«Ich überlasse das meinem Anwalt»

Der Schweizer Basketballer Thabo Sefolosha über seine Schadenersatzklage gegen die New Yorker Polizei, die neuen Millionengehälter in der NBA und das Nein zur Nati.

Thabo Sefolosha (33) kam mit Atlanta ins Playoff-Viertelfinal. Foto: Getty Images

Thabo Sefolosha (33) kam mit Atlanta ins Playoff-Viertelfinal. Foto: Getty Images

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Nächstes Jahr läuft Ihr Vertrag bei den Atlanta Hawks aus. Dann sind Sie 33 Jahre alt. Der ideale Zeitpunkt, um einen richtig grossen Vertrag herauszuholen?
Ja, warum nicht. Sofern ich nicht verletzt bin, ist mein Körper bereit, noch weitere zwei oder drei Saisons in der NBA mitzuhalten. Als Spieler in meinem Alter hofft man, selber entscheiden zu dürfen, wann die Zeit in der NBA zu Ende geht und dies nicht durch Verletzungen diktiert wird oder von den Clubs, die Nein sagen.

In der neuen Saison steigt die ­Gehaltsobergrenze pro Team von 70 Millionen auf 94,1 Millionen Dollar, in einem Jahr gibt es ­nochmals einen Sprung auf rund 107 Millionen Dollar.
Ja, die NBA floriert. Es gibt eine Menge Geld zu verteilen.

Sind die hohen Saläre für Sie auch mit ein Grund, weshalb Sie und Clint Capela, der zweite Schweizer in der NBA, nicht mit dem Nationalteam die EM-Qualifikation im September spielen?
Ich bin ein bisschen hin- und hergerissen. Ich habe früher für die Schweiz ­gespielt und würde es auch jetzt noch gern tun. Aber ich musste die Risiken abwägen. Was ist, wenn ich mich verletze? Die Versicherungsprämie, die der Verband zahlen müsste, ist allein schon ein Problem. So kam ich zum Schluss: Es geht nicht.

Haben Sie das Nein mit Clint Capela abgesprochen?
Wir haben das Thema miteinander ­diskutiert. Jeder hat seine Entscheidung selber getroffen. Clint ist zurzeit in Las Vegas in einem Sommertraining. Er wird nächstes Jahr einen sehr guten, neuen Vertrag unterschreiben können, wenn er gesund bleibt. Für ihn ist das Risiko noch grösser. Er steht erst am Anfang seiner NBA-Karriere.

«Es hätte Konsequenzen haben können, wie einige Monate Gefängnis und Landesverweis aus den USA.»

Hatten Sie nie das Gefühl, Sie hätten bisher den grossen Vertrag verpasst (Sefolosha verdient bei Atlanta 4 Millionen Dollar brutto pro Saison)?
Nein, ich habe vielmehr das Gefühl, ich sei ziemlich privilegiert und nicht zu kurz gekommen. Wenn ein Teamkollege die gleichen Statistiken aufweist wie ich und das Doppelte verdient, beklage ich mich nicht. Ich kann meinen Traum ­leben, seit 10 Jahren schon. Ich kann das tun, was ich liebe, und verdiene dabei sehr gut.

Mit Al Horford verliert Ihr Team, die Atlanta Hawks, seinen 2,08 m grossen Center. Er geht mit einem Vierjahresvertrag, der mit 113 Millionen Dollar dotiert ist, zu den Boston Celtics. Hat Sie das überrascht?
Während der Saison gab es für mich keine Anzeichen, dass er uns verlassen wird. In den letzten Wochen aber kamen Gerüchte auf, und zuletzt war es für mich keine Überraschung mehr. Es ist schade. Wir werden seine Absenz spüren. Er ist ein «Big Guy» mit guter Technik, er hat einen guten Wurf, und als Teamkollege ist er wunderbar. Klar, er ist kein «Mister Defense», aber er wird uns fehlen. Sein Vertrag lief bei ­Atlanta aus, als Free Agent hat er den Markt ­sondiert und die Chance gepackt.

Zudem geht Spielmacher Jeff Teague zu den Indiana Pacers.
Zwei Spieler aus der Startfünf zu verlieren, ist ein starker Einschnitt. Das ­Management ist nun daran, die Abgänge zu ersetzen. Es ist in diese Hinsicht ein bewegter Sommer.

