Er war der Schwinger des Volkes

Rudolf «Rüedu» Hunsperger war zwar nicht der grösste, aber der populärste Schwinger. Nun ist er 72-jährig gestorben.

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Fast wäre ihm damals die 700-fränkige Prämie flöten gegangen. Als 18-Jähriger war Rudolf Hunsperger zu seinem ersten Brünig-Schwinget angetreten, und als Jüngster je gewann ihn «Rüedu», wie sie ihn im Bernbiet nennen.

Mit einem solchen Coup hatte natürlich auch er nicht gerechnet – und erschien zur Siegerehrung im Zebrastreifen-Leibchen. Was natürlich nicht ging. Weisses Hemd oder Sennentracht sieht die Tradition vor, und sonst keine Prämie.

Der Protest des Publikums hat den OK-Chef dann umgestimmt. Überhaupt der Brünig: Fünfmal hat ihn Rüedu Hunsperger gewonnen. Noch heute ist er der jüngste Sieger, und noch heute ist er der Einzige, der bei diesem Bergfest die Maximalpunktzahl 60,0 erreichte (1974).

Der Rekrut, der als König in die RS zurückkehrt

Es war eine Blitzkarriere, die der Berner aus Habstetten hinlegte – geprägt von seinen drei Königs­titeln: Sieg 1966 in Frauenfeld, 1969 in Biel und 1974 in Schwyz. Hunsperger gewann 1968 auch das Unspunnenfest in Interlaken, dieses hatte damals allerdings noch keinen eidgenössischen Charakter.

Berücksichtigt man Kranzfestsiege und Erfolge an grösseren Anlässen, halten viele den acht Jahre älteren Karl Meli für den besten Schwinger jener Zeit. Auch Hunsperger hat das so gesehen, in einem Interview mit der SonntagsZeitung sagte er 2010: «Für mich ist Meli der grösste Schwinger, weil er nicht einfach 20 Jahre dabei war, sondern 20 Jahre lang der Sieg über ihn führte. Chapeau.»

Populärer aber war er, der Rüedu, der 1966 als Rekrut ans Eidgenössische nach Frauenfeld kam, um sich den ersten eidgenössischen Kranz zu erschwingen. Und wieder Hauptperson bei der Siegerzeremonie war – wieder nicht im weissen Hemd oder in der Tracht, sondern im «Tenue Grün».

Als 20-Jähriger hatte er den zweifachen König Meli gebodigt – eine neue Epoche hatte begonnen. Die eines jungen Schwingers, der gerne ein bisschen gegen die Gepflogenheiten rebellierte. In der RS aber genoss er gewisse Privilegien, er sagte: «Es war kein Nachteil, dass ich König geworden bin.»

«Ich war nicht auf Rekorde aus»

Nach dem zweiten Königstitel galt er natürlich auch 1972 in La Chaux-de-Fonds als grosser Favorit. Hätte er gewonnen, wäre er zurückgetreten. Weil aber sein Vater drei Tage vorher starb, verzichtete Hunsperger auf die Teilnahme – und schwang zwei weitere Jahre bis zum angestrebten dritten Titel.

Dann trat er mit 28 Jahren zurück. Im Buch «Könige, Eidgenossen und andere Böse» erklärte er sein Verhältnis zum Erfolg so: «Ich war nicht auf Rekorde aus. Bei Kari (Meli) und Jörg Abderhalden bestimmte der Schwingsport das Leben. Für mich war das nicht im gleichen Mass der Fall.»

Der Richter, sein Henker, die Leibwächter und der Bär

Seine Triumphe hat Hunsperger auch dank eines späteren Olympiasiegers errungen. Mit dem Leichtathleten und Bobpiloten Edy Hubacher funktionierte er seine Waschküche in einen Kraftraum um und profitierte von dessen Wissen – auch im koordinativen Bereich.

Verewigt haben sich die beiden aber noch auf einer anderen Bühne: Bei der Verfilmung von Friedrich Dürrenmatts «Der Richter und sein Henker» standen auch sie 1975 vor der Kamera – an der Seite von Jacqueline Bisset, Robert Shaw, John Voight und weiteren bekannten Schauspielern. Regisseur Maximilian Schell vertraute ihnen die Rollen von Leibwächtern des Bösewichts Gastmann an.  

Und noch einmal sollte Hunsperger – trotz Rücktritt – eine Saison prägen: Im Dezember 1976 kämpfte er in der «Nacht des Sports» gegen einen Bären – ein Skandal. Der Verband entzog ihm die Lizenz und verwehrte ihm am Eidgenössischen 1977 in Basel die traditionelle Königs-Ehrung.  

Spritze, Suizidversuch, Schlaganfall

Weniger Glück als im Sport hatte Hunsperger danach beruflich. Er war nicht der Garagist, der er sein wollte, und auch nicht der Wirt, dessen Betrieb brummt. Und seit der Jahrtausendwende kämpfte er mit gesundheitlichen Problemen.

Rückenbeschwerden wurden mit einer Spritze behandelt, die nicht steril war, eine Infektion, die immer wiederkehren sollte, trieb ihn zur Verzweiflung und im vergangenen Jahr in einen Suizidversuch, der misslang. Nach einem Schlaganfall letzte Woche ist Ruedi Hunsperger am Samstag gestorben. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 18.08.2018, 23:21 Uhr

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