Kraftwerk in Revision

Der verletzte Christian Stucki trainiert für seine letzte Chance, Schwingerkönig zu werden. Dabei nimmt er so einiges auf sich.

Christian Stucki (31) kennt sich mit Verletzungen aus, Narben an seinem Körper zeugen davon. Foto: Raffael Waldner (13 Photo)

Christian Stucki (31) kennt sich mit Verletzungen aus, Narben an seinem Körper zeugen davon. Foto: Raffael Waldner (13 Photo)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Christian Stucki zeigt mit dem Finger nach unten, zwischen die Beine, dorthin, wo Schmerzen besonders wehtun. «In der Penaltyzone», sagt er. Stucki ist verletzt. Schambeinentzündung heisst die medizinische Diagnose. Nun, die Diagnose schmerzt und belastet. Dreimal in der Woche liefert der 31-Jährige gewöhnlich mit seinem Lastwagen Fleisch aus, zuletzt ging nicht einmal mehr das Sitzen in der Fahrerkabine. Er musste das Arbeiten sein lassen.

Mittlerweile hat sich das etwas gelegt. Er kann wieder fahren und beinahe ­beschwerdelos sitzen, wie nun auch in der Kantine der Spitzensportler in ­Magglingen. Stucki kennt man hier. Die Menschen in der Kantine grüssen ihn, reissen einen Spruch. Die Küchen­brigade winkt ihm zu, sein Teller wird gefüllt, rappelvoll, die Schöpferin fragt, ob er denn ein zweites Kotelett wolle. Stucki entscheidet sich neben dem Kotelett für ein Pouletbein, das in seinen Pranken zum Pouletbeinchen wird.

Die Penaltyzone eben

Stucki gibt sich entspannt, doch etwas Anspannung schwingt unterschwellig mit. Im August findet das Eidgenössische Schwingfest in Estavayer-le-Lac statt. Der Höhepunkt, den es nur alle drei Jahre gibt. Es ist Stuckis wohl letzte Chance, Schwingerkönig zu werden. Nach den vierten, dritten und zweiten Plätzen der Vergangenheit.

Dementsprechend viel hat sich Stucki vorgenommen. Der Formaufbau im Frühjahr stimmte. Sogar Matthias Sempach – König, Konkurrent, Kantonskollege – zeigte sich von Stucki beeindruckt. Just zu dieser Zeit hat ihm der Arzt das Schwingen verboten – die Penaltyzone eben, das Schambein. Jener Ort, wo die Muskeln zusammenkommen. Oben vom Bauch, unten von den Beinen. Für Schwinger Stucki ein unmöglicher Ort. Er, der seine Gegner in die Luft hebt, dabei den Rumpf rotiert und sie dann auf den Rücken knallt. Das Ganze innerhalb von wenigen Zehntelsekunden. «Klar, ich wäre lieber heute als morgen fit», sagt Stucki, doch er habe seit der letzten Saison die Schmerzen ignoriert. Das müsse nun ändern. Kurz: Stucki besucht Physiotherapeuten und Masseur, er trainiert seit Wochen abseits von Sägemehl und Schwingkeller.

Rotieren ist ein Tabu

So trägt Stucki nun Turn- statt Zwilchhose. Viermal in der Woche. Im Fitnesscenter in der Nähe seines Zuhauses in Lyss oder in Magglingen, hoch über Biel, in der Turnhalle End der Welt. ­Abfahrtsweltmeister Patrick Küng streift umher, Eishockeyaner Damien Brunner macht seine Übungen, und Stabhochspringerin Nicole Büchler feilt ganz hinten in der Halle an ihrer Technik. Man kennt sich, Stucki sagt Hallo, hält einen Schwatz und konzentriert sich wieder auf seine Übungen. Diese beschränken sich auf Oberkörper oder Beine. Alles Rotieren ist Tabu.

