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«Golfer werden immer egoistischer»

Der Schweizer Regelexperte Yves C. Ton-That kämpft gegen den Sittenverfall auf den Golfplätzen.

Golfer – im Bild Tiger Woods – beanspruchen mit ihren Schlägen die getrimmten Rasenflächen enorm. Herausgeschlagene Rasenstücke (Divots) sind die Regel und müssten von den Spielern zurückgelegt werden, um den Schaden zu minimieren. Viele Amateure schenken sich inzwischen diese Mühe, worunter die Plätze leiden.
Golfer – im Bild Tiger Woods – beanspruchen mit ihren Schlägen die getrimmten Rasenflächen enorm. Herausgeschlagene Rasenstücke (Divots) sind die Regel und müssten von den Spielern zurückgelegt werden, um den Schaden zu minimieren. Viele Amateure schenken sich inzwischen diese Mühe, worunter die Plätze leiden.
Reuters
Ein US-Leutnant schlägt mit Kollegen bei einer Einsatzpause Bälle in die Wüste Afghanistans. Golf wird inzwischen fast überall praktiziert, «Urban Golfers» spielen sogar in abgelegenen Quartieren von Grossstädten, Parks oder in Kiesgruben.
Ein US-Leutnant schlägt mit Kollegen bei einer Einsatzpause Bälle in die Wüste Afghanistans. Golf wird inzwischen fast überall praktiziert, «Urban Golfers» spielen sogar in abgelegenen Quartieren von Grossstädten, Parks oder in Kiesgruben.
Reuters
Der Zürcher Yves-C. Ton-That, selber ein starker Golfer, hat sich mit Golfbüchern und dem in über 20 Sprachen übersetzten Guide «Golfregeln kompakt» international einen Namen gemacht. Nun ist er daran, sich zum Sittenwächter des Golfs aufzuschwingen und bekämpft den schleichenden Zerfall der Etikette, unter anderem mit einem neuen Werk zum richtigen Verhalten auf Golfplätzen.
Der Zürcher Yves-C. Ton-That, selber ein starker Golfer, hat sich mit Golfbüchern und dem in über 20 Sprachen übersetzten Guide «Golfregeln kompakt» international einen Namen gemacht. Nun ist er daran, sich zum Sittenwächter des Golfs aufzuschwingen und bekämpft den schleichenden Zerfall der Etikette, unter anderem mit einem neuen Werk zum richtigen Verhalten auf Golfplätzen.
privat
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Mit zweistelligen Zuwachsraten ist die Zahl der Golfer in den deutschsprachigen Ländern in den letzten zehn Jahren explodiert. Inzwischen schwingen in der Schweiz rund 100 000 Leute auf etwa 100 Anlagen ihre Schläger, teils privat, teils öffentlich, und selbst in Kiesgruben oder Stadtparks spielen «Urban Golfer» Bälle. Unter dieser Entwicklung leiden die Umgangsformen, der Zustand der sorgfältig getrimmten Anlagen sowie die Atmosphäre auf Greens und Fairways; die «Etikette», wie im Golf der Verhaltensknigge genannt wird, wird mehr und mehr übergangen.

Dieser Meinung ist zumindest der 41-jährige Zürcher Yves C. Ton-That, der sich als Regelexperte und Buchautor auch international einen Namen gemacht hat und an vorderster Front gegen diese Entwicklung kämpft. Bestärkt wird er von einer von ihm durchgeführten Umfrage unter allen Managern und Präsidenten der Golfclubs in der Schweiz, in Deutschland und Österreich, in der neun von zehn Rückmeldungen seine Meinung teilten, dass Handlungsbedarf bestehe.

Gemäss Ihrer Umfrage kommt man zum Schluss, dass im Golf die Sitten verrohen. Stimmt dieser Eindruck?

Verrohung ist mir etwas zu krass ausgedrückt. Aber die Verantwortlichen in den Clubs sind hochsensibilisert für dieses Thema. Es wird allgemein bedauert, dass die Etikette schleichend zerfällt. Ich habe niemanden gefunden, der sagt, das sei kein Problem.

Worin zeigt sich diese Entwicklung?

Etwa bei der Pflege und Schonung der Plätze. Pitchmarken und Divots, Ballabdrücke auf den Grüns und herausgeschlagene Rasenstücke, werden oft nicht ausgebessert. Insgesamt werden Golfer immer egoistischer, auf die Mitspieler wird immer weniger Rücksicht genommen. Das äussert sich auch im langsamen Spiel; heute dauert eine Runde über 18 Löcher oft fünf Stunden oder länger. Früher begegneten sich Spieler respektvoller.

