Grosse Begeisterung über einen seltenen Gast

NBA-Star Clint Capela verhilft dem Schweizer Nationalteam zu einer proppenvollen Halle und einem Sieg gegen Portugal.

Die Story über Capelas Rückkehr zum Schweizer Nationalteam. Video: Athlete's Stance

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Kurz nach der Schlusssirene wird der DJ in der Saint-Léonard-Halle übermütig, spielt er doch «We Are the Champions» ein. Nein, die Schweiz ist weder Welt- noch Europameister geworden, gefeiert wird der 77:72-Sieg in der EM-Vorqualifikation gegen Portugal – und vor allem Clint Capela. Der 25-Jährige ist das Aushängeschild des Schweizer Basketballs. Er spielt gewöhnlich in der NBA für die Houston Rockets, und weil er in der besten Liga der Welt zu den besten Centern zählt, wird er mit 18 Millionen Dollar fürstlich bezahlt. Pro Saison, versteht sich.

Die Queen-Hymne verstummt, Capela erhält ein Mikrofon und wendet sich an die Fans. Er spiele zwar in der NBA, spricht der Genfer mit afrikanischen Eltern ins Mikrofon, «aber die Schweiz ist mein Heimatland, das wird sich nie ändern». Solche Worte gehen den Zuschauern an diesem schönen Sommerabend runter wie kühle Getränke.

Rund drei Stunden vorher war die Warteschlange vor dem Haupteingang lang, obwohl ein Ticket für Erwachsene 40 Franken kostete. Normalerweise ist der Eintritt an Länderspielen frei, und doch finden sich jeweils keine 1000 Menschen in der Arena ein. Aber es ist eben kein normaler Match. Mit der Schlagzeile «Ein NBA-Star im St. Léonard» weisen die «Freiburger Nachrichten» oben auf der Titelseite auf Capelas Comeback nach fünf Jahren hin. Und vor der Halle stehen zwei Übertragungswagen; RTS und das RSI haben Livesendungen geplant.

Mehr als ausverkauft

Während zahlreiche Zuschauer, unter ihnen auffällig viele Kinder, auf Einlass warteten, machte Capela im kleinen Fitnessraum ein paar Übungen. Ihn plagen Schulterbeschwerden, deshalb wird er von seinem persönlichen Physiotherapeuten unterstützt. Kurz vor Beginn der Begegnung vermeldete Verbandspräsident Giancarlo Sergi im RTS-Interview, die 3000 Plätze seien ausverkauft, es stünden aber immer noch viele Leute vor der Halle. Er deutete an, dass auch den Überzähligen Einlass gewährt würde. Schliesslich handelt es nicht nur um einen Ernstkampf, sondern auch um eine Werbeveranstaltung für den Basketball im Land.

Das Duell mit Portugal, in der Weltrangliste auf Position 60 und damit 5 Plätze vor dem Gastgeber rangiert, entwickelte sich zu einem Kampf auf Biegen und Brechen. Capela, der mit seinen 2,08 Metern Freund und Feind überragte, agierte nicht fehlerfrei, markierte aber unter den Körben Präsenz und beschäftigte meistens zwei Kontrahenten. Und doch führten die Gäste über weite Strecken, was der Ambiance abträglich war. «Drei Viertel lang war das Publikum nicht da, es kam mir vor wie im Theater. Die Leute klatschten etwas, schossen Selfies oder Fotos von Clint, aber sie sorgten nicht für Stimmung», wird am Ende Thierry Guignet erzählen. «Die Halle war voll – merci, Monsieur Capela», stellt der Genfer dann doch noch etwas Positives in den Vordergrund. Er gehört zu einer Gruppe von gut 20 Personen, die mit Trommeln und Megafonen in der Halle den Ton angaben. Allesamt trugen sie Capela-Trikots. «Ein Geschenk des Verbandes», verrät Guignet.

Es gibt nur die Nummer 15

Am Merchandising-Stand waren ausnahmslos alle personalisierten Shirts mit der Nummer 15 und dem Namen Capela versehen. Sie waren in der Pause begehrt, trotz des stolzen Preises von 60 Franken. «Puh, das ist aber teuer», stammelte eine Mutter, kaufte das Trikot für ihren erwartungsfrohen Buben aber dann doch. Nach dem Seitenwechsel sorgte Capela für die spektakulärste Szene, indem er zuerst hechtend den Ball eroberte und diesen kurz darauf beidhändig durch den Korb drückte, als befände sich der Ring 2,05 und nicht 3,05 Meter über dem Boden. So offensichtlich war die Athletik des NBA-Centers sonst nie; in Houston fällt ihm das Brillieren leichter, wird er doch dort oft von Superstar James Harden mit grandiosen Pässen lanciert.

Im letzten Viertel holte Capela noch die 2 letzten seiner 11 Rebounds, es blieb allerdings bei 16 Punkten. Und doch gelang der Schweiz die Wende, nicht zuletzt dank den präzisen Würfen des Routiniers Dusan Madjan. 77:72 – grosser Jubel und dann eben «We Are the Champions».

«Die Gegner konzentrieren sich etwas weniger auf die anderen, deshalb haben wir etwas mehr Freiheiten» – Jonathan Kazadi erklärt, weshalb Capela für das Team auch wertvoll ist, wenn er gerade nicht punktet oder Rebounds pflückt. Der Berner erzählt, Capela sei immer noch derselbe wie mit 19 Jahren. «Klar, man spürt seine grosse Präsenz. Zum Beispiel, wenn man sieht, wie viele Leute bei ihm sind», sagt Kazadi und zeigt auf seinen von Autogrammjägern umringten Mitspieler. «Aber abgehoben ist er nicht.» Der 28-Jährige schaut schon vorwärts auf die Auswärtspartie gegen Island, die Nummer 50 der Welt. «Wir müssen herausfinden, wie wir Clints Qualitäten noch besser ausnutzen können. Je besser wir ihn integrieren, desto mehr kann er uns helfen.»

Ein schönes Problem

Während der einzige Deutschschweizer im helvetischen Kader von der ausverkauften Halle und vom «Clint-Effekt» schwärmt, verschwindet Capela im kleinen Medienraum. An der Pressekonferenz erzählt er, der Basketball hier sei ganz anders als in der NBA. «Es war ein hartes Spiel, aber wir haben auf den Rückstand reagiert. Ich bin stolz auf die Jungs; es war ein guter Tag.» Er habe nur selten die Gelegenheit, für das Nationalteam zu spielen, fügt er an. «Deshalb werde ich mich noch lange an diesen Tag erinnern.» Er weiss, dass an diesem Abend trotz des Siegs nicht alles Gold war, was glänzte. Die Chemie fehle noch, räumt er ein. «Ich habe mit den Jungs erst zwei Trainings absolviert. Wir hatten uns zuvor fünf Jahre lang nicht gesehen.» Nationalcoach Gianluca Barilari spricht im Zusammenhang mit der Integration Capelas von einer Situation, die Probleme zur Folge habe. «Doch es sind Probleme, die ich gerne meine Leben lang hätte.»

Erstellt: 05.08.2019, 07:31 Uhr

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