«Hueresiech, Roger!»

Christian Stucki wurde Schwingerkönig und Sportler des Jahres, litt mit Federer mit, ärgerte sich über Diven und den VAR – und er freut sich aufs Sportjahr 2020.

Söhnchen Elia auf dem Buckel, das «Mannstöggeli» in der Hand: Christian Stucki am Morgen nach der Wahl zum Sportler des Jahres Foto: Sebastian Magnani

Söhnchen Elia auf dem Buckel, das «Mannstöggeli» in der Hand: Christian Stucki am Morgen nach der Wahl zum Sportler des Jahres Foto: Sebastian Magnani

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Schwingerkönig, Sportler des Jahres: Nach solch einem Jahr muss doch selbst ein 140-Kilogramm-Brocken wie Sie die Bodenhaftung verlieren.
Nein, das wird nicht passieren. Aber es war eine riesige Ehre, den Titel als Sportler des Jahres entgegenzunehmen. Zumal ich überhaupt nicht damit gerechnet hatte. Die Konkurrenz mit Federer, Schurter, Feuz, Desplanches und Wanders war gross.

Haben Sie wirklich nicht damit gerechnet?
Klar hatte ich im Vorfeld viel gehört und gelesen. Aber solche Wahlen sind unberechenbar. Umso mehr freut es mich, konnte ich ­dieses «Mannstöggeli» für den Schwingsport holen.

Christian Stucki und das Mannstöggeli. Bild: Sebastian Magnani

Sie sind endgültig zu einer der bekanntesten Figuren im Schweizer Sport avanciert.Wie gehen Sie und Ihre Familie damit um?
Ich kann das einordnen. Aber wir freuen uns auf den Moment, da der Rummel vorbei sein wird. Die Familie kam in letzter Zeit zu kurz. Im November und im Dezember gab es viele Anlässe, Trainings, die Arbeit: Das war happig. Ich werde im nächsten Jahr weniger Termine wahrnehmen.

Ein Schwingerkönig ist per se populär. Aber nun schaffte es der Stucki Chrigu, als erster Schwinger noch Sportler des Jahres zu werden. Weshalb ausgerechnet Sie?
Auf der Rückfahrt nach der Gala habe ich meine Frau gefragt: «Was ist so speziell an mir?» Es gab vor mir manchen Schwingerkönig. Aber nun nimmt ausgerechnet der Stucki dieses «Mannstöggeli» nach Hause. Vielleicht ist die Antwort: Weil ich bin, wie ich bin: allen und allem gegenüber recht offen. Und ich gehe mit Selbstironie durchs Leben. Das wird geschätzt.

Christian Stucki mit seiner Frau bei den Sports Awards. Bild: picture alliance / Mandoga Media

Wen hätten Sie zum Sportler des Jahres gewählt?
Jeder hätte es verdient gehabt. Ich weiss, das ist eine diplomatische Antwort (schmunzelt). Aber jeder Nominierte vollbrachte grosse Leistungen. Die historische Medaille von Desplanches, die Rekordzeiten von Wanders, die Abfahrtskugel von Feuz, Schurter wird zum achten Mal Weltmeister, über Federer brauchen wir gar nicht zu reden. Als Berner wäre Feuz mein Favorit gewesen – vor Federer.

Sie sagten, über Federer bräuchten wir gar nicht zu reden. Müssen wir dennoch tun. Sie durften ihn an des Swiss Indoors das erste Mal treffen.
Für viele Schweizer besitzt Federer göttlichen Status – auch für mich. Es ist speziell, wenn du plötzlich vor dem King stehst.

Er ist selbst für einen Schwingerkönig der King?
Absolut. Ich bin mir einiges gewohnt. Aber mit Federer: Das ist ein anderer Spirit. Er hat eine spezielle Ausstrahlung. Meine Frau war ebenfalls dabei. Sie hat fast überbissen. Er ist ein Idol, ein Weltstar – und doch so nahbar.

Was war das Gesprächsthema?
Gott und die Welt, Tennis und Schwingen, unsere Kinder: Es war ein normales Gespräch unter ­Erwachsenen (schmunzelt). Aber ­etwas werde ich ihm noch sagen müssen…

… was denn?
Er ist mittlerweile beim Schuhhersteller ON eingestiegen. Nun soll er ein Paar Schuhe in der Grösse 51 anfertigen lassen (lacht).

