Ist er krank, verrückt oder einfach nur ein Selbstdarsteller?

Die Annäherung an Boxweltmeister Tyson Fury, der von allen nur gehasst werden will und Homosexuelle, Frauen wie auch Andersläubige beleidigt.

Immer wieder für eine Überraschung gut: Boxweltmeister Tyson Fury stellt vor der Weltpresse seinen Bierbauch zur Schau.

Immer wieder für eine Überraschung gut: Boxweltmeister Tyson Fury stellt vor der Weltpresse seinen Bierbauch zur Schau. Bild: Reuters

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In der Nacht, in der er der stärkste Mann der Welt geworden war, stand Tyson Fury irgendwann in einem Kellerraum der Arena in Düsseldorf, er guckte sich um, doch niemand guckte zurück. Eine knappe Stunde zuvor hatte Fury gegen Wladimir Klitschko gewonnen, als erster Mensch seit zehn Jahren, doch nun, kurz vor der Pressekonferenz, erkannte keiner den Mann des Abends, 206 Zentimeter gross, mehr als 110 Kilogramm schwer, über dem grimmigen Bart gerötete Wangen. Langsam schlich Fury in den Raum hinein, da sah ihn schliesslich eine Journalistin, sie rief: «Congratulations, champ.» Fury blieb stehen, er sagte leise, fast fistelig: «Thanks.» Schüchtern schlich der neue stärkste Mann der Welt vor zum Podium.

Die Sportart, in der Tyson Fury in dieser Nacht Ende November in Düsseldorf der neue stärkste Mann der Welt wurde, nennt sich Boxsport, aber diese Bezeichnung ist irreführend. Das Boxen ist nur zum Teil ein Sport. Das Boxen ist Unterhaltung, es ist eine Illusion, es ist vor allem: ein Geschäft. Und in diesem kommen nur die nach oben und an die grossen Gelder, die auffallen. Dadurch, dass sie im Ring nicht umfallen, so wie Arthur Abraham, der einmal acht Runden lang mit einem doppelt gebrochenen Kiefer boxte.

Er bestimmte die Schlagzeilen

Oder dadurch, dass sie einem körperlich brutalen Sport neuen Glanz verleihen, indem sie ihn auch für die Schönen und Reichen interessant machen – und damit erst für das ganz grosse Geld. Darin war Henry Maske ein Meister, und die Klitschko-Brüder waren Grossmeister. Oder die Boxer fallen zumindest neben dem Ring auf, durch laute Sprüche, durch Provokationen, durch extravagantes Benehmen, durch all das, was die Kameras in der ganzen Welt verbreiten. Wenn es danach geht, heisst der stärkste Mann der Welt tatsächlich Tyson Fury.

In den vergangenen Tagen bestimmte der Brite die Schlagzeilen wie sonst kein anderer Sportler. Am Freitag vor einer Woche wurde ein Brief der Voluntary Anti-Doping Association (Vada) veröffentlicht, die Fury des Kokainkonsums überführt hatte. Es war der nächste Tiefschlag für den Weltmeister; wenige Monate zuvor hatten britische Medien berichtet, dass Fury bereits im Frühjahr 2015 positiv auf das Steroid Nandrolon getestet worden sei – dennoch durfte er gegen Klitschko antreten.

Rücktritt mit Beschimpfungen

Am Montag kündigte Fury seinen Rücktritt an, begleitet von Beschimpfungen gegen die ganze Branche. Nur wenige Stunden später trat er vom Rücktritt wieder zurück. Am Mittwoch veröffentlichte das Magazin «Rolling Stone» ein Interview, in dem Fury über seine Depression sprach. Am Donnerstag kam schliesslich noch die Meldung, dass Fury von der Vada ein zweites Mal positiv auf Kokain getestet worden war. Den Rückkampf gegen Klitschko hatte Fury schon kurz nach dem ersten Kokaintest abgesagt, zum zweiten Mal.

All diese Nachrichten waren jedoch nur das letzte Kapitel von einem Dreivierteljahr der Selbstzerstörung, wie es selbst der sich selbst immer wieder zugrunde richtende Boxsport selten erlebt hat. Aus dem schüchternen Mann aus der Nacht von Düsseldorf war endgültig ein Provokateur geworden, der selbst diesen Sport der regelmässigen Geschmacklosigkeiten immer wieder aufs Neue herausfordert.

Also wer ist Tyson Fury?

Schon vor seinem Sieg gegen Klitschko hatte Fury verstörende Interviews gegeben, er hatte Homosexuelle beleidigt, Frauen, Andersgläubige. Doch nun, nachdem er es eigentlich geschafft hatte, nachdem er Klitschko, den jahrelangen Schwergewichtsweltmeister von drei der vier grossen Verbände, bezwungen hatte, hörte er nicht auf. Der WM-Titel war für ihn keine Befreiung. Er bekam nur die Bühne, auf der alle zu ihm zurückguckten.

Erstellt: 12.10.2016, 19:33 Uhr

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