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«Ich möchte mich beim deutschen Volk entschuldigen»

Manuel Charr lässt sich als erster deutscher Schwergewichts-Champion seit 1932 feiern. Doch der 33-Jährige hat gar keinen deutschen Pass.

Manuel Charr nach dem Kampf gegen Alexander Ustinow
Manuel Charr nach dem Kampf gegen Alexander Ustinow
Keystone

Max Schmeling kam im September 1905 in Klein Luckow in Vorpommern auf die Welt, er war also von Geburt an Deutscher. Nicht ganz 25 Jahre später, im Juni 1930, gewann er gegen Jack Sharkey die Box-Weltmeisterschaft im Schwergewicht, als erster Deutscher in der Geschichte dieses Sports, das war ein historisches Ereignis.

Manuel Charr kam im Oktober 1984 in Beirut in Libanon auf die Welt, er hatte also erst einmal einen libanesischen Pass. Knapp 33 Jahre später, am vergangenen Samstag, gewann er in Oberhausen gegen Alexander Ustinow die Box-Weltmeisterschaft im Schwergewicht, auch das war ein historisches Ereignis – er ist der erste Schwergewichtsweltmeister mit zwei künstlichen Hüften.

Das wäre nun eine schöne Geschichte. Wäre da nicht dieser Vergleich mit Max Schmeling.

Er spricht deutsch, er denkt deutsch

In den Wochen vor dem Kampf hatte Charr die Historie nicht nur wegen seiner Hüften bemüht, er hatte sich auch immer wieder auf Schmeling berufen. Er hatte sich feiern lassen als zweiter deutscher Schwergewichtsweltmeister der Geschichte, als erster also seit Schmeling. Karl Mildenberger, Axel Schulz, Luan Krasniqi, Marco Huck – sie alle hatten erfolglos um den Titel gekämpft, Charr hat ihn gewonnen, das geht in diesen Tagen etwas unter. Aber tritt er auch Schmelings Erbe an? Charr lebt seit 1989 in Deutschland, er spricht deutsch, er denkt deutsch. Nur besitzt er keinen deutschen Pass. «Ich möchte mich beim deutschen Volk entschuldigen», sagte er am Mittwoch dem «Kölner Express» und beendete so eine tagelange Posse um seine Nationalität.

Mit jedem weiteren Tag hatte sich der Weltmeister zunehmend in Widersprüchlichkeiten verstrickt. Der Spiegel berichtete nach dem Kampf zuerst, dass Charr keinen deutschen Pass besitze. Danach meldete sich der 33-Jährige an jedem Tag mit einer neuen Erinnerung, einer neuen Erklärung, einer neuen Ausrede. Der Bild sagte er: «Ja, ich schwöre es! Ich bin seit eineinhalb Jahren Deutscher!» Dann sagte er dem Express: «Mein Einbürgerungsverfahren liegt wegen eines möglichen Strafverfahrens auf Eis. Das wird gerade von meinen Anwälten geklärt, und dann hoffe ich, meinen Pass endlich abholen zu dürfen.» Dieser sei aber nur «ein Stück Papier», für ihn zähle, dass er selbst sich «vom Herzen her als Deutscher» fühle.

Führerschein, Bankkarte, ADAC-Karte

Am Dienstag sagte er dem TV-Sender Sky, der seinen Kampf übertragen und mit dem Schmeling-Vergleich beworben hatte: «Ich bin deutsch zu 1000 Prozent. Ich kam im Trubel nicht dazu, meinen Pass abzuholen. Ich habe einen Pass. Der liegt vor und liegt im Amt.» Ein Verfahren, das das Einbürgerungsverfahren behindern könne, gebe es übrigens doch nicht. Er hielt seinen deutschen Führerschein, seine Bankkarte und seine ADAC-Karte in die Kamera. Er betonte: «Deutschland hat einen neuen Weltmeister. Es gibt keinen Zweifel.»

Und nun, am Mittwoch, folgte die wahrscheinlich letzte Aufklärung samt Entschuldigung. Er besitze keinen deutschen Pass und habe derzeit auch keinen beantragt. «Ich habe mich in den letzten zwei Jahren auf die Arbeit und Aussagen meiner Anwälte verlassen, die sich um das Verfahren kümmern wollten», sagte er dem «Express». «Dass ich jetzt einen neuen Antrag stellen muss und auch werde, versteht sich von selbst.»

Wie die Zeitung berichtet, habe Charr 2015 einen Antrag gestellt, der jedoch abschlägig beschieden worden sei. «Ich möchte alle staatlichen Vorgaben erfüllen, um dieses Stück Papier endlich in den Händen halten zu dürfen», sagte Charr. Die Diskussion ist nicht nur für Charr peinlich, sie steht auch dafür, wie im Boxen getrickst wird, wie alles oft ein bisschen grösser, glamouröser, geschichtsträchtiger gemacht wird, als es ist.

Den Titel Angela Merkel gewidmet

Charrs Titelkampf war einer um die sogenannte reguläre Weltmeisterschaft nach Version der World Boxing Association (WBA) – als übergeordneten Weltmeister führt der Verband den Klitschko-Besieger Anthony Joshua. Dieser führt den Titel des sogenannten Superchampions. Charrs Kampf gegen Ustinow wird nicht lange in Erinnerung bleiben, die denkwürdigste Szene im Ring war die, als der Weltmeister seinen Titel Bundeskanzlerin Angela Merkel widmete, «weil Deutschland meine Heimat ist».

Die darauf folgende Verwirrung wird jedoch durchaus in Erinnerung bleiben. Im deutschen Boxsport hatte niemand nachgefragt, ob ein Pass vorliegt, ob es diesen überhaupt gibt. Denn hätte jemand nachgefragt, zum Beispiel der Bund Deutscher Berufsboxer (BDB), hätte er auch riskiert, dass die grösste Geschichte eines Kampfes womöglich keine Geschichte ist; dass da eventuell gar kein Nachfolger Schmelings im Ring steht.

«Vor zehn Jahren hat Charr unsere Boxlizenz mit einem Bleibestatus-Dokument erhalten. Die Kopie eines deutschen Passes ist nicht in den Unterlagen», sagte BDB-Präsident Thomas Pütz der Deutschen Presse-Agentur. Manuel Charr, Schmelings Erbe? Die Eigenschaft, die Schmeling zu einer historischen Figur hat werden lassen, war übrigens nicht die, dass er einen deutschen Pass besass. Seine herausragende Eigenschaft war es, dass er ein aufrichtiger, von allen geachteter Mann war.

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