Der Fleischlieferant will Schwingerkönig werden

Christian Stucki hat am Wochenende in Estavayer Besonderes vor. Wer ist dieser Hüne aus Bern eigentlich?

1,98 m gross, 150 kg schwer, Christian Stucki hat Präsenz, selbst in seiner Arbeitsuniform. Foto: Marco Zanoni (Lunax)

1,98 m gross, 150 kg schwer, Christian Stucki hat Präsenz, selbst in seiner Arbeitsuniform. Foto: Marco Zanoni (Lunax)

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Christian Stucki ist einer dieser Menschen, die Räume kleiner machen. Er setzt sich in die Kabine seines Lastwagens, und sie schrumpft zum Kabinchen.

«Ziel ist Courtepin, das Verteilzentrum», sagt Stucki und startet den Motor. Auf der Ladebrücke liegen zwölf Palletten Cervelats und Rindshusarenspiesse, 36 Franken das Kilo. Es ist Grillsaison. Stucki, einer der Favoriten für den Eidgenössischen Königstitel, schwingt im Nebenamt. 60 Prozent seiner Arbeitskraft geht als Lastwagenchauffeur einer Berner Metzgerei drauf. Das Fahren hat er in der RS gelernt, wurde aber ent­lassen, weil ihm eine ­Infektion am Schienbein beinahe den ganzen Unterschenkel nahm. Untauglich. Die Narbe ist noch heute zu sehen.

In der Kabine hängt ein Duftbaum mit Piña-Colada-Geruch («Nicht von mir. Von einem der Raucher»), hinter den ­Sitzen liegt die Hörbuch-CD «Dr Goalie bin ig» («Sollte ich schon lange mal ­hören»), und über Stucki klebt ein Schild, das darauf hinweist, man solle doch die Kabine nach jedem Gebrauch staubsaugen («Auä, saugen Sie die Wohnung jeden Tag? Eben»).

Stucki mag diesen Raum, manchmal bleibt er die ganze Mittagspause drin. Er isst etwas, ruht sich aus oder guckt auf seinem iPad den Streamingsender Netflix. «Zu Hause schaue ich mit der Familie Fernsehen – vielfach SRF.» «Uf u dervo» findet er gut, Auswanderer erzählen darin von ihrem neuen Leben. Er könne sich vorstellen, im Ausland zu leben, sagt Stucki. Doch seine Frau halte von dem nicht allzu viel.

Er und die Verniedlichungsform

Stucki ist beliebt und bekannt. Nicht wie Federer oder Shaqiri, aber man kennt ihn. Vor allem auf dem Land, weniger in der Stadt. Doch er merke, dass er auch da immer mehr erkannt werde. Tatsächlich, die Leute auf den Strassen suchen seinen Blick, manche grüssen, andere tuscheln. In seiner Welt, nennen wir sie Stucki-Schweiz, da ist er der populärste Schwinger. Weshalb überhaupt? «Ich bin, wie ich bin», sagt Stucki. Er meint einfach, authentisch, für einen Spruch zu haben.

Christian Stucki beantwortet auf seiner Liefertour entweder-oder-Fragen: Fleisch oder Dessert?

Aufgewachsen in einer vierköpfigen Familie mit einer älteren Schwester und einem Vater, der ebenfalls Schwinger war, hat er früh «normale» Werte gelernt. «Anstand und Respekt – das ist beim Schwingen ähnlich.» Händeschütteln, Rücken abputzen. Mit zwölf mass er schon über 1,80 m und lief mit Schuhen der Grösse 47 durch Lyss’ Strassen.

Die Verniedlichungsform ist sein steter Begleiter. Seine Erscheinung macht vieles klein, seine Sprache ebenso. Schon als Kind sei er ein «Maschineli» gewesen. Kürzlich hat er sich ein «Muskelfaserrissli» geholt, und als die Grenze zum Freiburgerland überfahren ist, antwortet er auf die Frage, wie es um seine Französischkenntnisse stehe: «P’tit peu» und formt seinen Daumen und Zeigfinger zu einem Bisschen. Selbst das kleine Bisschen sieht bei ihm grösser aus.

Klein-Stucki hatte stets ein Bäuchlein mit sich getragen, wurde deswegen gehänselt, und als die anderen auf ihn losgingen, hat er sich nicht gewehrt und verprügeln lassen. Die Eltern hätten ihm schon früh gesagt, er sei stärker als alle anderen, er solle das nicht ausnützen.

