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«Es wäre ein eklatanter Mangel an Respekt»

Die Ruderin Jeannine Gmelin ordnet seit Jahren alles den Olympischen Spielen unter und ist eine Medaillenkandidatin. Die Zürcherin fordert dennoch eine Verschiebung.

Marco Keller
«Die vier Monate bis zu den Spielen sind trügerisch», sagt die Ruderin Jeannine Gmelin.
«Die vier Monate bis zu den Spielen sind trügerisch», sagt die Ruderin Jeannine Gmelin.
Keystone

Plötzlich begann der Wettlauf mit der Zeit. Jeannine Gmelin war vor einer Woche an den Verbandstrials in München, als sich am Wochenende abzeichnete, dass Deutschland am Montagmorgen um 8 Uhr die Grenzen schliessen würde. Nach Rücksprachen, unter anderem mit Verbandsdirektor Christian Stofer, packte die 29-Jährige ihre Sachen und fuhr um Mitternacht los – einen Tag vor dem geplanten Abschluss, damit sie noch rechtzeitig nach Slowenien kam. Dort hatte die Zürcher Ruderin ihren nächsten Trainingsblock programmiert. «Ich bin die ganze Nacht durchgefahren, und es hat gereicht», sagt sie.

Seit einer Woche weilt sie nun zusammen mit ihrem Trainer Robin Dowell in Slowenien, und die Situation präsentiert sich ähnlich wie in der Schweiz. Bis auf Lebensmittelgeschäfte und Apotheken ist alles geschlossen. Wer in einen Laden will, muss zuerst die Hände desinfizieren und Plastikhandschuhe anziehen. Ansammlungen von mehr als fünf Personen sind verboten.

«Kann alles machen, ausser eben das»

Trainieren kann sie auf dem Wasser normal, der See liegt im Nationalpark. «Es ist wunderschön, die Natur ist gewaltig, und ich habe den See ganz für mich allein.» Für weitere Einheiten kann sie auch aufs Rennvelo steigen. Nicht möglich ist derzeit einzig das klassische Krafttraining, weil alle Indooranlagen geschlossen sind. Beklagen mag sie sich aber nicht. Sie weiss, dass diese Sorgen im Verhältnis zu denen von vielen anderen Sportlern und Nichtsportlern Lappalien sind: «Ich bin fit und gesund und kann alles machen, ausser eben dieses Krafttraining.»

Hanteln, Stangen und was sie sonst noch alles benötigt, könnte sie im Internet bestellen. Nur: Die Lieferfristen sind eine grosse Unbekannte. Zudem ist nicht klar, ob es vielleicht ein Kauf für nur eine Woche wäre, dann nämlich, falls sich das IOK bald zur Verschiebung der Spiele durchringt. Sie hat noch keinen definitiven Entscheid getroffen: «Robin und ich sind Macher, das deutet darauf hin, dass ich die Sachen bestellen werde. Aber natürlich frage ich mich schon, ob es Sinn macht.»

«Die vier Monate sind trügerisch», sagt die Ruderin Jeannine Gmelin zur verbleibenden Zeit bis zu den Spielen in Tokio. (Bild: Keystone)
«Die vier Monate sind trügerisch», sagt die Ruderin Jeannine Gmelin zur verbleibenden Zeit bis zu den Spielen in Tokio. (Bild: Keystone)

Die Sinnfrage, die stellt sie sich dieser Tage oft, wenn sie aufmerksam verfolgt, was in der Welt abläuft. Und immer wieder kreisen ihre Gedanken um Tokio. Olympische Spiele sind für Gmelin grundsätzlich das Nonplusultra, und dies nicht nur aus sportlicher Sicht: «Die Atmosphäre ist einmalig, die Verbundenheit mit Athleten aus der ganzen Welt, an der Schlussfeier und im Olympischen Dorf.»

Sie läuft aber auf der Suche nach der maximalen sportlichen Leistung nicht wie viele andere Athleten mit Scheuklappen durch die Gegend. Auch die Buschfeuer in Australien, die sie um den Jahreswechsel zum vorzeitigen Abbruch des Trainingslagers zwangen, beschäftigten sie. Das Argument, dass bis Tokio noch verhältnismässig viel Zeit bleibe, weil die Spiele erst in vier Monaten beginnen würden, lässt sie nicht gelten: «Die vier Monate sind trügerisch. In der Zeit vorher müssten noch extrem wichtige Sachen passieren. Viele Athleten haben noch ausstehende Qualifikationen, und auch die ganze Logistik verlangt viel Vorlaufzeit.»

Viele Länder stehen bei der Bekämpfung des Coronavirus aktuell an völlig unterschiedlichen Orten. Zwei Begriffe aus der olympischen Charta, über die das Internationale Olympische Komitee sein Handeln definiert, wären für sie absolut nicht gegeben: «Fairness und Respekt. Die Chancengleichheit in punkto Vorbereitungsmöglichkeiten existiert nicht, und auch die Dopingkontrollen sind extrem eingeschränkt. Es wäre ein eklatanter Mangel an Respekt gegenüber allen, als Athleten und Menschen, wenn man diese Krise nicht ernst nimmt und die Spiele wie geplant im Juli und August durchführt.»

«Wenn es irgendeinen Weg nach Japan gibt, will ich den auch gehen. Auch wenn es ein oder zwei Jahre länger dauern sollte.»

Falls sich das IOK dem immer stärker wachsenden Druck beugen sollte, würde sich als Nächstes die Frage nach dem Ersatzdatum stellen. Der Spätherbst wurde vereinzelt als Option genannt. Wahrscheinlicher wäre eine Verschiebung ins Jahr 2021, in dem allerdings der internationale Sportkalender auch schon proppenvoll ist oder sogar 2022.

Eine Lösung in diesem Jahr sieht Gmelin nicht: «Die Normalität ist komplett weg. Alle brauchen eine Verschnaufpause. Die Sportler, alle Leute, aber auch diejenigen, die einen solchen Anlass auf die Beine stellen müssen. Zudem ist ja auch nicht klar, ob in ein paar Monaten die Lage auf der ganzen Welt schon viel besser ist.»

Wie bei allen Athleten, die vor allem unter den olympischen Ringen im ganz grossen Fokus stehen, ist auch bei Gmelin alles auf einen Vierjahres-Zyklus ausgerichtet. Natürlich würden sich durch eine Verschiebung auch für sie persönliche Fragen stellen, die existenzielle Bedeutung erlangen könnten: «Macht mein Trainer noch ein Jahr weiter? Reicht das Budget? Unterstützen mich die Sponsoren auch weiterhin?» Eine Verschiebung könnte aber an ihren Absichten nichts ändern: «Wenn es irgendeinen Weg nach Japan gibt, will ich den auch gehen. Auch wenn es ein oder zwei Jahre länger dauern sollte.»

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