Rechnen Sie damit, dass Sie in Atlanta bleiben oder auch ­getradet werden?
Es ist jede Saison dasselbe. Ganz sicher kann man nie sein. Ich habe mir angewöhnt, über Dinge, die ich nicht beeinflussen kann, nicht zu stark nachzudenken. Es gab vor einigen Tagen Gerüchte, dass Teamkollege Paul Millsap und ich nach Los Angeles zu den Lakers ­geschickt werden sollten. Es ist die Zeit der vielen Spekulationen.

Für das grösste Aufsehen in der Liga sorgte der Wechsel von Superstar Kevin Durant von Oklahoma City zu Golden State. Hat Sie der Wechsel Ihres einstigen Teamkollegen verwundert?
Dass er Oklahoma City verlässt, hat mich nicht so sehr überrascht. Dass er zu ­Golden State geht, schon.

Die Verhaftung von Thabo Sefolosha. Quelle: Youtube

Weshalb?
Ich dachte, er würde eine grössere sportliche Herausforderung suchen, zu einem anderen Team gehen wie etwa den New York Knicks oder den LA Clippers. Die Tendenz, dass immer mehr Superstars der Ansicht sind, sie müssten zu anderen Superstars gehen, um zusammen einen Titel zu gewinnen, macht die Liga nicht spannender. Aber klar. Weltweit werden die Warriors mit ­diesem Starensemble noch mehr Fans anziehen, noch mehr Geld umsetzen. Die NBA wird glücklich sein.

Steve Kerr, der Coach der Golden State Warriors, muss nun schauen, dass jeder Star (Stephen Curry, Klay Thompson und Kevin Durant) pro Spiel genügend Wurfmöglichkeiten erhält.
Das wird kein Problem sein. Alle drei sind trotz ihres Status als Starspieler keine Egoisten. Aber es ist ein bisschen schade für den Sport. Alle drei sind in der Lage, in einem Spiel 40 Punkte zu werfen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieses Team nicht den Titel gewinnt, sofern es von grossen Verletzungen verschont bleibt.

Wir sitzen im Garten Ihres Hauses in La Tour-de-Peilz, dort, wo Sie auf­gewachsen sind. Wie jedes Jahr verbringen Sie einen grossen Teil Ihrer Sommerferien am Genfersee. Was bedeutet Ihnen die Schweiz?
Ich werde nach meiner NBA-Karriere mit der Familie in die Schweiz zurückkehren. Das ist für uns klar. Ich schätze das Leben in den USA, aber immer dort zu leben, das ist nicht mein Ziel. Vielleicht werde ich irgendwo in den USA ein Appartement kaufen, damit wir in Amerika ein Standbein haben. Aber meine Zeit nach der Spielerkarriere sehe ich in der Schweiz.

Im vergangenen April wurden Sie in New York unberechtigterweise verhaftet. Dabei erlitten Sie einen Wadenbeinbruch sowie Knöchel- und Bänderverletzungen. Im Oktober wurden Sie von einem Gericht in Manhattan freigesprochen. Wie fühlen Sie sich nun, wenn Sie sich in New York aufhalten?
Ich bin seither zwei- oder dreimal für die Gerichtstermine zurückgekehrt. Eigentlich gehe ich nicht mehr gerne nach New York, just deshalb, weil ich immer auf diesen Fall angesprochen werde. Ich rede nicht gerne darüber, ich wurde schon zu oft danach gefragt.

«Ich möchte nach vorne schauen, die Sache abschliessen.»

Wie ist das für Sie?
Alle zwei, drei Tage werde ich danach gefragt. Natürlich ist mir bewusst, dass dies nach einem solchen Fall normal ist. Aber ich möchte nach vorne schauen, die Sache abschliessen.

Nach Ihrer Schadenersatzklage gegen die Stadt New York und die New Yorker Polizei wird es kaum ruhig werden.
Ja, auch das ist mir bewusst. Ich überlasse die Dinge meinem Anwalt. Zurzeit ist es an der Front ruhig.

In einer Zeitung war zu lesen, dass nach Ihrem Freispruch vor jedem Match Spieler der gegnerischen Mannschaft auf sie zugingen und mit Ihnen über den Fall sprachen.
Ja, ich bekam viel Zuspruch, nicht nur von Spielern, sondern auch von Coachs, Assistenztrainern, Managern der andern Teams und auch von Schiedsrichtern. Das hat mich natürlich gefreut.

Sie hätten mit einem Tag gemein­nütziger Arbeit den Fall abschliessen können. Stattdessen lehnten Sie das Angebot des Staatsanwalts ab und verlangten ein Gerichtsurteil. Das war ein Risiko.
Ja, aber ich wollte, dass die Wahrheit zutage kommt. Selbst mein Anwalt Alex Spiro hat mit mir das abgewogen, ob wir die Offerte des Staatsanwalts annehmen sollen. Aber ich wollte nicht.

