Center in der besten Liga der Welt

Basketballer Clint Capela ging als zweiter Schweizer in die NBA. Bei den Houston Rockets hat er sich vom Ersatzspieler zur Teamstütze entwickelt.

«Früher dachte ich nach einem vergebenen Freiwurf, ich sei schlecht», sagt Clint Capela in Zofingen. «Heute weiss ich, dass ich gut bin.» Foto: Thomas Egli

«Früher dachte ich nach einem vergebenen Freiwurf, ich sei schlecht», sagt Clint Capela in Zofingen. «Heute weiss ich, dass ich gut bin.» Foto: Thomas Egli

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Ende Juni ist in der NBA normalerweise Erholung angesagt. Die Aufregung des Playoff ist gewichen, die Champions sind im Feiermodus, die Verlierer verarbeiten ihren Frust. Clint Capela ist in diesem Moment vor allem müde. Sein Flug aus Übersee hatte Verspätung, er ist erst vor wenigen Stunden in Kloten ­gelandet. Am liebsten möchte er seinen Gastauftritt beim traditionsreichen ­Wilson-Nachwuchs-Basketballcamp in Zofingen verschieben, die Medien­termine sowieso und stattdessen im ­Zürcher Hotel schlafen.

Der 23-Jährige willigt dann aber doch in die Fragerunde ein, er weiss: Status bringt Bürde. Und schliesslich hat er sich mittlerweile als Center in der besten Liga der Welt etabliert: Drei Jahre nach dem Draft ist er bei Houston die Nummer 1 auf dieser Position. Seine ­statistischen Werte werden immer besser, in mehreren Kategorien figuriert er ligaweit in den Top 10. Trainer Mike D’Antoni ist beeindruckt: «Zuerst sass er bei uns am Ende der Ersatzbank, nun ist er für uns ein gewaltiger Faktor. Clint wird einmal wirklich gut.»

«Früher habe ich seine Resultate jeden Morgen im Teletext verfolgt.»Clint Capela über Thabo Sefolosha

Von allen Seiten wird dem Genfer mit afrikanischen Wurzeln All-Star-Potenzial nachgesagt, das hat er seinem Landsmann Thabo Sefolosha bereits voraus. Dieser war lange seine Inspiration, und auch heute bleibt der Schweizer NBA-Pionier eine spezielle Figur: «Früher habe ich seine Resultate jeden Morgen im Teletext verfolgt, letzte Saison waren wir vor einem Spiel in Atlanta gemeinsam essen. Es war wie ein Traum.» Speziell verlief auch das Treffen samt Selfie mit Cristiano Ronaldo nach dem Champions-League-Final. Allerdings nicht so, wie Capela erwartet hatte. «Am Fernsehen sieht er beeindruckend aus, mit den Bauchmuskeln und so. Neben mir war er aber so richtig klein.»

Kein Wunder, Capela wirft lange Schatten. 208 Zentimeter misst er, auf die sich mittlerweile 109 Kilogramm verteilen. 20 Kilo hat er zugelegt seit dem Draft, entscheidende Masse, um von den gegnerischen Bulldozern nicht herumgeschoben zu werden wie eine Spielzeugfigur. Sein Ziel ist auch für nächste Saison klar: «Ich bin noch lange nicht am Ende meiner Entwicklung. Ich will schneller werden, athletischer und noch mehr Gewichte stemmen können.»

Capelas Saisonhöhepunkte mit den Houston Rockets. Video: nbagleague

Spielerisch am beeindruckendsten ist die Entwicklung von der Freiwurflinie: Versenkte er in der ersten Saison nicht einmal jeden fünften Versuch, so landen nun über 60 Prozent im Korb. Nicht nur, weil er im Sommer jeweils 2500 Freiwürfe pro Woche machte: «Ich habe auch die Technik leicht verändert. Vor allem habe ich aber mehr Erfahrung und dadurch mehr Selbstvertrauen. Früher dachte ich nach einem vergebenen Freiwurf, ich sei schlecht. Heute weiss ich, dass ich gut bin.»