Auch heute trägt er das Hünenhafte mit einer Sanftheit in die Welt hinaus, die die Leute in der Stucki-Schweiz in seinen Bann zieht – positiv wie negativ. Es gibt Kritiker, die sagen, er sei zu lieb, er wolle zu wenig gewinnen. Vor drei Jahren lag er nach dem Schlussgang auf dem Rücken und gab Schwingerkönig Sempach einen Kuss auf die Stirn. Das bestärkte die Zu-lieb-Kritiker noch mehr, die Geste aber machte den Stucki im Volk noch einmal etwas liebenswerter.

Courtepin ist erreicht, Stucki lädt seine Ware aus, als das Handy mit der ­Titelmelodie von «Gladiator» erklingt, einem Song mit einem Hauch zu viel ­Pathos. Der Chef ist dran, er müsse am Nachmittag noch 15 Palett nach Neuenburg bringen. «Machen wir halt auch noch.» Stucki und «Gladiator»? Das hat was, «König der Herzen» nennen die Leute ihn, und wenn man sich die heutigen Arenen der eidgenössischen Feste anschaut, dann wird der Schwinger zum Schaukämpfer. Über 50'000 Menschen schauen zu – auch in Estavayer. Die anwesenden Augen folgen den Schwingern wie Gewehrläufe. «Das hat etwas Unheimliches», sagt Stucki. «Es ist aber auch unfassbar motivierend.»

Der Blick in die Vergangenheit

Die Schwinger sind heute Teil eines Vermarktungskonzepts. Das Eidgenössische ist kein Schwingfest mehr, es ist ein Event. «Wir müssen aufpassen, was wir aus unserem Sport machen», sagt Stucki – wohlwissend, dass auch er davon profitiert. Sein Name wirbt für einen Detailhändler, einen Lastwagenhersteller, ein lokales Bier, eine Seilbahn und den Nutzfahrzeugverband.

Es sind Sponsoren, die ihm tiefe sechsstellige Einnahmen garantieren. Ihre Auswahl beschreibt die Stucki-Schweiz und bedient zugleich Vorurteile über die Schwinger. Ländlich, volkstümlich, simpel. Man kann sie noch weiterspinnen: Die Sägemehlsportler tragen Sennenzwirn, ziehen bei einem Sieg mit einem Muni ab und haben Kuhglocken zu Hause hängen. Eine Schubladisierung, die Stucki kennt. Er hat sich an die Stereotypen gewöhnt: «Natürlich mögen wir die Heimat und das Traditionelle – doch unser Leben ist mehr als das.»

Beim Stichwort Heimat und politische Meinung wird Stucki vorsichtig. Er sei mal in die «Arena» eingeladen worden, habe aber abgelehnt. «Nicht meine Bühne.»

Er ist ein gebranntes Kind. Vor Jahren sagte er einmal, Schweizer könne ja ­jeder werden, doch er, er sei Eidgenosse. Sofort versuchte man ihm ein braunes Mäntelchen überzuziehen. «Das war unüberlegt von mir. Ein schlechter Versuch, einen Spruch zu machen.» Der bürgerliche Stucki findet Abschottung und einen Zaun um die Schweiz den falschen Weg. Manchmal sei da ein Blick zurück gar nicht mal so schlecht: «Die Schweiz wurde auf dem Buckel von ­Immigranten aufgebaut.»

Dann ist Bern erreicht, und der Sanfte zeigt, er kann doch noch aus sich fahren. Die Einfahrt in die Tiefgarage ist blockiert, ein Lastwagen steht im Weg – laut wird es im Kabinchen.

Erstellt: 23.08.2016, 06:59 Uhr

Ein Fest für Hunderttausende

Das Eidgenössiche Schwingfest findet vom Freitag bis Sonntag statt, 250'000 Zuschauer werden erwartet. Es sind Grössenordnungen, die normal geworden sind. 2013 in Burgdorf kamen 300'000, 2010 in Frauenfeld 260'000 und 2007 in Luzern 280'000. Die Arena befindet sich auf dem Militärflugplatz Payerne und bietet Platz für 52'000 Menschen, das Stadion ist ausverkauft. Für alle ohne Tickets gibt es eine Public-Viewing-Zone. (czu)

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