Hypnotisierte Kobra

Schwergewichtsboxer Arnold Gjergjaj erlebt gegen David Haye ein Fiasko.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie hatten nach London reisen und ein kleines Märchen schreiben wollen. Doch dann war es so, als würde die böse Königin erst Schneewittchen erdrosseln, dann Hänsel und Gretel braten und zum Dessert gemeinsam mit dem Wolf Dornröschen verspeisen. Es war eine richtige Schauergeschichte, die der Schweizer Schwergewichts­boxer Arnold «the cobra» Gjergjaj und sein Betreuer Angelo Gallina im Kampf gegen David Haye erlebten.

2008 haben sich die zwei vom Boxclub Basel auf den Weg gemacht, um dereinst um einen grossen Titel zu kämpfen. Geld, Zeit und Herzblut haben sie investiert. In der ausverkauften O2-Arena lösen sich acht Jahre Arbeit in 36 Sekunden in Luft auf. So lange dauert es, bis der 31-jährige Gjergjaj erstmals auf die Bretter muss.

Ringrichter brach in Runde 2 ab

Es wird danach nicht besser. Viermal liegt er am Boden, ehe der Ringrichter in Runde 2 den Kampf abbricht. Ein richtiger Entscheid. «Ich hätte das Handtuch bereit gehabt, um es zu werfen», wird Trainer und Manager Gallina später sagen.

Was Gjergjaj nach seinem 30. Kampf zu schaffen macht, ist weniger, dass er zum ersten Mal als Verlierer dasteht. Viel mehr schmerzt ihn, dass er nicht einen Moment lang zeigt, was seiner Meinung nach in ihm steckt. Die Kobra wirkt von Beginn weg wie hypnotisiert. Von der imposanten Halle, den 16'500 Zuschauern, von seinem Gegner, dem ehemaligen Weltmeister.

Haye lässt ­Gjer­gjaj keine Sekunde, um sich in der ungewohnten Umgebung zurechtzufinden. Stattdessen schüttelt der Brite seinen Kontrahenten sogleich mit einer rechten Geraden durch. Bloss weil der ehemalige Rüpel netter geworden ist, schenkt er Gjergjaj danach das einzige mögliche Lob. Er merkt höflich an, ihn wundere, dass Gjergjaj nach seinem ersten Tref­fer nochmals aufstand: «Die meisten legen sich nach so einem Schlag erst einmal schlafen.» Sein letzter Gegner, der Australier Mark de Mori, hatte bloss 130 Sekunden durchgehalten.

Zu wenig biblisch

Aufstehen und Einstecken sind durchaus Fähigkeiten, die einem Profiboxer gut anstehen. Grundsätzlich gilt im Ring aber das biblische Motto: Geben ist seliger denn Nehmen. Und Gjergjaj teilt nicht aus, er kassiert nur. Nicht einmal setzt er seine Rechte ein, die ihn selbst zu 21 K.-o.-Siegen geführt hat. Er steht bloss da, hält die Deckung hoch und erwartet die nächsten Schläge. Ausgerechnet in dem Kampf, der im Schweizer Fernsehen live gezeigt wird, wirkt er so, wie ein Boxer niemals wirken will: bemitleidenswert.

Die Möglichkeit eines Misserfolgs hatten Gjergjaj und Gallina in Kauf genommen, als sie Hayes Einladung folgten. Der 35-Jährige ist ein technisch versierter Boxer, der nun 87 Prozent seiner Kämpfe durch Knock-out gewonnen hat. Es ist nicht die Niederlage an sich, sondern ihre Art, die Gjergjaj viele Türen verschliessen dürfte.

«Sorry, dass ich euch enttäuscht habe.»

Entsprechend durchgerüttelt war er nach dem Albtraum in London. Mit 14 ist er aus dem Kosovo in die Schweiz gekommen. Das Boxen hat ihm geholfen, das einst fremde Land zur Heimat zu machen, eben hat er in Pratteln ein eigenes Box-Gym eröffnet. Aber ob er noch einmal selbst in den Ring steigen wird? Er werde erst ein paar Tage mit der Familie verbringen, sagt Gjergjaj bloss. Und an seine Anhänger gerichtet: «Sorry, dass ich euch enttäuscht habe.»

Betrug, Mafia, Stress und Spione: Lernen Sie die schmutzigen Geheimnisse des Fussballs kennen. Eine Web-Doku zum Sammeln.

Erstellt: 23.05.2016, 09:57 Uhr

Artikel zum Thema

Ein Kampf wie ein Albtraum

Der Schweizer Schwergewichtsboxer Arnold Gjergjaj verliert seinen Kampf gegen David Haye in der zweiten Runde durch K. o. Mehr...

Er boxt sich durch

Arnold Gjergjaj lebt im Ring den Werdegang vieler albanischer Einwanderer nach. Heute bestreitet der beste Schweizer Schwergewichtsboxer der Geschichte seinen grössten Kampf. Mehr...

«Noch nie war ich dem Tod so nahe»

Video Heute vor 40 Jahren verprügelten sich im legendären Thrilla in Manila Muhammad Ali und Joe Frazier. Für die beiden Kämpfer bestand offenbar sogar akute Lebensgefahr. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Grosser Sammelspass für die ganze Familie

Perfekt für kalte Wintertage: Bei jedem Einkauf Marken sammeln und gegen exklusive «Disney Winterzauber»-Prämien von Coop eintauschen!

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Keine Berührungsängste: In der Dinosaurierfabrik von Zigong in China wird ein voll beweglicher Dinosaurier hergerichtet. China produziert 85% aller Dinosaurier weltweit. (13. November 2019).
(Bild: Lintao Zhang/Getty Images) Mehr...