«In den USA ist offener Rassismus erlaubt»

Der Schweizer Basketballpionier Thabo Sefolosha lernte nach einem gravierenden Zwischenfall die USA neu kennen.

Thabo Sefolosha posiert in Saint-Légier-La Chiésaz. Der 35-jährige Basketballer ist ein Vorkämpfer für Gerechtigkeit.

Thabo Sefolosha posiert in Saint-Légier-La Chiésaz. Der 35-jährige Basketballer ist ein Vorkämpfer für Gerechtigkeit. Bild: Nicolas Righetti/Lundi13

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Sie haben 13 Saisons in der NBA gespielt. Welches war Ihr schlimmster Tag?
Diese Frage ist einfach zu beantworten. (lacht) Ich war in New York…

…wo Polizisten Sie vor einem Nachtclub festnahmen und Ihnen ein Bein brachen.
Genau, das war bei weitem der schlimmste Tag.

Inwiefern hat dieser Vorfall Ihre Karriere beeinflusst?
Ich werde nie genau wissen, wie es mit meiner Karriere ansonsten weitergegangen wäre. Ich bin aber froh, passierte mir dies, nachdem ich schon zehn und nicht erst zwei, drei Jahre in der NBA gespielt hatte. Es war ein derart drastischer Einschnitt, dass sich nicht nur veränderte, wie ich die USA, sondern wie ich das ganze Leben sehe.

Können Sie das ausführen?
Ich bin wegen des Basketballs in den USA, aber das Leben ist so viel wichtiger. Mir wurde bewusst, dass ein Sekundenbruchteil mein ganzes Leben verändern könnte. Der Vorfall war ein Augenöffner. Insofern bin ich irgendwie dankbar, ist mir das widerfahren. Ich versuchte, dieses negative Erlebnis in ­etwas Positives zu verwandeln.

Weil Sie sich juristisch mit Erfolg zur Wehr setzten, gelten Sie als Vorkämpfer für Minderheiten. Behagt Ihnen ­diese Rolle?
Ich denke, wir haben alle die Verantwortung, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Und wenn ich einen kleinen Beitrag leisten kann, dann tue ich das. Zum Beispiel, indem ich öffentlich auf eine Ungerechtigkeit hinweise. Ich habe über die Jahre den Glauben verloren, dass die grossen Organisationen etwas erreichen können. Wir müssen lokal beginnen, im Kleinen etwas bewirken.

«Trump kommt in der NBA nicht gut an.»

Kürzlich nahmen Sie für Russell Westbrook Partei, nachdem dieser von einem Fan Ihres Teams beleidigt worden war. Hat der Rassismus zuletzt zugenommen?
Ja, in den USA ist offener Rassismus erlaubt, weil der Präsident ein Rassist und Eiferer ist. Heute getrauen sich viele Leute, öffentlich zu sagen, die Mexikaner oder wer auch immer passten ihnen nicht.

Was hält die Mehrheit der NBA-Spieler von Donald Trump?
Die letzten Meisterteams lehnten es ab, im Weissen Haus für den ­Titel geehrt zu werden. Trump kommt in der NBA nicht gut an, ich glaube, er kommt in den ganzen USA nicht gut an, aber er hat eine starke Gruppe von Anhängern, die ihn bedingungslos unterstützt. Ich erachte ihn als sehr, sehr gefährlichen Mann. Er ist daran, der US-Wirtschaft zu schaden und das Machtgleichgewicht in der Welt über den Haufen zu werfen.

Haben Sie seit Ihrem Zusammenprall mit der Polizei noch Rassismus erfahren?
Nein. Klar, in New York war Rassismus ein Faktor, aber wir Sportstars leben in einer Blase. Viele Leute, ja auch die meisten Polizisten, kennen unsere Namen. Weil ich in einer Blase lebe, ist es schwierig zu beurteilen, wie es dem Normalbürger ergeht. Aber mein Gefühl sagt mir: Es hat sich definitiv etwas verändert.

In den USA leben Sie Ihren Traum. Wie hat sich Ihre Sicht auf das Land verändert?
Bevor ich in die USA ging, hatte ich von diesem Land keine Ahnung gehabt. Ich hatte einige Bilder gesehen, aber ansonsten kannte ich die USA nur vom Basketball her. Jetzt, da ich 13 Jahre dort gelebt habe, weiss ich, wie anders die Kultur und die Mentalität ist.

Inwiefern?
In Europa ist man entspannter, versucht, jede Minute zu geniessen. In den USA geht es meistens darum, wie viel man verdienen kann. Die Leute wollen immer mehr und noch mehr. Ich war nie ein Fan von dieser Einstellung, deshalb fühle ich mich hier wohler.

«Es ist ziemlich cool, zu wissen, dass ich ein Pionier war.»

Sie werden also nach Ihrer NBA-Laufbahn in die Schweiz zurückkommen?
Ja, das ist der Plan. Hier ist meine Heimat, hier in der Region Vevey sollen meine Kinder später auch zur Schule gehen.

Wann wird das der Fall sein?
In spätestens drei Jahren.

Sie schafften als Erster den Sprung in die NBA. Wie beurteilen Sie Ihren Einfluss auf den Schweizer Basketball?
Ich weiss nicht, ob das schon greifbar ist. Aber eines ist klar: Es wird immer einen besseren Spieler geben. Sogar bei Michael Jordan ist umstritten, ob er der Beste war. Der Erste hingegen kann nur einer sein, daher bin ich sehr stolz, konnte ich diese Mauer durchbrechen. Clint Capela folgte mir in die NBA, und vielleicht werden weitere Schweizer nachstossen. Es ist ziemlich cool, zu wissen, dass ich ein Pionier war.

Hat das Nationalteam seit Ihrem Durchbruch Fortschritte erzielt?
Das ist schwierig zu sagen, denn es ist ein Auf und Ab. Es gab eine gute Phase, die acht bis zehn Jahre andauerte, aber dann auch wieder schlechte Phasen.

Clint Capela wird in der EM-Vorqualifikation zur Verfügung stehen. Beeinflusst sein Comeback Ihre Entscheidung?
Ja, denn es würde Spass machen, mit ihm zu spielen – auch weil mit ihm unsere Chancen besser sind. Aber ich kann erst eine Entscheidung treffen, wenn ich meine Zukunft geregelt habe.

Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Capela beschreiben?
Nun, es gibt einen Altersunterschied von zehn Jahren. Es ist immer schön, wenn ich meinen Schweizer Kollegen während der Saison treffe. Wir gehen dann auch zusammen essen, aber tiefer geht unsere Beziehung nicht.

Wie wichtig ist es Ihnen, am Ende Ihrer Karriere für einen Titelanwärter zu spielen?
Es wäre die Kirsche auf der Sahnetorte, doch noch einen Ring zu holen. Die sportliche Perspektive des Teams ist bei meinem Entscheid daher ein Kriterium, aber nicht das einzige und wohl auch nicht das wichtigste.

Ist es mit 35 Jahren härter als früher, täglich einen Effort zu leisten, um in der weltbesten Liga mithalten zu können?
Ich gebe es ungern zu, aber es ist tatsächlich härter geworden. Einerseits dauert es länger, sich von den Anstrengungen zu erholen, andererseits fällt es mir nicht mehr ganz so leicht, mich für die harte Arbeit zu motivieren. Es ist ein mentales Spiel geworden, ich kämpfe gegen mich selbst. Ich pushe mich hart, aber immer mit dem Hintergedanken, dass es mir nach der Karriere gesundheitlich gut gehen soll.

Vor einem Jahr wurden Sie wegen Marihuana-Konsums für fünf Partien gesperrt. War es der gröbste Fehler, den Sie je gemacht haben?
Nein, ich habe etliche eindeutig schlimmere Fehler begangen. (lacht) Ich bin nicht stolz auf das, was ich getan habe, und ich will auch keine Werbung für Cannabis machen. Ich verstehe die Regel, aber ich habe diese Entscheidung getroffen und lebe nun mit den Konsequenzen.

Waren diese gravierend?
Ich finde eine Sperre ziemlich hart, wenn man bedenkt, dass es sich um eine Pflanze handelt, die in der Natur wächst. Die Meinungen zu diesem Thema gehen auseinander.

Kommen wir zu einem Ihrer besten Tage. Sie haben bei Salt Lake City eine Frau aus dem Fluss Provo gerettet. (Sefolosha schmunzelt) Warum schmunzeln Sie? Stimmt die Geschichte nicht?
Doch, sie stimmt. Es war interessant, dass vier Wochen nachdem es passiert war, plötzlich etwas darüber in der Zeitung stand. Ich machte mit meiner Familie einen Riverrafting-Ausflug, der Fluss war ziemlich rau an diesem Tag. Kurz vor Ende des Trips sah ich eine Dame im Wasser treiben, die keine Schwimmweste trug, also packte ich sie und zog sie in unser Boot.

Sie spielen Ihre Tat herunter. Es kommt nicht jeden Tag vor, dass man jemandem das Leben rettet.
Zu diesem Zeitpunkt war mir nicht bewusst, dass die Frau um ihr ­Leben kämpfte.



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Erstellt: 22.07.2019, 16:15 Uhr

Sefoloshas grosse Karriere und die Verhaftung mit Folgen

Mit 17 spielte Thabo Sefolosha in der Nationalliga A, mit 18 ging er nach Frankreich, später wechselte er nach Italien, und als 22-Jähriger debütierte er als erster Schweizer in der NBA. Der Sohn eines Südafrikaners und einer Westschweizerin hat während insgesamt 13 Saisons für Chicago, Oklahoma City, Atlanta und Utah gespielt. 2010 gehörte er offiziell zu den zehn besten Defensivspielern der NBA, 2012 erreichte er mit Oklahoma City den Playoff-Final (1:4 gegen Miami). Derzeit ist der Vater von zwei Töchtern vertragslos, aber guter Dinge, einen neuen Arbeitgeber zu finden.

Für die grössten Schlagzeilen sorgte der Waadtländer freilich abseits des Courts: Am frühen Morgen des 8. April 2015 wurde er mit einem Teamkollegen vor einem Nachtclub in Manhattan verhaftet, wobei ihm ein Polizist das rechte Schienbein brach. Auf juristischem Weg konnte Sefolosha seinen Namen reinwaschen. Am Ende willigte die Stadt New York auf einen aussergerichtlichen Vergleich ein, der sie verpflichtete, ihm vier Millionen Dollar zu bezahlen. (ädu)

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