Ein Onlineportal revolutioniert die Sport-Berichterstattung

«The Athletic» verändert in den USA die klassischen Medien grundlegend. Nun folgt die Expansion nach England – im grossen Stil.

Von 3 auf gegen 400 Journalisten: Das Onlineportal «The Athletic» umfasst 47 lokale Redaktionen.

Von 3 auf gegen 400 Journalisten: Das Onlineportal «The Athletic» umfasst 47 lokale Redaktionen.

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Natürlich war die Aussage geschmacklos. Also ruderte Alex Mather zurück und bedauerte – aber freute sich insgeheim vermutlich doch. Denn der Ton war gesetzt, die grossmundige Ansage platziert, und die Empörung darüber verschaffte ihr nur noch mehr Aufmerksamkeit. Und ­damit seinem Produkt.

Mather ist Mitbesitzer des Sportportals «The Athletic», ­Anfang 2016 als Start-up gegründet mit dem Vorhaben, «im Sportjournalismus einen neuen Standard zu setzen». Darum schien es ihm wichtig, seine ­Herangehensweise besonders drastisch zu formulieren. Also sagte er diese Sätze: «Wir werden die lokalen Zeitungen austrocknen lassen und nehmen ­ihnen die besten Talente weg. Danach warten wir einfach ab, bis sie ausgeblutet und wir ‹the last man standing› sind.»

Gut drei Jahre ist das her, und seither ist einiges geschehen im amerikanischen Sportjournalismus. Er wurde umgekrempelt, ganz einfach. Quer durch das Land kündigte ein Redaktor nach dem nächsten seine teilweise gut bezahlte Position bei seiner Zeitung – und wechselte zu «The Athletic». War das Portal 2016 mit 3 Journalisten in zwei Städten gestartet (Chicago und Toronto), beschäftigt es heute gegen 400 Journalisten in 47 lokalen Redaktionen. In Metropolen wie New York oder Los Angeles genauso wie in kleineren Städten wie Memphis, das Ende 2018 als letzter Markt hinzukam. Seither deckt «The Athletic» jedes Team in einer der vier grossen Profi­ligen mit eigenen Reportern ab.

Wieder den Nerv getroffen

Und die Lokalblätter? Die wurden ausgetrocknet. Regelrecht ausgeblutet, wie von Mather angekündigt. In kleineren Märkten gibt es schon seit längerem nur noch eine gedruckte Zeitung mit immer weniger Mitarbeitern – und die wurden inzwischen nicht selten von «The Athletic» abgeworben. Wie die «New York Times» schreibt, ­beschäftigten beispielsweise die «San Jose Mercury News» zwischenzeitlich keinen einzigen Sportjournalisten mehr.

Mather und Geschäftskollege Adam Hansmann hatten 2009 an der Entwicklung der Tracking-App «Strava» mitgearbeitet, die dank Social-Media-­affiner Ausdauersportler zum erfolgreichen Geschäftsmodell wurde. Nun scheinen sie auch mit «The Athletic» einen Nerv zu treffen. Das Portal verspricht hochwertigen Journalismus ohne Werbung, ­dafür lange Hintergründe und Porträts aus den Federn prominenter Schreiber, hochwertig produziert, dazu Videos und Podcasts.

Finanziert wird das Portal über eine Monatsgebühr von derzeit zehn Dollar. Genaue Zahlen zu den Abonnements sind vom Unternehmen nicht zu erfahren, es sollen aber deutlich mehr als 100000 User sein. Das entspricht – weniger als vier Jahre nach der Gründung – den Zahlen der gesamten «Los Angeles Times».

Zudem ist die Erneuerungsrate mit über 90 Prozent sehr hoch, obschon das Abonnement – wie bei Netflix, aber im Gegensatz zu den meisten traditionellen Medien – jederzeit gekündigt werden kann. Auch der Markt glaubt an den Erfolg: «The Athletic» wurde in vier Fundraising-Runden seit 2015 Kapital von fast 90 Millionen Dollar gesprochen.

Und noch scheint der Hunger der Gründer Mather und Hansmann nicht gestillt. Im Wochenrhythmus gibt «The Athletic» die Verpflichtung neuer Journalisten und die Abdeckung weiterer Genres bekannt – wie vor kurzem den Ausbau der Berichterstattung im amerikanischen Hochschulsport sowie in den verschiedenen Motorsportserien. Mather nannte einmal die Nutzerzahlen von ESPN+ als Vergleichswert. Der Onlinedienst des TV-Riesen im Besitz von Disney hat mehr als eine Million Abonnenten.

«The Athletic» dürfte den amerikanischen Markt mit 47 Lokalredaktionen abgedeckt haben. Und expandiert jetzt darum nach England. In seinem gewohnt grossen Stil: Am Montag gab das Unternehmen die Verpflichtung von zahlreichen namhaften britischen Journalisten bekannt und lancierte die englische Version des Portals, um das sich zuletzt viele Gerüchte gerankt hatten.

