Im Umschwung

Ein Jahr vor dem «Eidgenössischen» dominieren die jungen Schwinger Samuel Giger,Joel Wicki und Armon Orlik. Als einziger ­Routinier hält Christian Stucki mit.

Duell der Generationen: Der 20-jährige Samuel Giger besiegt auf der Schwägalp Christian Stucki (33). Foto: Melanie Duchene (Keystone)

Duell der Generationen: Der 20-jährige Samuel Giger besiegt auf der Schwägalp Christian Stucki (33). Foto: Melanie Duchene (Keystone)

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Er ist noch immer die imposanteste Erscheinung im Schwingsport: 198 Zentimeter gross, 140 bis 150 Kilogramm schwer, je nach Saison, Schuhgrösse 51, breite und starke Schultern. Sie müssen auch eine ordentliche Last stemmen: Christian Stucki trägt nicht nur die Hoffnungen der Berner, sondern jene einer ganzen Generation. Die jungen Kräfte werfen die Gegner im Akkord ins Sägemehl, doch der kräftige Alte aus dem Seeland hält dagegen – hartnäckig, mit 33 Jahren, als Einziger der Gruppe Karriere-Spätherbst.

Der Wandel an der Spitze deutete sich 2016 beim «Eidgenössischen» in Estavayer an. Bereits damals gehörten den Youngsters die Schlagzeilen: Armon Orlik erreichte den Schlussgang, Samuel Giger wurde Zweiter, Remo Käser Dritter. Doch der Titel des Königs gebührte einem 30-Jährigen: Matthias Glarner. Im Folgejahr schwangen Orlik, Giger und Joel Wicki regelmässig obenaus – den grössten Sieg aber holte Stucki am Unspunnenfest.

2018 wurde die Ablösung vollzogen: Giger (20) gewann trotz Verletzungspause die meisten Kranzfeste. Wicki (21) bezwang die meisten «Eidgenossen». Orlik (23) bestritt wegen eines angerissenen Aussenbands nur fünf Feste, entschied deren drei für sich und beendete die Jahreswertung der Fachzeitschrift «Schlussgang» hinter Giger, Wicki und Stucki (33) als Vierter.

Vielleicht waren Stuckis Duelle mit Wicki im Schlussgang des «Innerschweizerischen» und mit Giger auf der Schwägalp sinnbildlich: Gegen Wicki parierte der Seeländer sämtliche Angriffe mit etwas Glück, gegen Giger fehlte ihm dieses, um den wankenden Thurgauer ins Sägemehl zu drücken. Schliesslich fiel der Koloss Stucki – geschlagen für den Moment, aber nicht niedergeschlagen. Der Routinier wird im nächsten Jahr in Zug den letzten Anlauf nehmen, seine Karriere mit dem Königstitel zu krönen. Die Favoriten aber sind Giger, ­Wicki und Orlik. Sie haben beste Chancen, die Berner Dominanz an Grossanlässen zu beenden.

Ein Überblick über Kräfteverhältnisse und Königsanwärter – 367 Tage vor dem «Eidgenössischen» in Zug.

Berner: Das Ende der goldenen Generation naht

Seit 2008 hat mit einer Ausnahme (Unspunnen 2011) jeder eidgenössische Anlass mit einem Berner Sieg geendet. Die Dominanz war auch der goldenen Generation (Jahrgänge 1984 bis 1986) geschuldet. Sie sorgte für eine beeindruckende Breite – getreu dem Motto: Zieht einer einen schwachen Tag ein, schwingen andere in die Bresche. Nun sind mit Matthias Siegen­thaler und Schwingerkönig Matthias Sempach zwei Athleten dieser Generation zurückgetreten, König Glarner kämpft mit den Folgen seines Gondelsturzes. In diesem Jahr verpassten die Berner auf dem Brünig zum ersten Mal seit 2010 den Sieg. Auf dem Stoos und auf der Schwägalp holten sie nur je vier Kränze.

Die Hoffnungsträger für Zug heissen Stucki, Käser und Kilian Wenger. Der 21 Jahre alte Käser zählt als einziger junger Berner zur Spitze. Er hat wegen Verletzungen auf Orlik, Giger und Wicki an Terrain eingebüsst. König Wenger hat seit seinem Coup 2010 an Grossanlässen selten überzeugt. Für die Berner sprechen Routine und Teamgedanke. Als einziger Teilverband stellen sie ausschliesslich Schwinger aus demselben Kanton.

Innerschweizer: Wer hält Wicki den Rücken frei?

Der grösste Teilverband wartet seit Harry Knüsels Triumph 1986 auf einen Schwingerkönig. Nun befeuert Joel Wicki mit seinem explosiven Stil die Hoffnungen. Die verhältnismässig geringe Grösse (183 Zentimeter) kompensiert der Entlebucher mit unglaublicher Schnellkraft. Wicki kennt kein Zögern. Nur: Wer König werden will, braucht ein starkes Team. Da gibt es Fragezeichen. Die Spitzenschwinger Christian Schuler, Benji von Ah und Andi Imhof sind über 30 Jahre alt, Andreas Ulrich könnte zurücktreten. Von den jüngeren «Eidgenossen» kommt im Hinblick auf Zug keiner für den ganz grossen Wurf infrage. Aber Mike Müllestein, Marcel Mathis, Reto Nötzli und Sven Schurtenberger haben dieses Jahr bewiesen, dass sie in der Lage sind, Wicki den Rücken freizuhalten.

Nordostschweizer: Gleich zwei Favoriten

Dank den Königen Jörg Abderhalden und Arnold Forrer sowie dem vierfachen «Eidgenossen» Stefan Fausch prägten die Nordostschweizer den Hosenlupf während Jahren. 2008 führten die Berner in Kilchberg mit dem Schlussgang Stucki - Sempach die Wende herbei. Sie haben seither dominiert. In Zug könnten die Nordostschweizer die Kräfteverhältnisse wieder zu ihren Gunsten verschieben. Als einziger Teilverband verfügen sie mit Orlik und Giger über zwei junge Königsanwärter. Der Bündner ist der kompletteste Schwinger der neuen Generation, der Thurgauer der kräftigste. Wer mit Giger zusammengreife, fühle sich wie in einem Schraubstock, sagen Konkurrenten. Auch an potenziellen Königsmachern fehlt es in der Nordostschweiz nicht: Unspunnen-Sieger Daniel Bösch, der dreifache «Eidgenosse» Michael Bless, der aufstrebende Roger Rychen, der unbequeme (aber häufig verletzte) Fabian Kindlimann. Bleibt die Frage nach dem Zusammenhalt, wenn Bündner, Thurgauer, St. Galler, Appenzeller und Zürcher gemeinsame Sache machen sollen.

Der Rest: Zwei Teilverbände, drei Hoffnungsträger

Bei den Nordwestschweizern ist der Wandel vollzogen. Bruno ­Gisler trat auf dem Weissenstein zurück, Christoph Bieri kommt nicht mehr auf Touren, Ma­rio Thürig (Schulteroperation) denkt ans Aufhören. Teamleader ist der 21 Jahre alte Aargauer Nick Alpiger. Aber dahinter? Verteidigungskünstler David Schmid ist kein Siegschwinger. Die Talente Lukas und Andreas Döbeli, Janic Voggensperger und der verletzungsanfällige Michael Bächli sind noch weit von der absoluten Spitze entfernt.

Aus der Südwestschweiz haben Lario Kramer und Benjamin Gapany gute Chancen auf den eidgenössischen Kranz. Kramer (19) düpierte im Juni die Berner und die Innerschweizer auf dem Stoos. Gapany (23) hat in dieser Saison drei Kantonalfeste gewonnen.

Erstellt: 22.08.2018, 06:45 Uhr

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