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Flüchtling, Türsteher, Weltmeister

Manuel Charr wurde angeschossen, hat zwei künstliche Hüften – und boxte sich zum Weltmeistertitel. Doch dieser ist umstritten.

Feierte sich und sein Team in Oberhausen nahe seinem Zuhause in Köln: Manuel Charr. Bild:Keystone
Feierte sich und sein Team in Oberhausen nahe seinem Zuhause in Köln: Manuel Charr. Bild:Keystone

Manuel Charr feierte bereits seine Einladung zum Kampf um den Weltmeistertitel im Schwergewicht, als sei das Drehbuch perfekt. Er empfand, dass er nur schon mit seinem Antritt «Geschichte schreiben» würde, so nannte er es auf Facebook. «Von der Strasse zu den Sternen» lautete sein Motto, auch eine Niederlage gegen den Russen Alexander Ustinow wäre für den Mann mit dieser Vergangenheit ein Erfolg gewesen.

Am Samstagabend aber kämpfte sich Charr nach Punkten überraschend und einstimmig nach Punkten zum ersten deutschen Weltmeister seit Max Schmeling. «Diesen Titel widme ich Deutschland. Frau Merkel, wir haben es geschafft», sagte Charr nach seinem Erfolg. Er tritt damit in die Fussstapfen Schmelings, «dem deutschen Schwergewichtsidol» («Hamburger Abendblatt») und Champion von 1930 bis 1932.

Doch sowohl der Kampf um den Titel als auch die Person Charrs sind in Deutschland umstritten – machen den neuen Weltmeister gemeinsam mit seiner Vergangenheit aber auch einzigartig speziell.

Alexander Ustinow (vorne) ist geschlagen, Manuel Charr Weltmeister. Bild: Keystone
Alexander Ustinow (vorne) ist geschlagen, Manuel Charr Weltmeister. Bild: Keystone

Mahmoud Charr kam vor 33 Jahren in Beirut im Libanon zur Welt. Seine Mutter flüchtete mit ihm und seinen Geschwistern nach Deutschland, der Vater war im Bürgerkrieg umgekommen, auch Charr wurde ins Bein geschossen. «Nach der Flucht musste ich mich in Deutschland fast jeden Tag prügeln, um zu überleben», sagt er. Er geriet immer wieder in Schwierigkeiten, war ein Grossmaul, lieferte sich ein Videoduell mit Sticheleien gegen Rapper Bushido.

Mit 16 steckte er als Türsteher in Holland einen Messerstich ein. 2006 wurde er verhaftet und angeklagt; es bestand Verdacht auf versuchten Totschlag. Das Landgericht Berlin sprach ihn frei, doch Charr schien die Probleme regelrecht anzuziehen. 2015 wurde er nach einem Streit mit einem Amateurboxer angeschossen, eine Notoperation rettete ihn. Erst da wusste er, dass es so nicht weitergehen konnte. Im «Hamburger Abendblatt» sagte er jüngst: «Ich bin wie eine Katze, die sieben Leben hat. Fünf habe ich verbraucht, deshalb musste ich etwas ändern.»

Der Boxer mit den künstlichen Hüften

Er stellte seine Ernährung um, verbannte Milchprodukte, isst heute an zwei Tagen pro Woche nur Grünes. Und vor allem: Die negativen Schlagzeilen verschwanden. Nicht aber seine Hüftprobleme. Genau jener Körperteil, das für jeden Boxer entscheidend ist, damit er beweglich bleibt, ausweichen und austeilen kann. Anfang Jahr stellte sich Arthrose im Endstadium heraus, heute besitzt er zwei künstliche Hüften. Nur sieben Monate nach der Operation wurde er nun Weltmeister. Märchenhaft hört sich das an, doch es gibt auch negative Töne.

«Der Spiegel» schreibt von einem «deutschen Weltmeister ohne deutschen Pass». Obwohl Charr behauptet, seit 18 Monaten die Staatsbürgerschaft zu besitzen, halten sich die Zweifel hartnäckig. Seinen Namen hatte er schon viel früher von Mahmoud zu Manuel geändert, er hoffte, sich so besser vermarkten zu können.

Diese Vermarktung gelang dem Grossmaul, er brachte es 2012 gar zu einem Kampf um den WBC-Titel gegen Vitali Klitschko. Dort ging er kläglich unter. Die «Süddeutsche Zeitung» schreibt: «Charr hat keinen besonders harten Schlag oder eine aussergewöhnlich raffinierte Technik. Er ist kein schneller Mann im Ring, kein cleverer Stratege. Er ist ein guter, solider Profiboxer, mehr nicht.»

«Heute habe ich zurückgeschlagen»

Ein solider Profiboxer, mehr nicht – aber Weltmeister. Doch die Kritiker sind schnell zur Stelle. Das «Hamburger Abendblatt» schrieb vernichtend: «Vergessen sollte man den Unsinn, der Nachfolger von Max Schmeling sei nach 85 Jahren endlich gefunden.» Sky-Kommentator Wolf-Christoph Fuss nannte den 33-jährigen Charr nicht etwa Champion, sondern «die neue deutsche Boxhoffnung».

Weltmeister ist Charr nämlich nur dank einer höchst umstrittenen Regelung des Verbandes WBA. Weil Champion Anthony Joshua auch den IBF-Titel besitzt, wird er als WBA-Superchampion geführt, weshalb es noch einen «normalen» Weltmeister unter Joshua braucht. Die Ansetzung des Kampfes zwischen Charr und Ustinow kam auch nur wegen Dopingfällen von besser klassierten Boxern zustande. «Irrlichtern» nennt dies das «Hamburger Abendblatt».

Manuel Charr kann da wenig dafür. Er sagte nach seinem Erfolg zwei Sätze, für die viele andere belächelt würden. Bei Charr hingegen bilden sie die Wahrheit ab: «Das Leben hat mich 33 Jahre lang geschlagen. Heute Abend habe ich das Leben zurückgeschlagen.»

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