«Ich schwamm allen hinterher, auch den Frauen»

Jérémy Desplanches musste vor fünf Jahren nochmals zuunterst beginnen, als er zu einem der besten Schwimmclubs nach Nizza wechselte. Nun ist der Genfer Weltspitze.

Noch wird er in der Heimat kaum erkannt, doch Jérémy Desplanches ist auf bestem Weg, das zu ändern.

Noch wird er in der Heimat kaum erkannt, doch Jérémy Desplanches ist auf bestem Weg, das zu ändern. Bild: François Wavre

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Der künstlich aufgeschüttete Strand mit dem süssen Namen Baby-Plage am linken Genfersee-Ufer ist kaum fertiggestellt, schon beehrt ihn der einheimische Schwimmstar: Jérémy Des­planches gewann vor Wochenfrist an der WM in Südkorea über 200 m Lagen Silber und war damit der erst zweite Schweizer, dem das gelang. Nun schlendert der 24-Jährige, der seit fünf Jahren in Nizza trainiert, daher und findet vor ­allem eines «crazy»: dass über diese Distanz erst elf Menschen schneller waren als er in 1:56,56 Minuten.

Wie viele Leute haben Sie auf dem Weg hierher erkannt?
Niemand, und in Genf nur ein, zwei, seit ich zu Hause bin. Aber im Zug von Zürich nach Genf nach der Landung waren es sicher fünf oder sechs. Und am Flughafen in Kloten war es total lustig. Als wir ankamen, wurden wir von vielen Leuten empfangen. Ich war der Erste, der herauskam, und ich wartete auf die andern des Teams. Als sie dann auch kamen, fragte mich eine Frau, wer denn das sei. Ich sagte, die Schwimmer, die kämen von der WM. Sie meinte dann, ah, davon habe sie gehört, da habe einer sogar eine Silbermedaille gewonnen. Ich sagte: Ja, das war ich! Sie sagte: Nein? Ich sagte: Doch! Sie sagte: Oh, sorry, tut mir leid! Ich sagte: Kein Problem, ich bin ja nicht Roger!

Roger Federer hätte aber sicher auch nichts dagegen, so angesprochen zu werden.
Nein, aber Roger Federer kennen alle, mich niemand, das ist der Unterschied. Und Sportler sieht man in der Regel nur im TV.

Haben Sie Ihren Coup in Südkorea inzwischen realisiert?
Es brauchte Zeit. Nach allem ­Offiziellen wie Siegerehrung und Dopingkontrolle war ich einfach glücklich, kappte dieses Gefühl aber, weil wir am nächsten Morgen noch mit der Staffel starteten und uns für Olympia qualifizieren wollten. Also verschob ich die Gefühle auf den nächsten Tag und versuchte zu schlafen. Aber das ging nicht vor fünf Uhr morgens.

Sie hatten Ihr WM-Ziel mit einem Rang in den Top 5 vorher sehr offensiv kommuniziert.
Ja, natürlich. Wäre ich Vierter geworden, wäre ich nicht allzu enttäuscht gewesen, aber auch nicht allzu zufrieden. Mit Silber bin ich mehr als zufrieden.

Es ist atypisch für einen Schweizer, so offen über die grossen Ziele zu reden.
Ja, und das müssen wir ändern. Wir sollten versuchen, klar zu ­sagen, was wir wollen und wozu wir fähig sind. Es bringt nichts, zu sagen, ich bin mit einem Halb­final zufrieden, wenn ich den letztes und vorletztes Jahr schon erreichte. Niemand ist dann zufrieden. Ich sage nicht, dass ich nächstes Jahr in den Olympia-Halbfinal will, und dann bin ich happy. Natürlich wäre ich nicht glücklich damit. Wenn ich etwas sage, bin ich auch überzeugt davon. Ich will in den Final, und ich habe ein Jahr Zeit, dafür zu trainieren.

Dano Halsall war 1986 der erste Schweizer mit einer WM-Medaille. Kennen Sie ihn?
Nicht wirklich. Nur kurz: Bevor ich an meine erste Junioren-EM ging, gab es im Olympischen ­Museum in Lausanne ein Round-Table-Gespräch mit Dano und mir. Wie er sich dort gab und was er zu mir sagte, gefiel mir nicht.

Worum ging es denn?
Ich will nicht weiter darüber sprechen. Wenn ich nichts mehr mit ihm zu tun habe, ist das gut.

Kennen Sie die Leader früherer Teams, Flavia Rigamonti, die erfolgreichste Schweizerin, oder Dominik Meichtry?
Ja, Dominik war bei meinem ersten internationalen Meeting noch im Team. Er war der Captain, ich der Rookie. Und der muss sich ­irgendeiner Herausforderung stellen. Meichtry hatte die gloriose Idee, mir mit einem wasserfesten Filzstift einen Schnauz aufzumalen. Also hatte ich das ganze Meeting lang und auch danach zu Hause diesen grausigen Schnauz, zum Glück waren gerade Ferien. Dominik hat mir jetzt auch gratuliert.

