Zum Hauptinhalt springen

Er hat ihn vor sich hergetrieben, ihn regelrecht vermöbelt

Sieben Runden lang demonstriert Tyson Fury im Kampf gegen Deontay Wilder seine Überlegenheit – und doch dürfte es ein drittes Duell geben.

Jürgen Schmieder
Seit 30 Profikämpfen unbesiegt: Der Brite Tyson Fury (31) mit neuem Gürtel. Foto: Etienne Laurent (Keystone)
Seit 30 Profikämpfen unbesiegt: Der Brite Tyson Fury (31) mit neuem Gürtel. Foto: Etienne Laurent (Keystone)

Verrückt. Dieses Wort wird inflationär verwendet für so ziemlich alles, was nicht langweilig ist. Dieser Abend in Las Vegas jedoch, dieser Kampf zwischen dem Briten Tyson Fury und dem Amerikaner Deontay Wilder, das ganze Gedöns drumherum – all das steht symbolisch dafür, was diese Sportart derart faszinierend und zugleich völlig gaga macht. Im Nachhinein lässt es sich nicht mehr zweifelsfrei klären, welches der Moment war, in dem jeder wusste, dass dieser Abend eines war: verrückt.

«Der König ist zurück auf seinem Thron»

Tyson Fury

Vielleicht war es jener, in dem Fury auf einem Thron zum Ring kam. Oder als Wilder in einem Outfit erschien, mit dem er auch als Bösewicht in japanischen Manga-Comics auftreten könnte. Oder jener in der siebten Runde, in dem Fury offenkundig Blut von Wilders Nacken leckte. Oder als Fury nach seinem vorzeitigen Sieg das Lied «American Pie» von Don McLean vortrug, a cappella natürlich.

Wilders mutige Aussage

Wahrscheinlich aber war der verrückteste Moment jener, als der noch immer benommene Wilder behauptete, dass selbst die grössten Boxer einmal verloren hatten und danach zurückgekehrt seien, und dass dies auch für ihn gelte. Was nach einer so deutlichen Niederlage eine mutige Aussage war. Aufgrund der Vertragsdetails dürfte sie dennoch der Wahrheit entsprechen.

Fury hat Wilder nicht besiegt, er hat ihn bestraft. Er hat ihn vor sich hergetrieben, ihn regelrecht vermöbelt. Er nutzte alle Schläge, die erlaubt sind, er platzierte Kombinationen an Kopf und Körper, er war beweglicher, technisch und taktisch besser. In der siebten Runde – Fury prügelte auf den wehrlos in der Ecke kauernden Gegner ein – warf Wilders Trainer das Handtuch als Zeichen der Aufgabe. Die einzige vernünftige Antwort auf die vorwurfsvolle Frage seines Schützlings («Warum hast du das getan?») konnte sein: Weil der Typ dich sonst umgebracht hätte.

Fury hat Wilder nicht besiegt, er hat ihn bestraft. Er hat ihn vor sich hergetrieben, ihn regelrecht vermöbelt.

«Unfinished Business» lautete das Motto dieses Kampfes, nach einem Unentschieden im ersten Duell im Herbst 2018. Wilder hatte Fury damals zwar brutal niedergeschlagen – der Brite aber dennoch das Geschehen dominiert; das Unentschieden war ein höchst fragwürdiges Urteil.

Am Samstag war Fury vom ersten Gong an darum bemüht, seine boxerischen Vorteile zu demonstrieren. Wilder, der kraftvollste Schläger des Schwergewichts, traf zwar in der ersten Runde mit zwei rechten Fäusten, aber es war Fury, der geduldig und doch zielstrebig auftrat. Und der traf, wieder und wieder. Dem Amerikaner blieb bereits in der dritten Runde nur noch die Hoffnung auf den einen rettenden Schlag. In der fünften Runde ging er nach einem Körpertreffer von Fury erneut zu Boden, in der sechsten Runde konnte er kaum noch seine Fäuste oben halten. Dass er sich in der siebten Runde nach weiteren krachenden Treffern von Fury überhaupt auf den Beinen hielt, war Wilders grösste Leistung.

Fury lässt verlauten: «Der König ist zurück auf seinem Thron.» (Bild: Keystone)
Fury lässt verlauten: «Der König ist zurück auf seinem Thron.» (Bild: Keystone)

Man sollte glauben, dass die Angelegenheit nun erledigt ist. «Der König ist zurück auf seinem Thron», sagte Fury. Er ist in 30 Profikämpfen unbesiegt und der Erste in der Geschichte dieser Sportart, der zwei Weltmeister entthront hat, die ihren Titel häufiger als zehnmal verteidigt hatten: Wilder und Wladimir Klitschko vor vier Jahren. Ein Typ wie Fury ist der Traum vieler Vermarkter, weil er vielen Worten vor den Kämpfen spektakuläre Taten folgen lässt und deshalb für Abende sorgen könnte, an denen sich Boxen so anfühlt, wie es sich anfühlen sollte.

Sie teilen sich 60 Millionen

Boxen fühlt sich aber auch deshalb nicht mehr so an, weil es viel zu selten vorkommt, dass die beiden Besten einer Gewichtsklasse gegeneinander antreten. Falls sich die Besten doch begegnen, dann tun sie das meist zu spät, wenn sie schon viel Geld verdient haben. Was nun passieren sollte: Fury (31), Weltmeister des Verbandes WBC und allgemein anerkannter Regent des Schwergewichts, sollte gegen Anthony Joshua (GBR) antreten, dem die Gürtel der Verbände IBF, WBA und WBO gehören. Das wäre der Kampf, den alle sehen wollen.

Was dafür passieren wird: Fury und Wilder (34) haben bei den Verhandlungen zu diesem Rückkampf nicht nur beschlossen, die Kampfbörse von prognostizierten 60 Millionen Dollar zu teilen – sie haben auch verabredet, dass der Gewinner dem Unterlegenen einen dritten Kampf ermöglichen muss, solange Letzterer eine 40:60-Verteilung akzeptiert. Wilder sagte, dass der Handtuchwurf verfrüht gewesen sei. Später merkte er an, dass der Niederschlag in der dritten Runde wie ein unerlaubter Hieb an den Hinterkopf ausgesehen habe. Danach habe die Balance gefehlt, die Beine seien wacklig gewesen, aber er habe eben nicht aufgeben wollen.

Wilders hatte keine Chance. (Bild: Keystone)
Wilders hatte keine Chance. (Bild: Keystone)

Die Angelegenheit ist erledigt, und doch dürfte es zu einem dritten Kampf kommen – nicht, weil die Leute das sehen wollen, sondern weil die Vermarkter ihnen einreden werden, dass sie das unbedingt sehen müssen. Das schadet dieser Gewichtsklasse, die gerade eine Renaissance erlebt, und es schadet dem Boxen. Es ist: verrückt.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch