Ein Land im Basketballfieber

Erstmals in der Geschichte der weltbesten Liga hat ein kanadisches Team den NBA-Titel geholt – ein Erfolg mit Langzeitwirkung.

Die Entscheidung nach einer langen Saison: Kawhi Leonard sichert den Sieg und die Meisterschaft. (Video: nba.com)

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Kanada feiert. Nicht einen Erfolg im Nationalsport Eishockey, sondern den NBA-Titel der Toronto Raptors. Gemäss dem Sportsender TSN sahen Menschen in 59 übers ganze Land verstreuten Public-Viewing-Zonen, wie die Raptors in Oakland, Kalifornien, das sechste Spiel der Finalserie gegen die Golden State Warriors 114:110 gewannen. Die Einschaltquoten in der Finalserie übertrafen jene für den Stanley-Cup-Final deutlich, und das obwohl das Team von NHL-Champion St. Louis vorwiegend aus Kanadiern besteht und im Kader der Raptors mit Chris Boucher nur ein Einheimischer figuriert.

Eine kanadische Erfindung

Die geteilte Freude über den historischen Triumph, den der erste Titel für die Raptors darstellt, hängt damit zusammen, dass es im fast 10 Millionen Quadratkilometer grossen Land nur eine einzige NBA-Equipe gibt, obwohl mit James Naismith ein Kanadier Basketball erfunden hat. Naismith führte die erste Form des Spiels 1891 sinnigerweise südlich der Grenze ein. 1995 expandierte die NBA nach Kanada; während die Grizzlies 2001 von Vancouver mangels sportlichem und kommerziellem Erfolg nach Memphis dislozierten, etablierten sich die Raptors. Dies gelang nicht zuletzt wegen Vince Carter, der 1998 zur Mannschaft stiess und durch seine spektakuläre Spielweise erheblichen Anteil daran hatte, dass Basketball im Eishockeyland bei vielen Jungen plötzlich als cool galt. Mit 13 Spielern stellte Kanada in der abgelaufenen Saison hinter den USA das grösste Kontingent an NBA-Profis.

Gut zwei Jahrzehnte später spielt Carter immer noch – bei Atlanta. Die grosse Figur in Torontos Ensemble ist nun Kawhi Leonard. Obwohl die Mannschaft breit aufgestellt ist, wäre der Titel ohne den 27-Jährigen nicht möglich gewesen. Im siebten Spiel des Viertelfinals gegen Philadelphia sorgte er in letzter Sekunde für die Entscheidung. Die Schlusssirene war schon ertönt, als der Ball einmal, zweimal, dreimal, ja viermal auf dem Ring aufprallte, um dann doch noch durchs Netz zu gleiten.

Überhaupt schien der Erfolg der Raptors Schicksal zu sein. Denn eigentlich war der Titel schon vor Saisonbeginn respektive nach der Verpflichtung DeMarcus Cousins’ an Golden State vergeben gewesen. Doch dann verletzte sich Cousins und war nicht die gewünschte Stütze. Kevin Durant, den nicht Wenige für den besten Spieler der Welt halten, riss beim Comebackversuch die rechte Achillessehne, nachdem er sich im Viertelfinal an der Wade verletzt hatte. Und schliesslich fiel mit Klay Thompson im Final ein weiterer Star aus, zuerst für ein Spiel, und dann im dritten Viertel der letzten Partie durch einen Kreuzbandriss definitiv aus. Da führten die Warriors noch.

Weiter im Trend

Leonards Vertrag läuft aus. Daher ist unklar, ob die Raptors 2020 zu den Titelanwärtern zählen werden. Doch der Triumph wird so oder so langfristig wirken, wurden in den letzten Wochen doch viele Kanadier mit dem Basketballvirus infiziert. Der Anteil der Buben, die davon träumen in der NBA statt in der NHL für Furore zu sorgen, wird ansteigen. Das gilt umso mehr, als die Einwohnerquote zunimmt. Und die meisten Immigranten kommen aus Ländern, in denen Eishockey kein Thema ist.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 14.06.2019, 12:48 Uhr

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