«Wenn jemand anders das Gleiche tut wie ich, will ich besser oder schneller sein.»

Was bedeutet Ihre Medaille für den Schweizer Schwimmsport?
Was ich höre, motiviert und inspiriert sie die Jungen. Sie wissen nun alle, dass es möglich ist, so weit zu kommen, wenn sie hart trainieren. Es war die stärkste WM der Schweiz überhaupt mit fünf Halbfinals, meiner Medaille und 15 Rekorden. Zwei Staffeln haben sich für Olympia qualifiziert, sie zeigen das Niveau des Verbands. Die Schweiz wird stärker, das hat man gesehen.

Reden wir über Jérémy Desplanches. Wer ist er?
Ich habe mit 8 begonnen zu schwimmen, mit 19 von Genf nach Nizza gewechselt, habe etwa 30 Schweizer-Meister-Titel und halte zwölf Einzelrekorde, war 2016 als 21-Jähriger an den Olympischen Spielen und dort im Halbfinal. Ich wurde letztes Jahr Europameister und gewann jetzt WM-Silber. Das ist der Sportler Desplanches.

Und der Mensch Desplanches? Bekam er das Sportler-Gen von seinen Eltern mit?
Nein, überhaupt nicht. Meine Mutter hat nie Sport getrieben, und meine Grossmutter ist wasserscheu. (lacht) Meine ältere Schwester war Schwimmerin bis etwa 20, mein Vater fährt ein wenig Velo, läuft und schwimmt ein bisschen. Meine Schwester und ich waren im gleichen Team, die Eltern unterstützten uns, hatten aber keine Ahnung, was wir machen. Wenn wir gesagt hätten, wir seien die 400 m in zwölf Sekunden geschwommen, hätten sie sich einfach gefreut.

Also war es Zufall, dass Sie Schwimmer geworden sind?
Ich habe vieles ausprobiert, Judo, Fussball, Tennis, Badminton, aber ich schwamm am liebsten.

Was hat Sie angezogen?
Das Gefühl im Wasser ist speziell. Und Schwimmer sind immer sauber, wir schwitzen zwar, aber das sieht und spürt man nicht, wir riechen immer nach Chlor, wir sind immer in der Badehose unterwegs, brauchen also kaum Material. Es ist auch praktisch, wenn wir in den Ferien sind am Meer, da können wir schwimmen und tauchen. Schwimmen hat viele Vorteile.

Sie sind äusserst ehrgeizig, nicht nur im Wasser.
Ja, das ist die Voraussetzung, um die Ziele zu erreichen. Man darf seine Ambitionen auch zeigen. Ich schwimme nicht nur gern, ich studierte auch sehr gern (Wirtschaft, die Red.), mochte aber die Schule überhaupt nicht. Da gab es zu ­viele Fächer, die ich nicht gewählt hatte und doch besuchen musste. Das war im Studium anders.

Man sagt Ihnen auch nach, Sie wollten überall der Erste sein.
Ja, so bin ich, ich bin überall der Wettkämpfer. Wenn jemand anders das Gleiche tut wie ich, will ich besser oder schneller sein.

Wieso sind Sie vor fünf Jahren nach Nizza gezogen?
Ich begann damals, zweimal ­täglich zu trainieren. Michel Hess, mein Trainer, war aber nicht Profi-Trainer und konnte nicht zweimal dabei sein. Wir suchten also eine Lösung, ich hatte auch Angebote aus den USA. An der Kurzbahn-EM sah ich dann Fabrice Pellerin von Nizza, wie er mit seinen Schwimmern sprach und umging. Ich wusste nicht, wer er ist und wer seine Schwimmer sind. Aber seine Art gefiel mir.

«Ich bin ein Spätzünder, ich habe mit 24 den Körper eines etwa 21-Jährigen», sagt Jérémy Desplanches. (Bild: François Wavre)

Wie sprach er denn mit ihnen?
Ganz klar, langsam und ruhig, es hörte sich an, als ob er viel Ahnung hätte, das spürte ich. Er erklärte, was man wieso und wofür tut, das gefiel mir. Und ich merkte auch, dass er die Qualität der Quantität vorzieht. Also nicht möglichst viel schwimmen, sondern lieber weniger, dafür aber besser. Das ist für mich das Wichtigste. Wir trainieren nicht zwei Stunden, sondern eineinhalb, diese aber qualitativ gut.

Wie ging es weiter?
Ich durfte dann tatsächlich eine Woche ins Probetraining – es wurde eine der härtesten Wochen in meinem Leben. Ich kam als mehrfacher Schweizer Meister, war stolz und stark. Die anderen aber waren Olympiasieger und Weltmeister. Ich merkte schnell, dass dieses Training etwas komplett anderes ist als meines zuvor. Ich schwamm allen hinterher, auch den Frauen. Aber genau das brauchte ich. Ich war wieder zuunterst auf der Leiter, noch nicht bereit, ein Leader zu sein. Dennoch sagte Pellerin, dass ich wiederkommen dürfe.

