Goldsprint ins Leere

Christian Coleman wird in Doha erstmals 100-m-Weltmeister – überlegen, aber nach Turbulenzen.

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Die Welt war da, im Khalifa Stadium von Doha, nur Katar fehlte: Der erste Höhepunkt der Leichtathletik-WM im Golfstaat verpuffte ins Leere, die weltbesten Sprinter mussten den 100-m-König vor fast unbesetzten Rängen ermitteln. Wie bizarr das ist, erfuhr der neue Champion, als er sich mit seiner US-Fahne um die Schultern auf die Stadionrunde machte: Da war kaum jemand, der dem 23-jährigen Christian Coleman zugejubelt, ihn für seine Jahresweltbestleistung von 9,76 Sekunden gefeiert hätte. Welch Kontrast zur letzten WM 2017 in London, als das Olympiastadion zehn Tage lang mit 50 000 Zuschauern ausverkauft gewesen war. Coleman hatte damals hinter Justin Gatlin Silber gewonnen, gestern war es umgekehrt.

Und trotz dieser unwürdigen Szenerie war es ein spezieller Final. Denn er repräsentierte die Welt wie kaum je einer: Zwei Amerikaner, zwei Kanadier, zwei Europäer, ein Südafrikaner, ein Jamaikaner – und trotzdem gingen Gold und Silber erneut in die USA.

Coleman und die verpassten Dopingkontrollen

Der Ausgang dieses Rennens wird einen faden Beigeschmack behalten. Denn nach dem, was in den vergangenen Monaten geschehen ist, könnte man ein wenig zynisch sagen: Wenigstens den Finaltermin hat Coleman nicht verpasst.

Der Hallen-Weltrekordhalter über 60 m, der nun erstmals auch im Freien an Welttitelkämpfen triumphierte, hat drei Dopingkontrollen verpasst, was eigentlich eine automatische Sperre nach sich zieht. Doch die US-Anti-Doping-Behörde legte seinen Fall zu den Akten, nachdem Colemans Anwälte hatten weismachen können, dass sich die verpassten Kontrollen auf 366 und nicht 365 Tage verteilten. Dieser feine, aber entscheidende Unterschied verhalf dem Athleten zum WM-Start, nachdem er noch auf den Diamond-League-Final in Zürich verzichtet hatte.

Coleman hat sich damit keine Sympathien verdient, es gab Athleten, die ihn aufforderten, sorgfältiger mit seinen Meldedaten umzugehen. Es ist tatsächlich schwer vorstellbar, dass ein Spitzenathlet, dessen Leistungen und Verbesserungen nur noch von Details abhängen, mit so wichtigen Angelegenheiten so liederlich umgeht.

Eine Chance hatte im Final keiner gegen ihn. Akani Simbine (RSA) und Europameister Zharnel Hughes (GBR) reagierten im Startblock zwar eher, doch es war Coleman, der sich bereits nach der Startphase in Front gebracht hatte. Der Schnellstarter sprintete in 9,76 zur persönlichen Bestzeit, und schneller war in einem WM-Endlauf in den letzten 15 Jahren lediglich Usain Bolt bei seinem Weltrekord 2009 in Berlin.

Mit André De Grasse kehrt der «nächste Bolt» zurück

Dass sich Gatlin mit seinen 37 Jahren noch immer gegen die zum Teil viel jüngere Konkurrenz durchsetzen kann, lässt darauf schliessen, dass auch im kommenden Jahr an den Olympischen Spielen in Tokio mit ihm zu rechnen ist. In 9,89 erzielte er seine zweitschnellste Zeit der Saison.

Und: Zurück ist jener Mann, der noch an den Olympischen Spielen 2016 in Rio als «nächster Bolt» gehandelt worden war: Der Kanadier André De Grasse hatte damals drei Medaillen gewonnen, er schien der Talentierteste seit langem. Doch er verpasste die folgenden Jahre verletzungsbedingt und musste zusehen, wie die Amerikaner stärker und stärker wurden. Gestern nun knüpfte der 24-Jährige an einstige Erfolge an, in 9,90 lief er Bestzeit und verdiente sich damit Bronze.

Was für Alex Wilson möglich gewesen wäre, hätte er denn den Final erreicht, demonstrierten der EM-Fünfte Filippo Tortu und Aaron Brown. Tortu, der erste italienische WM-Finalist im Sprint seit der WM 1987 in Rom, wurde in 10,07 Siebter, der Kanadier Brown in 10,08 Achter. Das ist Wilsons Schweizer Rekordzeit.



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Erstellt: 29.09.2019, 08:54 Uhr

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