Hätten Sie diesen Prozess verloren, hätte Sie das doch Millionen von Dollar gekostet?
Es wäre für mich sehr teuer geworden. Es hätte weitreichende Konsequenzen haben können, wie einige Tage, einige Wochen oder einige Monate Gefängnis. Im schlechtesten Fall noch mehr. ­Zudem Landesverweis aus den USA. Und mein Vertrag mit Atlanta wäre mit sofortiger Wirkung aufgelöst worden.

Ein Glück für Sie, dass es Handy­aufnahmen von Passanten bei der Verhaftung gab.
Ja, das schon. Aber nicht nur das. Wichtig für mich war, dass man bei den ­Atlanta Hawks meiner Version geglaubt hat, bevor die Videoaufnahmen zirkulierten. Coach Mike Budenholzer hat mir immer Rückhalt gegeben. Natürlich war er nicht zufrieden, dass ich überhaupt in eine solche Situation geschlittert war. Das war dumm von mir, klar. Aber ich bekam vom Verein, auch von der Spielergewerkschaft viel Unterstützung. Das war sehr wichtig, denn ich hatte in dieser Zeit der Ungewissheit viel Stress.

Erstellt: 12.07.2016, 23:20 Uhr

TV-Rechte

2,5 Milliarden Dollar für die NBA

Es herrscht Goldgräberstimmung in der NBA. Im Oktober 2014 handelte die Liga einen neuen Vertrag für die Medienrechte aus, der ab der neuen Saison in Kraft tritt und bis einschliesslich 2024/25 dauert. Die Rechte wurden an die ­TV-­Giganten ESPN und Turner Sports vergeben, die insgesamt 24 Milliarden Dollar zahlen. Das ist gegenüber dem ­alten Vertrag eine gewaltige Steigerung: In der abgelaufenen Saison erhielt die Liga 930 Millionen Dollar, in der neuen werden es rund 2,5 Milliarden sein.

Die Spieler, deren Verträge diesen Sommer auslaufen und als sogenannte Free Agents gelten, «ziehen den Jackpot», schrieb die «New York Times». Und zwar nicht nur die Stars wie Kevin Durant, der mit einem Zweijahres­vertrag von 54 Millionen Dollar von den ­Oklahoma City Thunder zu den Golden State Warriors zieht. Auch mittelmässige Spieler, einige davon zählen nicht einmal zu den Startformationen, stehen im Geldregen. Ryan Anderson etwa, ein guter Distanzwerfer, aber mit erheb­lichen Defensivschwächen, erhielt von Houston einen neuen Vierjahresvertrag von insgesamt 80 Millionen Dollar.

Und nicht nur die Spieler reiben sich die Hände: Diese erhalten nämlich nur rund die Hälfte des Gesamtkuchens. Das heisst, auch die Besitzer der 30 NBA-Clubs kassieren kräftig.

Die Verträge der beiden Schweizer, Thabo Sefolosha, der bei Atlanta 12 Millionen in drei Jahren verdient, und Clint Capela (22), der in Houston einen Dreijahresvertrag im Wert von 3,7 Millionen Dollar ­besitzt, laufen nächstes Jahr aus. Dann können auch sie von der neuen Marktlage profitieren. (zog)

Die grössten NBA-Verträge
in Mio. Dollar

1. Mike Conley (Memphis)* 153/5 Jahre
2. DeMar DeRozan (Toronto)* 145/5 Jahre
3. Damian Lillard (Portland)* 140/5 Jahre
4. Kobe Bryant (LA Lakers) 136/7 Jahre
5. Anthony Davis (New Orleans)* 127/5 Jahre
Andre Drummond (Detroit)* 127/5 Jahre
Bradley Beal (Washington)* 127/5 Jahre
8. Jermaine O’Neil (Indiana) 126/7 Jahre
9. Kevin Garnett (Minnesota) 126/6 Jahre
Rashard Lewis (Orlando) 126/6 Jahre
* aktuell gültig

Die höchsten Gehälter
der Saison 2016/17

1. James Harden (Houston) 26,54
Kevin Durant (Golden State) 26,54
Al Horford (Boston) 26,54
Mike Conley (Memphis) 26,54
5. DeMar DeRozan (Toronto) 25,22
6. Carmelo Anthony (NY Knicks) 24,56
7. Damian Lillard (Portland) 24,33
8. Chris Bosh (Miami) 23,74
212. Thabo Sefolosha (Atlanta) 3,85
313. Clint Capela (Houston) 1,30

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