Klage gegen Transgender – weil sie zu gut sind

Die Familien von Leichtathletinnen gehen in Connecticut vor Gericht, um Trans-Athleten von Wettkämpfen auszusperren.

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Sie haben das Verlieren satt. Verlieren gegen die immer gleiche Konkurrenz, die einfach stärker ist. Verlieren, weil die Konkurrenz bessere Voraussetzungen und Chancen hat. Diese Ungleichheit ist das heiss diskutierte Kernthema in der Debatte um die Startberechtigung von Transmenschen im Sport. Denn: «Wir kennen das Ergebnis des Rennens schon vor dem Start. Mental und physisch.»

Das sagt Teenagerin Alanna Smith am Mittwoch an einer Pressekonferenz in Hartford, Connecticut. Wie NBC News schreibt, verkünden Smith, Chelsea Mitchell und Selina Soule, dass ihre drei Familien gemeinsam dagegen klagen, dass Transgender-Athleten in derselben Kategorie wie sie starten dürfen. Denn die drei Sprinterinnen von unterschiedlichen High Schools duellieren sich meist nur um Rang 3, weil ihnen zwei Transmenschen davonlaufen.

«Zuschauer in der eigenen Sportart»

Terry Miller und Andraya Yearwood, das sind die beiden Transmenschen, die seit 2017 zusammen 15 Titel bei Indoor- und Outdoor-Titelkämpfen gewannen. So steht es in der Klage. Die klagenden Familien werden durch die konservative Non-Profit-Organisation Alliance Defending Freedom vertreten. Sie klagen die Connecticut Association of Schools, die Connecticut Interscholar Athletic Conference und die Bildungsräte in Bloomfield, Cromwell, Glastonbury, Canton und Danbury an.

Ihr Argument: Die Transgender-Konkurrenz mit männlicher Anatomie hat den «normalen» Teenagerinnen die Chance geraubt, um Titel und Stipendien für renommierte Universitäten mitzurennen. Anwältin Christiana Holcomb wählt klare Worte: «Die Mädchen sind Zuschauer in ihrer eigenen Sportart.»

Connecticut – keine Ausnahme

Vieles dreht sich dabei rund um «Title IX», ein Bundesgesetz, das seit 1972 Chancengleichheit für Frauen in Bildung und Sport schaffen soll. Anwältin Holcomb ist enttäuscht: «Die Politik von Connecticut verstösst gegen dieses Gesetz und macht den vor 50 Jahren beschlossenen Fortschritt für Frauen rückgängig.»

Doch Connecticut ist in der Transgender-Handhabung keine Ausnahme. «NBC News» schreibt in Bezug auf Transathlete.com, dass in 17 Bundesstaaten Transmenschen ohne Einschränkungen an Wettkämpfen teilnehmen dürfen.

Yearwood und Miller starteten früher bei den männlichen Mitstreitern und laufen seit einigen Jahren in der weiblichen Kategorie. Beide befinden sich in der Geschlechtsumwandlung, geben dazu aber keine Details preis. Yearwood zeigt sich in einem ersten Statement nach der Anklage kämpferisch: «Ich habe in jeder Facette meines Lebens Diskriminierung erlebt, ich werde nicht mehr länger ruhig sein. Es ist unfair und hart, dass meine Siege angezweifelt und meine harte Arbeit ignoriert wird.»

Verteufelt statt gefeiert

Und weiter: «Ich kämpfe für die nächste Generation von Transmenschen. Und ich hoffe, dass sie gefeiert werden für ihre Erfolge und nicht verteufelt.»

Die Anwälte von Alliance Defending Freedom verlangen, dass die Transgender während des Prozesses nicht an Wettkämpfen teilnehmen dürfen. Wohl kein Zufall, dass die Klage nur wenige Tage vor den Hallenmeisterschaften des Bundesstaates eingereicht wurde. Ob Miller und Yearwood starten, ist noch unklar. Die Sprint-Finals finden am Samstag statt.

Unterstützung bekommen die beiden von der American Civil Liberties Union, die angekündigt hat, die beiden Transmenschen zu repräsentieren und vor Gericht für ihre Rechte zu kämpfen.

ABC News besuchte Terry Miller und Andraya Yearwood bereits vor anderthalb Jahren. Video: Youtube

Andraya Yearwood hat durch ihre Erfolge in der Vergangenheit bereits das Interesse von renommierten Universitäten auf sich gezogen. Wie der «Bleacher Report» im Dezember 2018 schrieb, meldete Harvard Interesse an. Im US-Jugendsport bringen Erfolge oft hervorragende Zukunftsperspektiven in der Bildung. Unfair findet Yearwood ihre Starts bei den Frauen nicht, wie sie der «Associated Press» vor einem Jahr sagte: «Ein Hochspringer ist grösser als der andere, oder er hat längere Beine als sein Konkurrent. Einige Eltern haben mehr Geld, um ihrem Kind professionelles Sprint-Training zu bezahlen, und so wird ihr Kind schneller. Deshalb glaube ich nicht, dass ich einen unfairen Vorteil besitze.»

Auch Miller sagte bereits in einem Videointerview mit ABC News (Video oben) im Sommer 2018: «Wäre ich ein normales Mädchen und es hätte Transgender in meiner Kategorie, würde ich mich nicht entmutigen lassen und sagen: Das ist unfair. Es würde mich ermutigen, noch schneller zu laufen.»

Doch Mitchell und ihre Mitklägerinnen sind anderer Meinung. Ihnen geht es – klar, um Chancengleichheit: «Unser Traum ist es nicht, Zweite oder Dritte zu werden, sondern fair zu gewinnen. Alles, was wir wollen, ist, dass wir eine solch faire Chance bekommen.» (te)

Erstellt: 14.02.2020, 15:05 Uhr

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