Körperschau der Sportgrössen

Sportarten prägen die Figuren ihrer Topathleten. Sie sind kleiner, grösser oder asymmetrischer als bei Durchschnittsmenschen.

Gross, klein, dick, dünn, kräftig, hager: Die Körper von Sportlern werden immer spezifischer. Foto: Athlete Studies by Howard Schatz from Schatz Images: 25 Years / Ausgestellt im Olympischen Museum in Lausanne

Gross, klein, dick, dünn, kräftig, hager: Die Körper von Sportlern werden immer spezifischer. Foto: Athlete Studies by Howard Schatz from Schatz Images: 25 Years / Ausgestellt im Olympischen Museum in Lausanne

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Stanley Biwott ist ein Riese, dabei misst er 1,75 m. Wenn man den Sieger des New York Marathon vom Sonntag aber mit dem durchschnittlichen Weltklasseläufer über 42,195 km vergleicht, fällt er auf. Dieser ist 4 cm kleiner. Der Marathon formt wie jede Disziplin oder jeder Sport seine Besten. Beim Ausdauerlaufen: Kleine Athleten profitieren von einer grösseren Hautfläche im Verhältnis zum Körpervolumen. Sie können die produzierte Hitze besser abgeben – und besser mit höheren Aussentemperaturen umgehen. Zudem erhöht sich Grösse linear, Gewicht aber kubisch. Hochgewachsene Marathonläufer müssen als Folge proportional mehr Masse als kleine tragen.

Während der Durchschnittsmann in den letzten zwei Jahrzehnten an Höhe gewann, schrumpfte der Marathonmann und wurde leichter. Er wiegt im Schnitt 56 kg. Die gegenteilige Entwicklung durchliefen die Basketballer der NBA. Vor 70 Jahren verkörperte ein 1,89 m grosser Spieler mit 85,6 kg den normalen Spitzenspieler. Die aktuelle Generation ist im Schnitt 11 cm grösser und 12,6 kg schwerer.

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Weil Athletenkörper spezialisierter werden, entsprechen sie immer weniger denjenigen von Durchschnittsmenschen. Gerade noch 28 Prozent der Normalos weisen Gewicht und Grösse auf, wie sie ein Spitzenfussballer erreicht. Bei (Leichtathletik-)Sprintern sind es 23 Prozent, wobei diese Prozentzahl drastisch sinken würde, nähme man den Anteil an schnellen Muskelfasern hinzu. Bei ­Eishockeyanern entsprechen gar nur 15 Prozent aller Männer dem Idealbild. Das sind jedoch klar ­erfreulichere Aussichten, als sie Mädchen mit Mannequinwunsch haben: Bloss 0,5 Prozent aller Frauen verfügen über die Masse sogenannter Super­models, die allerdings ­variieren.

Die spezifischen Anforderungen für Topathleten wirken sich je nach Sportart (oder Modelart) gar auf einzelne ­Körperteile aus. Wasserballer etwa ­haben längere Unterarme als der Durchschnittsmann, weil sie damit den Ball ­effektiver werfen können. Im ­Gewichtheben verlief die Selektion umgekehrt. Die Arme der Kraftathleten sind im Vergleich zum Alltagsmann ­kürzer geworden, was das Last-Kraft-Verhältnis positiv veränderte.

Torpedo mit kurzen Beinen

Ein anderes Beispiel: Michael Phelps, der beste Schwimmer der Geschichte, schiesst auch dank seines überproportional langen Oberkörpers wie ein ­Torpedo durchs Becken. Die Beinlänge des wohl erfolgreichsten Sitzriesen von 1,93 m Grösse entspricht hingegen derjenigen eines Mannes von circa 1,75 m. Wer wiederum einem Roger Federer oder einem anderen Tennisstar auf die Unterarme schaut, wird feststellen: Der Schlagarm ist dicker, weist bis zu 20 Prozent mehr Muskelmasse auf als der ­weniger trainierte Arm.

Selbst innerhalb der Sportspezialisten existieren Spezialisten. Ein Runningback im American Football ist deutlich kleiner als ein Quarterback – und schrumpfte in den letzten Jahrzehnten gar. Der Grund: Kleine ­Athleten können im Vergleich zu grösseren schneller starten. Die ersten Meter sind bei einem Runningback die entscheidenden.

Auch Fussballerkörper haben sich je nach Position anders entwickelt. Der ­augenfälligste Unterschied ­betrifft die Grösse. Ein Toptorhüter überragt ­Mittelfeldspieler und Stürmer, aber kaum die Verteidiger. Dafür legen die Offensivspieler pro Partie im Mittel mehr Laufkilometer zurück, haben als Folge einen tieferen Körperfettanteil und ­proportional weniger Bein­muskulatur als Goalies oder ­Verteidiger. Sie stört nur.