Haben Sie konkrete Beispiele?

Ich höre immer wieder von Streitereien innerhalb von Flights, wie die Spielgruppen genannt werden. Leute kommen und sagen: Der war unsympathisch, bedankte sich nicht einmal, als ich seinen Ball fand, fluchte stets oder lief nach neun Löchern davon.

Golf galt lange als snobistischer Sport Bessergestellter, hat sich aber geöffnet. Wäre es nicht Zeit, dass sich gewisse verstaube Gepflogenheiten lockern, wie einst im Tennis, das früher als weisser Sport galt?

Man hört viele Stimmen, die fordern, Golf sollte nicht mehr so konservativ sein, man sollte Jeans zulassen und die Hemmschwelle senken, damit auch mehr jüngere Leute auf den Geschmack kommen. Das ist allerdings ein zweischneidiges Schwert. Denn so macht man den Sport weniger attraktiv für Leute, die diese Traditionen schätzen.

Lassen sich Golf und Tennis demnach nicht vergleichen?

Es gibt Parallelen. Aber Golf ist im Gegensatz zum Tennis in der Regel kein Zweikampf. Man spielt gegen sich selber oder alle anderen. Golf ist ein sogenanntes «self monitored game», in dem man sich selber überwacht und die Ehrlichkeit von so zentraler Bedeutung ist wie in kaum einer anderen Sportart. Jeder notiert sich seine Strafschläge, auch wenn kein anderer den Regelverstoss gesehen hat. Das alles gehört für mich zum Spirit of Golf, der in der Etikette am deutlichsten zum Ausdruck kommt. Golf ist auch eine starke Lebensschule. Im Fussball kannst du mit der Hand ein Tor schiessen, und alle klopfen dir auf die Schulter, wenn du den Pokal holst, auch wenn alle gesehen haben, dass du geschummelt hast. Das ist im Golf undenkbar.

Wo sehen Sie die Gründe für die negative Entwicklung? Gibt es sie auch in den klassischen Golfländern?

Das Problem mit dem langsamen Spiel ist global, damit kämpfen alle. Weil es viele Leute abschreckt und die Plätze schlechter ausgelastet werden können. Da gibt es Bewegungen wie «Ready Golf» oder «Express Golf». Aber wenn die Leute die Etikette einhalten würden, wäre das gar nicht nötig. Ein Grund ist, dass durch die Entwicklung zum Breitensport die Etikette nur ungenügend weitergegeben worden ist. Inzwischen gibt es Clubs, in denen alle Mitglieder neu sind in diesem Sport. Mit der Entwicklung zum Breitensport ist im Golf ein Rückgang von Regelund Etikettenwissen einhergegangen. Zudem glaube ich, dass in der heutigen Welt ein allgemeiner Rückgang von Ethik und Moral festzustellen ist. Es entspricht dem Zeitgeist; jeder schaut vor allem für sich selber.

Sie haben nun den Führer «Golfetikette kompakt» herausgebracht. Sehen Sie sich als Retter der hehren Werte im Golf ?

Eine solche Bezeichnung würde ich mir nie anmassen. Aber es ist mir schon wichtig, dass die Etikette wieder mehr ins Bewusstsein der Spieler rückt. Und die Resonanz ist sehr positiv, wir rennen offene Türen ein, gerade bei den Clubverantwortlichen. Das könnte auch daher rühren, dass es bisher erstaunlicherweise keine Literatur zum Thema Etikette gab. Es gibt zwar weit über 200 Seiten offizielle Golfregeln und über 500 Seiten sogenannte Decisions zu ebendiesen Regeln. Zur Etikette aber gibt es nur viereinhalb Seiten. Immerhin stehen diese ganz am Anfang des Regelbuchs, um zu unterstreichen, dass sie das Wichtigste am Ganzen sind.

Müsste hier auch das Gremium R&A in St. Andrews handeln, das über die Golfregeln wacht?

Tatsächlich gab es hier eine bemerkenswerte Entwicklung, indem 2008 gewisse Etikettenverstösse erstmals unter Strafe gestellt wurden. Für krasse Vergehen kann ein Spieler disqualifiziert werden. Und nun erwägt die R&A offenbar, auch noch Strafschläge für Verstösse der Etikette einzuführen. Dazu müsste diese aber meines Erachtens erst viel genauer definiert werden.

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