«Jetzt mache ich das Ganze mit viel mehr Spass»

Mountainbike-Olympiasieger Nino Schurter gewann 2017 jedes Weltcuprennen. Nun fehlt ihm noch ein Sieg zur perfekten Saison: jener an der WM in Cairns.

Schurter: «Ich bin nicht besser in Form als letztes Jahr, ganz sicher nicht. Aber mental war ich noch nie so parat wie jetzt.» Bild: Keystone

Schurter: «Ich bin nicht besser in Form als letztes Jahr, ganz sicher nicht. Aber mental war ich noch nie so parat wie jetzt.» Bild: Keystone

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4,3 Kilometer misst die Rennstrecke an den Weltmeisterschaften an der Nordostküste Australiens in Cairns. Nino Schurter mass die kurze Distanz am Mittwoch im Staffelwettbewerb in 11:59 Minuten ideal aus. Er verwandelte mit der schnellsten Rundenzeit des Tages einen Rückstand von einer Minute in einen komfortablen Solosieg. Wie wird das erst herauskommen, wenn das ­Rennen über sieben Runden geht wie morgen Samstag (6.30 Uhr MEZ)? Der Titelverteidiger und Saisondominator gibt seinen Herausforderern jedenfalls wenig Anlass zur Hoffnung auf einen Ausrutscher.

Wie gerne gingen Sie als Schüler in den Geschichtsunterricht?
Uff, das ist schon lange her. Ich glaube, ganz gerne. Jedenfalls kommen jetzt auf die Schnelle keine negativen Erinnerungen auf.

Interessiert Sie die Vergangenheit?
Nicht allzu sehr. Ich finde das, was kommt, viel spannender. Was vorbei ist, ist vorbei. Zugleich ist es schön, wenn man etwas hinterlassen kann.

Sie haben schon so viel gewonnen, dass Sie mittlerweile hauptsächlich sporthistorische Marken jagen. Nun etwa den sechsten WM-Titel – was noch niemandem gelungen ist. Wie gehen Sie damit um, dass Sie primär gegen Rekorde fahren?
Auch wenn du so viel erreichen durftest, willst du dich weiterhin an etwas ­messen. Wenn das fehlt, hast du keinen Ansporn mehr. Aber es macht mir auch Spass, den Rekorden nachzujagen.

Welcher Gedanke treibt Sie unmittelbar an, wenn Sie im Kraftraum oder beim Intervalltraining am Berg ans Limit gehen? Sie ­werden sich in der Situation ja kaum sagen: «Los, kämpfen, du willst doch Julien Absalons Rekord an Weltcupsiegen übertreffen!»
Wenn du im Spitzensport erfolgreich sein willst, dürfen dich nicht nur Ziele antreiben. Es muss dir auch Spass ­machen, hinaus ins Freie und an deine Grenzen zu gehen. Bei mir ist das so. Ich finde es cool, an meiner Form zu schleifen. Wenn du nach einem harten Training merkst: Du bist völlig platt, dein Körper muss nun arbeiten – das braucht es, um stärker zu werden. Wichtig ist ­dabei, dass man sich auch wieder Zeit gibt – ­gerade jetzt dann in der Pause ­zwischen den Saisons. Und ich bin ­sicher, dass dann auch die Lust wieder kommen wird, noch besser zu werden.

Geht das bei Ihnen überhaupt noch?
Grosse Schritte sind nicht mehr möglich. Es sind vielmehr die Erfahrungen der vergangenen Jahre, von denen ich nun profitiere: die Abläufe so reibungslos wie möglich zu gestalten; bezüglich Anreisen zu Rennen, dem Umgang mit Zeitverschiebungen. Solche Erfahrungen verschaffen einem auch einen Vorteil gegenüber jüngeren Konkurrenten. Im Training dagegen sehe ich kaum mehr Steigerungspotenzial. Im Gegenteil: Ich muss aufpassen, dass ich technisch nicht schlechter werde. Darum fahre ich regelmässig mit Jüngeren, die mehr ­pushen. Zum Teil fahre ich mit ­Junioren, und denke: «Verdammt, die lassen es aber ziemlich ‹tschädere›.» Doch es braucht mehr, um am Ende spitze zu sein. Du musst in jedem Bereich versuchen, bis ans Limit zu gehen. Bezüglich Kraft, Ausdauer, Technik, ­Material.

Merken die Jungen, dass es ihnen gelingt, Sie ans Limit zu bringen?
Ich versuche, das natürlich nicht zu zeigen. Aber heuer bin ich auch in den Rennen ein paarmal in technischen Passagen unter Druck gesetzt worden. Was teilweise mit dem Material zu tun hat: Einige fahren etwa mit einem Dropperpost (Anm.: einer absenkbaren Sattelstütze, die bergab mehr Agilität verschafft, aber bergauf ein Zusatzgewicht darstellt). Das bringt mich auch ins Grübeln.

