Joshuas Lehrstunde

Anthony Joshua holt sich die vier WM-Gürtel gegen einen chancenlosen Andy Ruiz zurück.

Einer von vielen Treffern: Anthony Joshua erwischt Andy Ruiz. (Bild: Richard Heathcote/Getty Images)

Einer von vielen Treffern: Anthony Joshua erwischt Andy Ruiz. (Bild: Richard Heathcote/Getty Images)

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Manche Boxkämpfe enden mit dem ersten richtigen Schlag, auch wenn sie danach noch länger als eine halbe Stunde dauern. Dieser erste richtige Schlag, hat Wladimir Klitschko, der prägende Schwergewichtsboxer dieses Jahrhunderts, einmal erzählt, lässt den Gegner spüren, dass das ein schmerzhafter Abend werden wird, dass es schnell gehen könnte, und wenn es nicht schnell gehen wird, dann wird es eine Qual.

Im vergangenen halben Jahr hatte Klitschko viel mit Anthony Joshua telefoniert, mit dem Mann, gegen den er seinen letzten Kampf verloren hat und den er heute einen Freund nennt. Am Samstag hat dieser Klitschko-Kumpel gegen Andy Ruiz geboxt, und nach zwei Minuten der ersten Runde wusste Ruiz, der als Weltmeister von drei grossen Verbänden in den Ring gestiegen war, dass das ein schmerzhafter Abend werden wird.

Im Juni hatte Joshua, der bis dahin unbesiegte Weltmeister, überraschend gegen Ruiz verloren. Der Mexikaner war kurzfristig eingesprungen, Joshua boxte überheblich, in der dritten Runde hatte er Ruiz einmal am Boden. Aber er nahm ihn nicht ernst, er boxte kopflos, er, der grosse Modellathlet, kam Ruiz, dem kleineren Pummeligen, immer viel zu nahe. Nach vier Niederschlägen des Herausforderer brach der Ringrichter den Kampf in der siebten Runde ab. Am Samstag aber, beim Rückkampf in Riad, hatte Joshua nach 20 Sekunden der ersten Runde schon zweimal mit einem linken Haken getroffen, einmal mit einer Geraden zum Körper, und nun, nach zwei Minuten, landete eine linke Führhand von Joshua im Gesicht von Ruiz, die Hand also, die die Distanz kontrolliert und damit das gesamte Geschehen im Ring.

Prüfung bestanden

270 Jabs hatte Joshua nach zwölf Runden geschlagen, im Schnitt also alle acht Sekunden eine Führhand, mit 65 davon hatte er getroffen. Ruiz hatte in diesen 36 Minuten viele Schmerzen tapfer ertragen, aber zum Boxen war er nicht gekommen. Die drei Punktrichter werteten das Duell klar für Joshua (119:109, 119:109, 118:110). Der 30 Jahre alte Brite hat damit nicht nur den Titel zurückgewonnen, er hat sich auch zurückgemeldet als ein Boxer, der körperlich, taktisch und mental so stabil ist, dass er die Gewichtsklasse der Schwergewichte noch lange beherrschen könnte. «Ich wollte nur eine Lehrstunde des Boxens geben», sagte Joshua nach dem Kampf, die sweet science dieses «wundervollen Sports» wollte er zeigen: «Es geht darum zu treffen und nicht getroffen zu werden.»

Es ging Joshua also darum, allen zu demonstrieren, dass er Kämpfe nicht nur mit seinen Fäusten gewinnen kann, sondern auch mit dem Kopf.

«Es war wie bei einer Prüfung. Die erste habe ich verhauen, beim zweiten Mal habe ich gelernt, mich vorbereitet.»Anthony Joshua

Nach der Niederlage gegen Ruiz hatte Joshua sich Diskussionen darüber anhören müssen, ob er zu weich sei, voller Selbstzweifel sei, ob ein harter Schlag ausreiche, um ihn auch innerlich zu treffen. Für den Rückkampf verzichtete er weitgehend auf Krafttraining, er war fünf Kilogramm leichter und dadurch auch beweglicher. Er war wieder der technisch versierte, schlagstarke, selbstsichere Boxer, der im Frühjahr 2017 gegen Klitschko vorzeitig gewonnen hatte, obwohl er auch selbst am Boden lag. «Es war wie bei einer Prüfung. Die erste habe ich verhauen, beim zweiten Mal habe ich gelernt, mich vorbereitet, und wusste, ich würde bestehen», sagte er.

Strategie statt Spektakel

Ruiz, der knapp sieben Kilogramm auf seinen ohnehin massigen Körper gepackt hatte, kam Joshua nie hinterher, vor dem Ende der ersten Runde hatte er eine Platzwunde am linken Auge. Wie ein Pinguin watschelte er durch den Ring, Joshua traf fast nach Belieben. Wie sein Mentor Klitschko boxte er dabei aufrecht, seine rechte Faust klebte gerade zu Beginn am Kinn – es waren die Sicherheitsmassnahmen eines Mannes, der gelernt hat, dass zu einem Boxkampf nicht nur harte Schläge, sondern auch Konzentration und Deckungsarbeit gehören. Nur selten liess er sich in die Nahdistanz locken, zweimal erwischte ihn Ruiz dabei gut – Joshua blieb unbeirrt. Er tänzelte und tänzelte und tänzelte, er boxte und boxte und boxte. Spektakuläre Niederschläge oder aufregende Schlagwechsel verhinderte Joshua mit diesem Stil – doch ein Spektakel hatte er im ersten Kampf gegen Ruiz geboten, nun wollte er etwas anderes: strategisch klug boxen.

Im Februar treten zum zweiten Mal WBC-Weltmeister Deontay Wilder und Tyson Fury gegeneinander an. Wilder ist der zurzeit beste Puncher des Schwergewichts, der mit dem gnadenlosesten Schlag. Fury ist ein unorthodoxer Stratege, obendrein ein Meister der Psychospielchen. Der mental gestärkte Athlet Joshua hat in der Form vom Samstag wohl das beste Gesamtpaket, er dürfte auf ein Duell gegen den Sieger aus Wilder-Fury II drängen. Und Joshua wird wieder darauf achten, dass der erste richtige, dazu schmerzhafte Schlag von ihm kommt.


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Erstellt: 09.12.2019, 09:26 Uhr

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