Auch in legerer Sportbekleidung ist Stucki erst mal eines – Körper. 198 Zentimeter gross, 150 Kilogramm schwer. ­Stucki ist Kraftsportler. Das Hantieren mit prächtigen Gewichten gehört zur täglichen Körperpflege. Seine Konkurrenten sind über 100 Kilogramm schwer, mit ähnlichen Brocken trägt er seinem Körper Sorge. Stucki belädt seine Übungsgeräte mit 25-Kilo-Platten, als wären sie Frisbeescheiben. Bei der Beinpresse ist der Stöpsel für die Gewicht­regulierung obsolet, Stucki stemmt das Gewicht eines Kleintransporters. Trainer Fabian Lüthy sagt beiläufig, «das machen wenige hier». Bei den Kurzhanteln greift der Berner die 50-Kilo-Dinger. Eines links, das andere rechts. 100 Kilogramm rauf und runter – 10-mal. Stuckis Gesicht bekommt Farbe. Muskeln schwellen an. Schweissperlen drücken aus der Stirn. Das Kraftwerk arbeitet. Stucki trainiert zurzeit Maximalkraft, keine Ausdauer. Nahe am Limit, nahe am Maximum – die Muskeln blau, das Gesicht rot.

«Sein Körper braucht diese extremen Reize, gerade jetzt während der Schwingpause. Damit die Muskeln wettkampffähig bleiben», sagt Trainer Lüthy. Denn Schwingen sei im Grunde nicht viel anderes, als was ­Stucki hier mache: für fünf, sechs Momente pro Gang explodieren, mit allem, was in einem steckt, dann den Gegner auf den Rücken legen.

Fast das Bein verloren

Die beiden sind seit 2009 ein Gespann. Dem Duo kommt zugute, dass Lüthy beim Bundesamt für Sport als Leistungsdiagnostiker im Bereich Kraft arbeitet und ein Experte der Materie ist. Trotz seiner Erfahrung, einen wie ­Stucki hat er noch selten gesehen. «Stuckis Körper reagiert schnell – ein bisschen Training, sofort wachsen die Muskeln», sagt Lüthy. Sein Ziel sei es, Stucki derart zu präparieren, dass sich dieser so leicht und flink fühle wie ein 110-Kilogrämmer und die Kraft eines 150-Kilo-Mannes habe.

Die jahrelange Zusammenarbeit schafft Vertrauen, das nun in der Verletzungszeit hilft. «Wir kennen die Situation», sagt Lüthy. Verletzungen machten sie nicht nervös. Stucki nickt. Er kennt das Gefühl des Dem-Körper-ausgeliefert-Seins.Als junger Schwinger verlor er 2005 wegen einer Infektion fast sein Bein, 16 Monate fiel er aus. Eine harte Zeit. Eine grosse Narbe am linken Schienbein zeugt davon. Bei zwei Eid­genössischen war er zudem ernsthaft handicapiert, das letzte Mal am Fuss, und doch reichte es für den Schlussgang. Gegen Sempach, der ihn bezwang und diesen einen Kuss von Stucki bekam. Die kleine Geste ging um die Schweizer Sportwelt und machte den populären Stucki noch populärer.

Sanfter Hüne, grosser Verlierer. Das soll dieses Mal anders sein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.06.2016, 01:14 Uhr

Artikel zum Thema

«Ich bin eben der Stucki – ein Riesentier»

Christian Stucki steht seit Wochen im Rampenlicht – nicht nur, weil er als Aspirant auf den Titel des Schwingerkönigs gilt. Der 25-Jährige spricht im Interview über seine Gegner, Roger Federer, den Rummel und sein Gewicht. Mehr...

«Da hilft die Unterstützung eines prominenten Schwingers»

Hintergrund Ein Schwingerkönig hier, eine Alphornmusikerin da: Im Lebensmittelhandel gehört die Nähe zur Schweiz zum guten Ton. Auslöser war einst Aldis Markteintritt. Mehr...

«Vom Sieger wird noch in 100 Jahren gesprochen»

trunz Interview Christian Stucki ist am Sonntag beim Saisonhöhepunkt der Titelverteidiger. Die Chance, in Kilchberg zum 2. Mal zu gewinnen, sorgt beim sonst so gelassenen Hünen für Kribbeln. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Blogs

Beruf + Berufung Sie schlug alle guten Ratschläge in den Wind

Von Kopf bis Fuss Wir sollten unser Essen wieder lustvoll geniessen

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Fanliebe: Kurz vor dem sechsten Spiel des NBA Finals zwischen den Toronto Raptors und den Golden State Warriors herrscht im Fansektor grosse Anspannung. (Toronto, 13. Juni 2019)
(Bild: Chris Helgren ) Mehr...