Gegen 60 zum Teil renommierte und preisgekrönte Journalisten von nationalen Zeitungen wie der «Times» oder des «Guardian» und auflagestarken Lokalblättern wie des «Liverpool Echo» hatten in den vergangenen Wochen überraschend ihren Abgang öffentlich gemacht – aber noch keiner den neuen Arbeitgeber. Bis Montag. «The Athletic» mag den grossen Knall.

Fussball zieht Leser an

Bei den meisten Journalisten handelt es sich um Fussball­reporter, denn nach eigenen Angaben hat das Portal erkannt, wie gut Fussballthemen Leser anziehen – selbst daheim in Nordamerika. Seit Montag hat nun jeder Premier-League-Club seine eigenen Mitarbeiter, die grösseren gar eine eigene Redaktion. Auch Ligen wie die deutsche oder spanische werden neu regelmässig abgedeckt: Seit Montag ist ein längeres Interview mit Mario Götze freigeschaltet.

Wie den Kollegen in Nordamerika bleibt derweil den traditionellen Zeitungen auch in England bloss das Staunen. Und Hektik. «Verdammt, das geht hoch wie eine Bombe», sagt ein gestandener Fussballredaktor gegenüber «Buzzfeed». Die Newssite berichtet, dass bei der Londoner «Times» bereits mehrere Krisensitzungen abgehalten worden seien, wie die nahende Premier-League-Saison vernünftig abgedeckt werden soll. In ­anderen Redaktionen dürfte das kaum anders sein – das englische Fussballjahr beginnt diesen Freitag mit Liverpool - Norwich.

Um die verbliebenen Mitarbeiter an Bord zu behalten, bekommen viele Sportredaktionen im Land ein grösseres Budget – und die Journalisten mehr Lohn. «Es ist Transferphase im Sportjournalismus», zitiert «Buzz­feed» den Redaktor. Einer seiner Kollegen, ebenfalls nicht namentlich genannt, hat das Angebot von «The Athletic» abgelehnt. Seine Furcht: «Sie haben massenhaft Geld und werfen damit um sich. Das ist toll. Noch besser wäre es, wenn all die Journalisten in zwei Jahren noch einen Job haben.»

Erstellt: 05.08.2019, 21:23 Uhr

Sportportale haben in Nordamerika viel Publikum

Wo viel Sport betrieben wird, wird viel darüber berichtet – und in Nordamerika wird sehr viel Sport betrieben. Sport ist bei den traditionellen Medien deshalb genauso Zugpferd wie auf den vielen Websites im Internet.

Lange bevor «The Athletic» angetreten ist, um den Sportjournalismus zu verändern, haben andere Sportseiten ihre ­Nische längst erkämpft. Mit teilweise grossem Erfolg. Seit 2003 gibt es «Barstool Sports», das seinem Namen gerecht werden soll, indem es die Perspektive des Fans auf einem Barhocker wiedergibt. Gerüchte, Skandale und das Ziel, in den sozialen Medien viral zu gehen, bestimmen den Inhalt, oft geht es dabei nicht einmal um Sport. Selbst Gründer David Portnoy bezeichnete das Portal einmal als «smut», Dreck.

Eine Spur anständiger kommt «Deadspin» daher und doch: Das Portal gehörte ursprünglich Gawker Media, jenem Konzern, der 2016 finanziell daran zerbrach, dass er widerrechtlich ein Sextape des einstigen Wrestlers Hulk Hogan veröffentlichte. Nach dem Konkurs ging «Deadspin» wie andere Gawker-Titel an G/O Media über und verpasste sich einen seriöseren Anstrich. Trotzdem wagt die Site weiterhin den Seiltanz am Rand der ­legalen Berichterstattung.

Ein Vorbild für «The Athletic» war der «Bleacher Report», der bereits ein Büro in London unterhält. Vier Freunde in San Francisco hatten die Site 2005 gegründet, und auch sie hatten zum Ziel gehabt, den Sportjournalismus zu verändern: Zunächst konnte jeder registrierte User eigene Artikel verfassen. Das Konzept wurde 2010 verworfen, inzwischen produziert eine Redaktion Texte und Videos, zudem mischt sie im Kampf um Streamingrechte mit. 2012 erstand der Medienkonzern Turner die Site für 175 Millionen Dollar.

Die andere Seite zeigt «The Players’ Tribune»: Hier erhalten Sportler die Bühne, ihre Sicht der Dinge darzulegen. Derek Jeter, ehemaliger New York Yankee, gründete die Plattform 2014 und fand schnell Athleten, die auf diese Weise die traditionelle ­Berichterstattung umgehen.

Auf dem Portal sind schon einige bemerkenswerte Artikel erschienen. Etwa legte der frühere Footballer John Urschel offen, weshalb er seine Sportkarriere 26-jährig beendete – um jene als Mathematiker nicht länger zu gefährden. Auch Xherdan Shaqiri trug 2018 mit einem Beitrag zur «Players’ Tribune» bei. (wie)

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