Mass nehmen in der DDR

Dass wir von solchen Besonderheiten wissen, hängt mit dem Drang des ­Menschen zusammen, noch das kleinste ­Detail vermessen zu wollen. Am konsequentesten dürfte dies die DDR in ihrer Talentsichtung betrieben haben. So wurden sport­liche Kinder früh aus­gemessen, getestet und biologisch durchgecheckt, weil klar war und ist: Grosse Menschen werden mit hoher Wahrscheinlichkeit nie Spitzenturner, kleine keine Hochspringer. Wer viele langsame Muskelfasern ­besitzt, reüssiert nie im Sprint, und wer koordinativ schwächelt, bringts nie zum Weltklasseturmspringer.

Dabei ist das Vermessen von Sportlern eine eher junge Disziplin. Bis in die 1930er-Jahre glaubte man nämlich, ­erfolgreich werde im Sport nur, wer perfekten Durchschnitt abbilde. Ob also Volleyballer, Weitspringer oder Tischtennisspieler: Die Athletentypen sollten sich in der Theorie möglichst angleichen. Inzwischen ist das Gegenteil sichtbar: Es hat ein «Big Bang» der Körpervielfalt stattgefunden, wie zwei australische Sportwissenschaftler in einer ­Studie zum Thema schon vor 20 Jahren feststellten.

Gerade die Wissenschaft nimmt beim Definieren von Sportkörpern eine Leaderrolle ein und produziert mitunter Zahlen zum Staunen, etwa bei den ­superkommerzialisierten US-Sport­arten. So entscheidet die Grösse oder das Gewicht mit, wie viel ein Football-Spieler in der NFL verdient. Wo die Grösse relevant ist, zum Beispiel bei den Wide Receivers, erhöht sich das Jahreseinkommen um 45 000 Dollar pro ­Zentimeter. Wer als Verteidiger drei ­Kilogramm mehr als der Kollege auf die Waage bringt, darf sich ebenfalls über zusätzliche 45 000 Dollar freuen. Das ­erklärt mit, warum diese Kolosse immer schwerer werden.

Der wahre Kraftprotz

Selbst diese Fleischberge wirken im Kraftvergleich zu Archegozetes longisetosus allerdings wie Schwächlinge. Die tropische Hornmilbe ist zwar bloss einen knappen Millimeter gross, kann jedoch das 1200-Fache ihres Körper­gewichts halten. Ein Footballer von 150 kg käme damit auf 180 t. Was «stark», «klein» oder «gross» ist, kommt also stets auf die Perspektive an. Darum kann Marathonläufer Stanley Biwott ja auch ein kleiner Riese sein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.11.2015, 22:55 Uhr

Einfluss der Regeln

Dünn fliegt besser. Darum hungerten sich die besten Skispringer bis auf die Rippen ab. Krank sahen die Weitenjäger in der extremsten Phase ihres Sports um die Jahrtausendwende aus, allen voran der deutsche Star Sven Hannawald. ­Vorbilder waren er und seine Kollegen keine mehr. Man schimpfte sie Papierflieger. Als Konsequenz reagierte der­ ­Internationale Skiverband (FIS) mit ­Regeln. Er wollte keine magersüchtigen Athleten kreieren. Die Intervention der FIS zeigt, dass nicht nur Sportarten, sondern auch ihre ­Gesetze den Körper von Sportlern formen – oder im Fall des Skispringens lange das Fehlen solcher Gesetze. Bis 2004 kannte es nämlich keine Gewichtsregeln für seine Athleten, weshalb sich viele von ihnen wie Hannawald in einen fast schon ­lebensgefährlichen Zustand herunterhungerten.

Die FIS führte darauf eine Regel ein, die auf dem Body-Mass-Index beruht. Er wird errechnet, indem man das Gewicht durch die Körpergrösse im Quadrat teilt. Wer als Skispringer einen Wert von 20,0 unterbot – allerdings mit Anzug und Schuhen –, musste mit kürzeren Ski als den maximal möglichen springen. Weil solche Ski weniger Fläche aufweisen, verringert sich die Flugweite. Diese Regel­änderung führte sofort zu einer geringeren Streuung der Athleten-BMI und ­zu gesünderen Sportlern. Fast alle Grössen der Szene mussten nämlich einige Kilogramm zulegen.

Um die Spannbreite weiter zu verringern, erhöhte die FIS den BMI ab der Saison 10/11 auf 20,5. Zudem verkürzte sie die maximale Skilänge. Die Athleten rückten betreffend Gewicht noch näher zusammen. Inzwischen liegt der BMI der FIS bei 21. Von Papierfliegern spricht ­keiner mehr. Dafür hat die Athletik der Springer an Bedeutung zugenommen. Leicht­gewichte aber sind auch die aktuellen Athleten wie Simon Ammann geblieben. Dünn fliegt nun einmal besser. (cb)

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