Und trotzdem: Sie fuhren bisher eine perfekte Saison, gewannen jedes Weltcuprennen. Hatten Sie nie einen Durchhänger?
Einen richtigen nicht. Ich versuche, nicht zu viele Wettkämpfe zu bestreiten, hatte einige Male zwei oder drei ­Wochen lang keine Rennen. Das ist gut für den Kopf – und Gelegenheit, richtig zu trainieren.

Ihre Serie begann bereits im März, mit dem überraschenden Gesamtsieg am Cape-Epic-Etappenrennen in Südafrika. Löste der etwas aus?
Es war ein Hammererlebnis. Zugleich war die Rennwoche für mich noch einmal ein superharter Trainingsblock, von dem ich lange gezehrt habe.

Niederlagen erlebten Sie einzig in kleineren Rennen in der Schweiz. Wie fühlt sich das an, wenn man sonst immer gewinnt?
Ich hatte zwischen den Weltcups schon ein paar mässige Rennen. Es ist halt so: 100 Prozent gibst du nur im Weltcup. Bei den anderen Rennen ist die Vorbereitung nicht die gleiche, du trainierst zum Beispiel bis kurz davor. Und auch bezüglich des Leidens: Irgendwann ist dieses Kontingent aufgebraucht, in solchen Rennen kotzt du dich dann nicht ganz so aus wie in anderen.

Kann man sich ans Siegen gewöhnen?
Mir macht es Spass, darum gebe ich ja ­alles. Gewöhnen: Klar verändert sich die Wahrnehmung des Gewinnens, wenn man es mehrmals erlebt hat. Der erste Weltcupsieg oder der 25., das ist nicht mehr ganz dasselbe Gefühl. Trotzdem freue ich mich über jeden Sieg. Ich habe einfach nicht mehr das Gefühl, ich müsse danach eine Woche lang feiern (lacht). Zugleich werden die Siege auch von einem erwartet, das Umfeld reagiert nicht mehr gleich darauf. Selbstverständlich ist es trotzdem nicht.

Wie erlebten Sie diese Saison?
Der grosse Unterschied war die Gelassenheit, die ich dieses Jahr hatte. Ich stand am Start, ohne gross nervös zu sein. Sonst war ich das immer gewesen. Nun stand ich im Weltcup am Start, konnte mich richtig auf das Rennen freuen. Sonst war da immer auch etwas Angst gewesen: Bist du heute erfolgreich – oder nicht? Wenn du das ablegen kannst, bleibt nur noch der Spass. Das machte mich so erfolgreich, da bin ich ziemlich sicher. Ich bin nicht besser in Form als letztes Jahr, ganz ­sicher nicht. Aber mental war ich noch nie so parat wie jetzt.

Weil Sie in Rio den lange ersehnten Olympiasieg erreichten.
Genau. Jetzt mache ich das Ganze mit viel mehr Spass.

6 Weltcuprennen, 6 Siege – das sieht nach völliger Dominanz aus. Tatsächlich wurden Sie in jedem Rennen aber stark gefordert, vor allem von der jüngeren Generation.
Ich musste in jedem Weltcup voll an mein Limit. Jedes Mal gegen jemand ­anderen fighten. Es gibt tatsächlich ­einige Neue, und wenn die einen guten Tag haben, kommen sie mir nahe.

Eine spannende Herausforderung?
Es verändert die Renntaktik. Bei den ­Duellen mit Julien Absalon weiss ich – ich kann es auf der letzten Runde klarmachen. Bei den neuen Gesichtern musst du erst herausfinden, wo sie ihre Stärken, wo ihre Schwächen haben.

Apropos Stärken: Die Frage, ob Ihnen die WM-Strecke von Cairns liegt, scheint sich nach dem Sieg mit der Staffel zu erübrigen.
Ich mag sie, es macht Spass, auf ihr zu fahren. Es gibt ein paar technische ­Abschnitte, Abfahrten mit Flow.

Was würde Ihnen ein sechster WM-Titel bedeuten?
Es wäre der Abschluss einer wirklich perfekten Saison. Wobei ich schon jetzt mehr als zufrieden bin, mit Cape Epic, dem Gesamtweltcup. Ich nehme, was noch kommt. Klar ist das Ziel, den Titel zu verteidigen. Aber es geht keine Welt unter, wenn das nicht klappt. Ich bin wohl noch nie mit so wenig Druck eine WM gefahren.

Druck von aussen oder von Ihnen?
Von aussen ist er schon da. Aber ich selber mache mir nicht so viel Druck, ich hatte diese Saison schon viel Glück.

Erstellt: 08.09.2017, 09:37 Uhr

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