War das Treffen mit Federer für Sie die speziellste Begegnung 2019?
(überlegt) Am speziellsten war die Begegnung mit dem Doktor am Emmentalischen Schwingfest im Mai, als er sich mein verletztes Knie anschaute. Diese Begegnung war entscheidend, weil er mir beschied, ich hätte Glück gehabt und nur das Innenband sei angerissen. Mit Ärzten sprichst du in der Regel nicht gern. Aber nach diesem ­Gespräch war ich erleichtert, weil meine Teilnahme am Eidgenössischen nicht gefährdet war.

Auf Ihre Leistung kommen wir noch zu sprechen. Welches war für Sie als Konsument das Sport-Highlight des Jahres?
Ein Höhepunkt war der Meistertitel von YB (lacht). Es gab weitere – ich denke an die Bronze­medaille von Mujinga Kambundji an der Leichtathletik-WM.

Sie sind grosser YB-Fan. Wie hoch stufen Sie die Titelverteidigung ein?
Sehr hoch. Ein neuer Trainer, Wechsel im Kader: Das ist immer mit Ungewissheit verbunden. Das Team ging entschlossen ans Werk, das Resultat war phänomenal. Fast 100 Tore, die meisten Punkte, die je erspielt wurden: YB hat eine Riesenleistung vollbracht.

Fussball-Affin: Stucki ist ein grosser YB-Fan. Bild: Keystone

Mit dem Eishockey sind Sie weniger stark verbunden – obwohl Sie Mark Streit und Roman Josi zu Ihren Freunden zählen. Letzterer hat mit seiner Vertragsverlängerung bei Nashville für Schlagzeilen gesorgt: 8 Jahre, 72 Millionen US-Dollar. Haben Sie ihm gratuliert?
Ja, wir haben eine Whatsapp-Gruppe. Eigentlich war ein gemeinsames Essen auf Josis Rechnung geplant, aber er willigte nicht ein (lacht). Ich mag es ihm gönnen. Der nordamerikanische Markt zahlt nun mal solche Saläre. Und Josi bringt seine Leistung.

Gibt es Sportarten, mit denen Sie nichts anfangen können?
Jeder Sport hat seine Eigenart. Ich schaue mir alles an: Biathlon, Kunstturnen, Töffrennen … auch Klippenspringen und Synchron-Turmspringen finde ich faszinierend.

Klippenspringen? Sind Sie auch der Bungee-Jumping-Typ?
Uh nein, ja nicht! Bungee-Jumping oder aus irgendeinem Flugzeug hüpfen: Da hätte ich Angst, dass das Seil reisst oder der Schirm nicht hält (lacht).

Wie steht es um das Schweizer Motto: Alles fährt Ski?
Lauberhorn, Kitzbühel, Adelboden: Die Klassiker schaue ich mir gerne an. Aber selbst? Ich rutsche den Hoger runter. Skifahren kann man dem nicht sagen. Dieser Sport beinhaltet ein gewisses ­Risiko. Sie wissen ja: Masse mal Beschleunigung...

Was brachte Sie 2019 auf die Palme?
(überlegt) Roger, als er in Wimbledon zwei Matchbälle versemmelte. Da fieberst und leidest du mit, gehst nervös in der Hütte umher und denkst am Schluss: Hueresiech, Roger! Er soll das nicht falsch verstehen. Ich weiss ja, wie das läuft im Sport. Aber ich hätte Federer den Wimbledon-Sieg von Herzen gegönnt – selbst wenn ich dadurch kaum Sportler des Jahres geworden wäre.

Fiebern Sie auch mit der Fussball-Nationalmannschaft mit?
Ich verfolge generell sehr viele Fussballspiele. Ich habe mir übrigens auch die Frauen-WM angesehen und fand sie super. Der Frauenfussball hat extrem an Attraktivität gewonnen. Betreffend Männer-Nationalmannschaft stört mich manchmal dieses «Gliir»...

… wenn sich Spieler um die Captain-Binde zoffen?
Manchmal sind das Diven. Ich will weder generalisieren noch sie zu sehr attackieren. Aber Fussballspielen ist ihr Job, sie verdienen gutes Geld. Da musst du auch mal in den sauren Apfel beissen und etwas akzeptieren, was dir nicht passt.