War das für Sie einfacher, als wenn Sie zu Uster-Wallisellen gewechselt hätten?
Ich hätte nach Uster wechseln können, aber dann hätte ich weiterhin von Grösserem geträumt. Von Pellerin wusste ich, dass er mit seinen Schwimmern 2012 neun Olympiamedaillen gewonnen hatte. Es war für mich also die grosse Chance. Wir suchen die Konkurrenz auf hohem Niveau. Man lernt nicht von den Athleten hinter dir, sondern von jenen vor dir.

Bestätigten sich Ihre Erwartungen?
Voll und ganz. Fabrice ist sehr ehrlich. Er sagte mir beispielsweise letzte Woche, dass er mir eine Zeit von 2 Minuten oder vielleicht 1:59 zugetraut hatte, als ich das erste Mal bei ihm war. Er war überrascht, dass ich mich nun nochmals ­steigerte und 1:56,56 schwamm.

Wie unterscheiden sich die Trainingsbedingungen im Vergleich zu Genf?
Nizza ist hervorragend. Wir ­haben einen Physiotherapeuten, einen Ernährungsberater, einen Fitnesscoach, medizinische Unterstützung, wir haben sogar einen Taek­wondo-Coach. Wir sind zu neunt und können das alles nutzen – oder auch nicht.

Hätten Sie diese Möglichkeiten in der Schweiz nirgends gehabt?
Einen solchen Platz hätte ich vielleicht gefunden, aber nicht einen Trainer wie Fabrice Pellerin, nicht in den USA, nicht in Australien.

«Anfänglich war ich alle fünf, sechs Monate eine Woche krank. Mein Körper ertrug das harte Training noch nicht.»

2016 standen Sie an den Spielen in Rio bereits im Halbfinal und 2017 im WM-Final. Danach stellten Sie einen Masterplan bis 2020 auf. Kann man Erfolg planen?
Als ich sah, wie es vorwärtsging, machte ich mit Fabrice diesen Plan: Jedes Jahr ein bisschen besser. Nach dem WM-Final EM-Gold, dann an der WM in die Top 5, nun wurde es sogar Silber.

Sie wurden nicht bloss ein bisschen besser, Sie steigerten sich in fünf Jahren um sechs Sekunden. Das ist horrend.
Anfänglich war ich alle fünf, sechs Monate eine Woche krank. Mein Körper ertrug das harte Training noch nicht und sagte: Stopp, jetzt ist genug. Seit zwei Jahren geht es gut, ich bin bereit, so viel zu trainieren, wie eben nötig ist.

Wird man schneller, wenn man mehr schwimmt oder wenn man intensiver trainiert?
Mit mehr Intensität. Aber wir hatten in diesem Jahr auch eine Einheit mehr wöchentlich – jeden Tag zwei, ausser sonntags. Erst schauten wir, ob ich das vertrage. Ich bin ein Spätzünder, ich habe mit 24 den Körper eines etwa 21-Jährigen, den ersten Bartwuchs hatte ich vor zwei Jahren. Also dauerte es auch länger, bis ich die harten Trainings ertrug. Jetzt weiss ich, dass ich mich immer noch entwickeln kann.

Wovon leben Sie? Preisgelder im Schwimmen sind rar.
Ich bin Zeitsoldat bei der Schweizer Armee, das macht sehr viel aus. Daneben habe ich einen Ausrüster, ein paar Sponsoren, und Swiss Swimming bezahlt mir die Ausbildung in Nizza. Das alles ist nötig, damit ich trainieren und leben und an die Wettkämpfe gehen kann. Die wenigsten Schweizer können vom Schwimmen leben.

In Gwangju weigerten sich zwei Medaillengewinner, dem Weltmeister Sun Yang aus China die Hand zu schütteln, weil er gedopt war und im Herbst eine Dopingprobe mit dem Hammer zerschlug. Was denken Sie darüber?
Ich hoffe, das wird etwas verändern, der Verband ist gefordert in Sachen Doping. Stellen Sie sich vor: Wenn ich nur ein Hundertstel von dem getan hätte, was Sun Yang machte, wäre ich längst für vier Jahre gesperrt worden. Ich werde im Schnitt alle zwei Wochen getestet. Was würden sie wohl tun, wenn ich nächstes Mal den Hammer auf den Tisch lege? Ich bin sehr stolz auf Mack Horton und Duncan Scott, dass sie so mutig waren. Ich bin nicht sicher, ob ich das auch ­gekonnt hätte. Ich möchte auch einmal zu jenen gehören, die etwas bewegen. Das geht jetzt noch nicht, ich habe noch keinen Namen.



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Erstellt: 04.08.2019, 09:07 Uhr

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