Laufen mit Abgasen

Joggern begegnen wir überall und zu jeder Zeit. Doch warum nur mitten im Verkehr und was hat Bruce Springsteen damit zu tun?

Der Kolumnist sieht Läufer am Strassenrand und möchte auch.

Der Kolumnist sieht Läufer am Strassenrand und möchte auch.

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Er hat ein schlechtes Gewissen. Seit Monaten schon, fast täglich – und täglich mehr. Er denkt: Er möchte doch auch. Wie sie.

Sie, die laufen.

Und er sieht sie, im Auto sitzend und inzwischen manchmal auch auf seiner Vespa. Sie laufen, einige schnell, andere langsamer, einige elegant, andere weniger, einige leichtfüssig, andere eher schleppend. Aber sie laufen. Sie sind den ganzen Winter schon gelaufen, als es kalt war, im Schnee und im Regen, bei eisigem Wind, einige waren dick eingepackt, andere gekleidet, als wäre es Sommer. Sie sind jung, sie sind alt, viele in schwarzen Farben, Schuhe, Hose, Leibchen – warum eigentlich schwarz? –, sie laufen frühmorgens, tagsüber, spät in der Nacht noch einige, und manche schauen zwischendurch immer wieder auf ihre Uhr am Handgelenk, diese speziellen Laufuhren mit Schrittzähler, Pulsmesser, Kalorienverbrauchsanzeiger und was auch sonst noch für Daten. Alles wird kontrolliert. Jeder Schritt.

Er sieht auch viele, die kleine Stöpsel im Ohr tragen, und einige, die haben Geräte, die das halbe Gesicht verdecken, sie müssen Musik hören. Und er überlegt sich, was sie jetzt gerade hören, und er denkt, weil er den Boss liebt, vielleicht ist es «Born to Run», auch wenn dieser Springsteen-Song vom Flüchten handelt, von der verzweifelten Liebe eines Autovernarrten zu einem Mädchen namens Wendy.

Er hat das Buch eines Freundes gelesen, der früh mit Laufen begonnen und es mit 50 wiederentdeckt hat, Ronald Reng macht sich in diesem Buch auf die Suche des zwischendurch verlorenen Laufgefühls und fragt sich: Warum laufen wir? Am Ende der Geschichten gibt es nur die Antwort: Darum laufen wir, weil es die natürlichste Sache der Welt ist.

Er denkt, er müsste doch auch. Aber warum laufen sie hier, ausgerechnet hier? Hier auf dem Trottoir neben der Strasse, dem harten Beton, zwar rechts, zwischendurch, den Zürichsee vor Augen, aber mit den Abgasen in der Nase, dem Lärm in den Ohren, zwischen Autos und Häusern? Nur weil sie Ende April wieder hier laufen ­werden, beim Züri-Marathon?

Aber vielleicht gibt ja doch Bruce Springsteen die Antwort. Den Titel zum Song «Born to Run» habe er irgendwo gelesen und aufgeschnappt, schreibt er in seiner Biografie, die gleich heisst, vielleicht habe er aber auch einfach irgendwo dort draussen geschwebt, an einem typischen Circuit-Samstagabend in New Jersey zwischen Seeluft und Abgasen über der Kingsley Street und der Ocean Avenue.

Erstellt: 16.04.2019, 09:57 Uhr

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