Können Sie die Kritik an Nationalcoach Petkovic nachvollziehen?
Er ist nicht der grosse Kommunikator, doch an seiner Büez gibt es kaum etwas auszusetzen. Dem Team fehlt das letzte Quäntchen, der letzte Biss für den Vorstoss in die Viertelfinals. Speziell die Schweden wären an der WM zu packen gewesen.

Für viele Diskussionen sorgte der Video Assistant Referee – Fluch oder Segen?
Nice to have. Aber ich bräuchte ihn nicht. Er verzögert, nimmt dem Spiel die Emotionen. Sport lebt auch von Fehlentscheidungen. Es gibt genügend Augenpaare auf dem Platz, die entscheiden können. Super finde ich die Torlinientechnik.

Also ist für Sie ein VAR beim Schwingen nicht vorstellbar?
Einmal abgesehen vom logistischen Aufwand: Ein Schwingfest dauert bereits ohne VAR lange genug – von 8 Uhr bis 17 Uhr. Da müssen wir es nicht noch stärker in die Länge ziehen. Die Kampfrichter machen gute Büez. Wo Menschen arbeiten, gibt es Fehler. Überhaupt, die Menschlichkeit: Diese Komponente gilt es zu bewahren.

Hätte der VAR in Ihrem Schlussgang des Eidgenössischen gegen Joel Wicki auf Resultat entschieden?
Reglementarisch gesehen, war Joel zu 100 Prozent auf dem Rücken. Egal, ob Sie es vom «Füdle» aufwärts, vom Nacken abwärts oder von der Seite betrachten: Es sind zwei Drittel im Sägemehl. ­Darüber müssen wir nicht mehr sprechen.

Ebenfalls für Diskussionen sorgte die Dopingsperre gegen Martin Grab.
Ich bin froh, ist der Schwingerverband nun Swiss Olympic angeschlossen. Vorher gab es im ganzen Schwingsport rund 25 Proben pro Jahr, dieser Wert war viel zu tief. Schwarze Schafe gibt es überall. Einigen mangelt es an Selbstverantwortung. Bist du krank, musst du dich informieren, welches Medikament du einwerfen darfst.

Wie häufig wurden Sie 2019 kontrolliert?
Zwei- bis dreimal, zur Standardzeit am Morgen um viertel nach sechs Uhr. Das ist perfekt.

Perfekt?
Um diese Zeit gibt es keine Probleme beim Wasserlassen, das Prozedere ist in einer halben Stunde durch, tschüss und weg, und der Tag hat gerade erst angefangen. Du kannst davon ausgehen: Läutet jemand um viertel nach sechs, ist es die Polizei oder der Doping-Kontrolleur. Glücklicherweise war es dieses Jahr nie die Polizei (lacht).

Wir haben über Momente anderer Sportler und Sportarten gesprochen. Auf Ihre Leistungen bezogen: Was hat Sie 2019 berührt?
Das Treffen mit dem Arzt habe ich erwähnt. Dann gab es diesen ­Moment vor dem Schlussgang am Eidgenössischen, als ich weinte, all die Emotionen und den Druck rauslassen musste. Aber muss ich gewichten, dann ist der Augenblick unmittelbar nach dem Sieg mein grösster Moment. Im sechsten Anlauf durfte ich den Königstitel doch noch gewinnen. Der Sportler des Jahres ist die Zugabe.

Der grosse Triumph: Christian Stucki gewann 2019 das Eidgenössische. Bild: Keystone

Wo kann der Stucki Chrigu jetzt noch hingehen, ohne dass man ihn kennt?
Ins unterste Tessin in einen «Siitechrache». Ich war vor kurzem in Zürich, lief mit meinem Manager Rolf Huser die Bahnhofstrasse entlang. Zwei kamen auf mich zu und baten um ein Selfie. Dann sagte ich zu Rolf: «Nun kennen sie mich sogar in Zürich an der Bahnhofstrasse – was zu viel ist, ist zu viel» (lacht).

Für Sie scheint es keine Rolle zu spielen, ob Sie an einer «Hundsverlochete» oder an einem Cüpli-Anlass auftreten.
Das stimmt. Aber ich bin nicht so der Etepetete-Typ. Ich mag es ohne Krawatte, fühle mich wohler in Jeans, Pullover, Jäggli.

