch unsere Siegprämien Geld in die Sportstrukturen, Kids werden mit Rädern ausgestattet, das halte ich durchaus für etwas Positives.

Und es ist lukrativ.
Klar, ich bin kein Samariter, der da hinfährt um die Welt zu retten. Aber die moralische Diskussion habe ich mir so beantwortet.

Welche Rennen planen Sie 2016?
Ich weiss es noch nicht. Nun habe ich die Chance, Startgelder auszuhandeln. Ich habe noch fünf, sechs Profijahre vor mir. In denen sollte es sich schon auszahlen – ­sodass ich mir danach keine finanziellen Sorgen mehr machen muss.

Müssen Sie sich das noch?
Nun ja, je nachdem, wie man es sieht. Zumindest, wenn ich in die Schweiz komme (lacht).

Erstellt: 24.11.2015, 18:49 Uhr

Jan Frodeno

Meister aller Klassen

Dem 34-jährigen Deutschen glückte im Oktober auf Hawaii eine Premiere: Als erster Triathlet gewann er nach Olympiagold auch den WM-Titel über die Langdistanz (3,8 km Schwimmen, 180 km Rad, 42 km Laufen). Der hochgewachsene Sportler (1,94 m) wuchs mit seinen Eltern in Südafrika auf, wo er sich erst als Schwimmer versuchte. Heute lebt er in Girona (Sp) und Noosa (Au). Erst mit 19 wechselte er zum Triathlon, motiviert durch die Olympiapremiere der Sportart 2000. Acht Jahre später war er selber Olympiasieger. Das Frauenrennen in Peking gewann die Australierin Emma Snowsill. Mittlerweile heisst sie Frodeno mit Nachnamen und erwartet in zwei Monaten das gemeinsame Kind. Jan Frodeno wechselte erst 2013 auf die Langdistanz, der WM-Sieg auf Big Island war gerade einmal der vierte Ironman-Wettkampf seiner Karriere. (ebi.)

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