Der Supertransfer

Die vergangene Saison endete für Capela dennoch mit einer Enttäuschung. Die Houston Rockets schieden schon im Viertelfinal gegen die San Antonio Spurs aus. «Es hat enorm wehgetan, wir waren nahe dran», sagt Capela im Rückblick auf das Ausscheiden in sechs Spielen. Der 29. Juni aber dürfte ihm dann vorgekommen sein wie Weihnachten und Geburtstag zugleich. Die Texaner gaben bekannt, Chris Paul werde fortan für sie spielen, der Point Guard der Los Angeles Clippers und neunmalige All-Star. Damit verfügt Houston über zwei Spielmacher oberster Güteklasse, und erster Profiteur dürfte Capela sein. Neben James Harden erhält er einen zweiten Compagnon, dessen Zuspiele er immer wieder spektakulär verwerten kann. Zur Freude des Heimpublikums und natürlich zu seiner eigenen: «Chris bringt viel Erfahrung in unser Team, und ich kann die neue Saison kaum erwarten.»

Fast 24 Minuten stand Capela in der vergangenen Spielzeit im Durchschnitt auf dem Parkett, ein mehr als respek­tabler Wert. Nun will er den nächsten Schritt machen: «30 Minuten sind mein Ziel.» Damit wäre er endgültig unverzichtbar für dieses Team. Dass er diesem Status schon sehr nahe ist, merkte man unlängst. Er wurde als unverkäuflich bezeichnet, als Gerüchte über mögliche Tauschwerte für Carmelo Anthony aufkamen.

In Houston hat er sogar schon seine eigene kleine Videoshow, eine Seltenheit für einen 23-Jährigen. In «Acapella with Capela» singt er ohne Musikbegleitung. Seine Teamkollegen müssen ihm dabei zuhören und den Song erraten. «Ich tanze und singe gerne in der Garderobe. Da hat mich die NBA gefragt, ob ich das machen würde. Wir hätten aber nicht gedacht, dass es so gut heraus­kommen würde.» Er lacht und weiss: Geschmäcker sind verschieden.

Acapella with Capela, oder wie Clint Capela Jackson 5 singt.

Center geniessen in Houston einen ­besonderen Status. Hakeem Olajuwon erlangte in den 90-Jahren Legendenstatus, später avancierten die Rockets dank dem 226 Zentimeter langen Yao Ming in China zur populärsten westlichen Sportorganisation. Capela kennt die Schwierigkeit seiner Aufgabe: «Ich würde gerne in einem Atemzug mit ihnen genannt werden, aber dazu braucht es im Minimum einen NBA-Titel.»

Es wäre der dritte Titel für Houston, der erste seit dem Double 1994 und 1995. Wenn es nach Capela geht, wird das Warten schon 2018 nach 23 Jahren ein Ende haben: «Wir haben all die richtigen Puzzleteile. Wir sind ein Hochgeschwindigkeitsteam und ein Titelkandidat.» Auch dank Clint Capela.

Erstellt: 25.07.2017, 22:38 Uhr

Vertrag

Bald hinter Federer

Der erste Vertrag, den Clint Capela in der NBA unterschrieben hat, endet im nächsten Sommer und bringt ihm über vier Jahre total etwas mehr als 6 Millionen Dollar ein. Es ist damit zu rechnen, dass ihn die Rockets bald längerfristig binden wollen, um zu verhindern, dass der 23-jährige Genfer nach Auslaufen des Vertrags zu einem Konkurrenten wechseln kann. Begehrt wäre Capela vermutlich bei der halben Liga, seine Zukunft scheint rosig: Experten trauen ihm eine Verzehnfachung des Jahressalärs zu, was ihn finanziell zur Nummer 2 im Schweizer Sport hinter Roger Federer machen würde. Eine entsprechende Frage ist ihm unangenehm: «Über meinen nächsten Vertrag werde ich nun nicht reden. Ich versuche, weiter ­Fortschritte zu machen und das ganze Jahr gesund zu bleiben. Was dann kommt, ist sowieso gut.» Zum Vergleich: James Harden, sein Mentor und Freund, hat soeben für eine Verlängerung über vier Jahre 170 Millionen Dollar zugesprochen erhalten. «Er bezahlt, wenn wir essen gehen», sagt Capela und schmunzelt. (mke)

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