Geliebter Dauerschmerz

Warum der 35-jährige Ruedi Wild nicht von der Triathlon-Langdistanz lassen kann – und was er am Sonntag in Zürich vorhat.

Kann er Seriensieger Ronnie Schildknecht bezwingen? Ruedi Wild glaubt daran. (Getty Images)

Kann er Seriensieger Ronnie Schildknecht bezwingen? Ruedi Wild glaubt daran. (Getty Images)

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Redet Ruedi Wild über sein Sportlerleben, sprudelt es aus ihm heraus. Wild hat viel zu erzählen nach über 20 Jahren Triathlon. Er begann in seiner frühen Jugend, war schnell erfolgreich. Er betrieb den Sport lange neben seinem Wirtschaftsstudium, mittlerweile arbeitet er Teilzeit bei einem Schweizer Sportnahrungshersteller.

Seine Karriere ist von Höhepunkten geprägt: Der EM-Titel bei den U-23 von 2005 ragt heraus, die zwei Titel an der Team-WM von 2009/10, der Aufstieg in die nationale Spitze und die Olympiateilnahme von 2012. Wild stieg auf die Halbironman-Distanz um und etablierte sich innert Kürze unter den Weltbesten. Im vergangenen Herbst gewann er WM-Bronze, diesen Frühling stand er trotz starker Gegner wiederholt auf dem Podest: auf den Philippinen, in Taiwan und beim Ironman 70.3 in Rapperswil-Jona.

Wild ist begeistert von seinem Sport. Trotzdem hat er in seiner Karriere eine Distanz oft weggelassen: Ironman. Bei seinem Fokus auf die halbe Länge konnte er sich mit den 3,86 km Schwimmen, 180 km Velofahren und 42,2 km Laufen nie wirklich anfreunden. Wild nennt seinen ersten Versuch über die lange Distanz, 2008 in Florida, einen «kurzfristigen Ausbruch aus der Routine».

Erst vor zwei Jahren wagte er sich wieder an einen Ironman. In Barcelona kam er nicht ins Ziel. Vor 15 Monaten bereitete er sich spezifisch auf den Ironman Südafrika vor – und beendete ihn stark. Als Sechster lief er mitten in die Weltelite und klassierte sich vor sämtlichen Schweizer Topathleten. Den bisher letzten Ironman absolvierte Wild im letzten Herbst in Hawaii. Er erkämpfte sich fünf Wochen nach der 70.3-WM den 21. Platz.

Zürich statt USA-Reise

Nun steht er also zum fünften Mal am Start eines Ironman. In Zürich möchte Wild morgen eine Topleistung abliefern. Seine spezifische Vorbereitung war kurz, erst vor fünf Wochen entschied er sich für den Start und gegen die 70.3-WM in den USA im September. Er fragt sich, ob die Zeit ausgereicht habe. Gleichzeitig betont er: «Die Gefahr der Monotonie im Training erledigte sich von selber. Und umso mehr werde ich versuchen, den Speed von der kürzeren Distanz zu nutzen.»

Mathematisch handelt es sich beim Ironman um ein doppeltes 70.3-Rennen. Wild aber weiss aus Erfahrung: «Jeder Triathlon ist hart und schmerzhaft, ein Ironman aber erfordert explizit eine ständige Auseinandersetzung mit dir selber.» An den Umgang mit heftigen Krisen und «einen dumpfen Dauerschmerz» denkt er. Wichtig seien darum das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und eine positive Einstellung, die auch so bleiben soll – gerade in den schwierigsten Augenblicken. Als Hassliebe bezeichnet Wild seine Einstellung zum Ironman.

Nach der WM in Hawaii im vergangenen Herbst hatte sich Wild gesagt: «Nie wieder.» Mittlerweile hat er umgedacht, ist die Lust am Meistern der Herausforderung gewachsen. Er will aus dem Erlebten die entscheidenden und richtigen Schlüsse ziehen. Gelernt hat er bei seinen bisherigen Ironmen, dass «bei diesem Gang durchs Leben im Schnelldurchlauf» Geduld und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten von entscheidender Bedeutung sind.

Siebenstündige Trainings

Wild ist überzeugt: «Einen Ironman gewinnt nicht zwingend derjenige mit den besten körperlichen Voraussetzungen und der besten Fitness, sondern derjenige mit dem stärksten Kopf.» Insbesondere die Fähigkeit, Krisensituationen erfolgreich zu meistern, sei gefragt. Wild hat diese Erkenntnis in seiner Vorbereitung umgesetzt. Alleine absolvierte er siebenstündige Trainings und versuchte, «die mentale Fitness mit bewusstem In-mich-Hineinhören aufzubauen».

Die gut acht Wettkampfstunden nimmt Wild im Wissen in Angriff, dass er über den grössten Leistungsausweis auf der Halbdistanz verfügt. Und dass er über die volle Länge sämtliche Titelanwärter bereits einmal geschlagen hat – auch Ronnie Schildknecht, der in Zürich schon 9-mal gewann. Wild weiss aber auch, dass ihm das keine Garantie auf einen guten Wettkampf liefert. Deshalb sagt er: «Ich bin ein Herausforderer von Ronnie Schildknecht und will diese Rolle bestmöglich füllen.» Wild fügt an: «Schildknecht muss gewinnen, ich darf.»

Erstellt: 29.07.2017, 09:53 Uhr

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