Eine Familie gibt sich eins aufs Dach

Im Zürcher Sihlhölzli flogen die Fäuste zu Gusti Strobls Ehren. Neben ­blutenden Nasen waren auch Liebkosungen zu sehen.

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Kennen Sie Gusti Strobl? Nein? Dann ­haben Sie eine Bildungslücke. Der etwas knorrige, aber liebenswürdige Gusti Strobl war jahrzehntelang das Herz und die Seele des Box Club Zürich. Bis er 2013 mit 73 überraschend verstarb. Kurz nachdem er den Sportpreis der Stadt ­Zürich in der Kategorie Sportförderung erhalten hatte.

Der Vorstand wollte seinem Ehrenpräsidenten ein bleibendes Andenken bewahren. Die Frage lautete: Was wünschte sich Strobl, wenn er noch leben würde? Natürlich: Boxkämpfe, nichts als tolle Boxkämpfe. So war die Idee rasch geboren: Ein Gusti-Strobl-­Memorial-Cup sollte auch in ­Zukunft an den Verstorbenen erinnern.

Aus den Garderoben riecht es nach Dul-x und Perskindol.

Am Samstag fand im Zürcher Sihlhölzli der 3. Internationale Memorial-Cup statt. Aus den Garderoben, in denen sich sonst Schülerinnen und Schüler vor dem Turnunterricht umziehen, riecht es nach Dul-x und Perskindol. In der Mitte der Turnhalle der Ring, der eigentlich ein quadratisches Podium ist, umrahmt von den vier dicken Seilen, in denen gelegentlich die Verlierer hängen. Und an der Decke das Gerüst für die Scheinwerfer und Soundboxen.

Um den Ring stehen sternförmig gut besetzte Festbänke. Und los gehts schon. Schlag auf Schlag folgen die Fights in den verschiedenen Alters- und Gewichtsklassen. Neben Rookies steigen auch Routiniers mit bis zu 100 Kämpfen in den Ring.

Freudenschreie in der Fanecke

Die Sprecherin Meline Sieber kündet ­Horia Trif vom Box Club Zürich und den Deutschen Andrei Holiartoc im Halbweltergewicht an. Moritz Hager, Cheftrainer des Box Club, gibt seinem Schützling letzte Anweisungen und schickt ihn in der roten Ecke in den Ring. Der Ringrichter, schwarze Hose, weisses Hemd und schwarze Fliege, fordert die beiden ­Boxer mit einer energischen Handbewegung auf, ihre Fäuste sprechen zu lassen. Die beiden lassen sich nicht lang ­bitten und gehen sofort hart zur Sache. Ohne sich zu belauern, suchen sie die Lücke in der Verteidigungsmauer des Gegners, um ihre Faust an seinem Kopf und Körper zu platzieren.

Trif landet eine gerade Rechte am Kopf des Gegners, das unverkennbare Geräusch zeigt dem Publikum an, dass seine Faust das Ziel ungebremst getroffen hat. In der Fanecke verkünden Freudenschreie, Pfiffe und Klatschen den Punkt.

Und die Punktrichter, unter ihnen der Zürcher Kantonsrat Thomas Marthaler, zehnfacher Schweizer Meister bei den Schwergewichten, notieren den Punkt auf ihrem Kampfblatt. Zwei Kinder hüpfen vor Freude, rudern mit den Armen und boxen in die Luft, als wollten sie Trif ihre Fäuste leihen.

Trainer Hager klatscht mahnend in die Hände und ruft seinem Boxer zu, nicht nachzulassen und sofort nachzusetzen. Zehn Sekunden vor Ablauf der drei Minuten klopft Zeitnehmer Arnaldo Homberger mit einem Hammer dreimal auf den Tisch und läutet dann die erste Runde mit einem Schlag auf die Glocke ab. Hager reicht Trif die Trinkflasche, prüft sein Gesicht, fächelt ihm mit dem Handtuch Luft an den Kopf, fixiert beschwörend seine Augen und redet eindringlich auf ihn ein. Die Schweissperlen in seinem ­Gesicht sind fast so zahlreich, wie auf der Stirn seines Schützlings.

Der letzte, sanfte Schlag

Nach der dritten Runde hebt der Ringrichter den Arm von Trif in die Höhe, die Sprecherin erkürt ihn zum Sieger nach Punkten. Die beiden Boxer umarmen sich freundschaftlich und geben sich einen letzten, diesmal sanften Schlag an den Kopf, der wie eine Liebkosung wirkt.

33-mal steigen an diesem Samstag ­Boxerinnen und Boxer in den Ring, um sich mit den Fäusten zu traktieren. 33 mal lassen sich die Siegerinnen oder Sieger feiern, während ihre Kontrahenten mit hängenden Schultern den Ring verlassen.

So endet nach 22 Uhr ein sympathischer Anlass, auch wenn Fäuste flogen und Nasen bluteten. Die Amateurboxer bilden eine grosse Familie, die sich nur im Ring eins aufs Dach gibt. Es ging auch nicht um Geld oder Titel, sondern um die Erfahrung und die Ehre. Und um Gusti Strobl, dem sie das Rendezvous im viereckigen Ring verdankten.

Erstellt: 31.10.2016, 11:42 Uhr

Was wünschte sich Gusti Strobl, wenn er noch leben würde? Natürlich: Boxkämpfe, nichts als tolle Boxkämpfe. Foto: PD

Das Plakat zur Veranstaltung.

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