Offenbar fehlen Ihnen edle Schuhe Grösse 51, wie wir an den Sports Awards gesehen haben.
Nichts da. Ich habe schöne Lederschüeli, «Budapesterli» habe ich ebenfalls zu Hause. Das wäre nicht das Problem gewesen.

Sondern?
Ich wollte einfach nicht. Meine Frau trug ebenfalls Sneakers. Wir gingen im Partnerlook.

Thema Selfies: Erfüllen Sie jeden Wunsch?
Es hält sich ja in Grenzen. Es ist schön, wenn die Leute an dir Freude haben und du mit einem simplen Föteli etwas zurückgeben kannst. Mühsam kann es an einem Fest werden, wenn die Leute mit zunehmendem Pegelstand mutiger werden und anfangen zu ­«liire». Da gibt es nach einer ­Weile nur noch etwas: wegsehen und das Gespräch mit jemand anderem suchen.

Wie oft haben Sie seit dem Gewinn des Königstitels Nein gesagt?
Es gab so viele Anfragen, da waren etliche schlicht nicht zu erfüllen. Ein Beispiel: Kurz vor Weihnachten erreichte mich die Einladung für die Eröffnung einer Sportbar am 26. Dezember. In solchen Fällen darf eine Zusage nicht unbedingt erwartet werden.

Was erwarten Sie vom nächsten Sportjahr?
Aufs Schwingen bezogen, wird sich nicht viel ändern: Ich war der Gejagte, ich bin der Gejagte, ich werde der Gejagte bleiben.

Auf welche Höhepunkte anderer Sportarten freuen Sie sich?
Es steht einiges an: Olympische Spiele, Fussball-EM, und die Eishockey-WM haben wir in der Schweiz. Da werde ich mir das eine oder andere Spiel in Zürich ansehen.

Und die Fussball-EM verfolgen Sie im Public Viewing?
Äuä nid (lacht). Lieber zu Hause den Grill anwerfen und den Fernseher einschalten.

Wer wird Europameister?
Schön wäre es, würde die Schweiz die Hürde Achtelfinal überspringen. Aber sonst? Portugal, Spanien, vielleicht machen es die Engländer? Und die Deutschen bringen ihre Leistung meistens an grossen Turnieren. Nur haben sie mit Frankreich und Portugal ein grobes Grüppli erwischt.

Welche Disziplinen werden Sie sich bei Olympia ansehen?
Alles. Vom Gewichtheben bis zum Bogenschiessen, da bin ich der ­Allrounder.

Wo hätte Christian Stucki am ehesten eine Chance?
Im Kugelstossen. Wobei: Diese ­Kugel ...

Zu leicht?
Siebeneinviertel Kilogramm, ­hallo? Zu schwer!



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Erstellt: 28.12.2019, 21:19 Uhr

Entweder/oder mit Christian Stucki

Vladimir Petkovic oder Patrick Fischer?

Fischi! Ich lernte ihn am Superzehnkampf kennen: ein cooler Typ, ein gäbiger Zeitgenosse. Wir sprachen auf an den Sports Awards zusammen.

EM-Titel im Fussball oder WM-Titel im Eishockey?
Beides.

Ronaldo oder Messi?

Wen würde wohl mein älterer Junior sagen? Eher Ronaldo – oder nein: Hoarau!

Schach oder E-Sports?

Joker bitte.

Tour de France oder Formel 1?

Tour de France.

Jörg Abderhalden oder Matthias Sempach?

Sempach dänk! Hallo?

Steffi Buchli oder Rainer Maria Salzgeber?

Ich kenne beide, mag beide. Ist der Joker nicht mehr zu haben? Liest äch Frau Buchli mit? Ich nehme Salzi.

100 Meter oder Marathon?

100 Meter, aber sowas von definitiv.

Rahmschnitzel oder Fitnessteller?

Rahmschnitzel.

EHC Biel oder SC Bern?

Mit dem Eishockey halte ich es ambivalent. Dort bin ich nicht so festgefahren wie bei YB. Wir sind im Seeland, also sage ich EHCB.

Gölä oder Stress?

Gölä. Diese Büezer Buebe sind bei meinen Giele gerade hoch im Kurs.

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