Leidenschaft für ein Ei

Morgen Freitag beginnt in England der grösste Sportanlass des Jahres. Vieles ist beim Rugby anders als beim Fussball.

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Es sind mehr als 3,2 Tonnen Masse, verteilt auf 30 Spieler, die im Durchschnitt 1,90 Meter gross sind. Es sind die All Blacks aus Neuseeland, die von sich schon gesagt haben: «Wir sind das dominierendste Team der Weltgeschichte.»

Jetzt fallen sie für die Weltmeisterschaft in England und Wales ein und haben nur ein Ziel: in gut sechs Wochen mit dem goldenen Webb-Ellis-Cup ans andere Ende der Welt zurückzufliegen. Dahin, wo ihr Sport Teil der nationalen Identität ist, wo sie im Haka, dem Tanz der Maori, sagen: «Das ist der Tod, das ist das Leben.»

Die Neuseeländer werden das Bild des grössten Sportanlasses des Jahres prägen. Zumindest ist das die Erwartung, wie erwartet wird, dass 2 Millionen die 48 Spiele in den Stadien zwischen Newcastle und Exeter schauen und potenzielle 4 Milliarden weltweit am Fernsehen.

«Es ist das grösste Turnier bisher», sagt Bernard Lapasset, Präsident des Weltverbandes, «wir sind entschlossen, es zum besten zu machen.» Er könnte auch sagen: Wir wollen die WM, die morgen mit dem Auftritt von Gastgeber England gegen Fidschi beginnt, zu einer Demonstration des Rugby machen.

Rugby ist nicht Fussball, Rugby schafft es nicht, alles andere auf die Seite zu drängen, wie das im Fall einer Fussball-WM der Fall ist, und die Premier League stellt ihren Betrieb nicht ein, nur weil im Land um den eiförmigen Ball gekämpft wird. Dass Rugby anders ist als Fussball, ist manchmal ganz gut.

Mandelas Botschaft

«Fussballer tun 90 Minuten so, als würde ihnen alles wehtun», heisst es, «Rugbyspieler tun 80 Minuten so, als würde ihnen nichts wehtun.» Nur ein Klischee, natürlich, aber eines mit einem Korn Wahrheit. Die Härte im Spiel, dem Widersacher und vor allem sich selbst gegenüber, ist Teil der Faszination des Rugby. Oder wie es Frankreichs früherer Captain Abdelatif Benazzi einmal gesagt hat: «Wer sich nicht aufopfert, wird gnadenlos vernichtet» – nicht von den Gegnern, von den Mitspielern.

1823 wurde der Sport in England erfunden, so geht die Legende; das British Empire hat viel zu seiner Verbreitung beigetragen, 1903 betrat Neuseeland die Bühne (und gewann seither 78 Prozent seiner Spiele), 1987 gab es eine WM und den ersten Titel für die All Blacks – 1995 folgte das Turnier, das dem Sport eine politische Dimension verlieh.

Die WM kam nach Südafrika, in ein Land, wo die Springboks, die Rugbyspieler, die Vorzeigesportler des Apartheid-Regimes gewesen waren. Nelson Mandela, erst ein Jahr der Präsident des Landes, der nach Versöhnung strebte, erkannte die Bedeutung des Spiels für die Verwirklichung seiner Pläne. Er wusste, dass er Rugby verstehen musste, um die Identität der Weissen zu verstehen. Den Springboks sagte er: «Wir sind ein Team und eine Nation mit einem Schicksal.» Nur ein Farbiger war im Team, Chester Williams, als Mandela vor dem Final auf den Rasen des Ellis Park in Johannesburg ging. 95 Prozent der 65'000 Zuschauer waren weiss, sie schwiegen bedrohlich, bis auf einmal «Nelson!»-Rufe aufkamen und zu einer Welle anschwollen.

Sechs Wochen lang dreht sich in England und Wales fast alles um den ovalen Ball. Foto: Keystone

Südafrika besiegte die All Blacks 15:12. Clint Eastwood verfilmte diese Ereignisse in «Invictus». Das war der Titel des Gedichts, das Mandela in der 27-jährigen Gefangenschaft immer wieder gelesen hatte: «Ich bin der Meister meines Schicksals / Ich bin der Kapitän meiner Seele.»

Diese Kraft wie damals hat Rugby nie mehr gehabt, aber es ist ein Satz von Mandela, der nachklingt. Er hat seinen Spielern gesagt: «Spielt das Spiel hart und ehrlich. Und wie immer es endet, haltet den Kopf hoch.»

Erst seit 1995 gibt es Rugby als Profi­sport. Geblieben ist die Bewunderung für Sportler, die sich wie Gladiatoren aufeinanderstürzen. Es braucht Mut, mit dem Ball im Arm loszustürmen und dabei genau zu wissen, dass man meist nur direkt in eine Mauer aus Muskeln prallt. Liegen bleiben darf danach höchstens, wer wirklich verletzt ist, und selbst wenn er ärztliche Betreuung braucht, wird das Spiel nicht unterbrochen. «­Herren, es ist Rugby», heisst es dann.

Die finstere Kunst

Auch im Rugby geht es nicht nur edel zu. Dem Gegner wird am Ohr geknabbert, ein Boxschlag versetzt oder mit dem Kopf schmerzhaft an der Brust gerieben. Und weil das alles im Dunklen und Finsteren des «scrum» abläuft, dem Gedränge, bei dem der Ball ins Spiel kommt, wird von «dark art» geredet. Dahin dringt auch der aufklärende Blick des Schiedsrichters nicht immer.

Aber wenn er etwas sieht, wird sein Urteil nicht infrage gestellt. Reklamationen und Rudelbildungen, die im Fussball noch immer nicht ausgerottete Unsitte sind, gibt es im Rugby nicht. Der Schiedsrichter im Rugby ist unantastbar, und nur der Captain darf mit ihm reden. Dabei geht es nicht gleich um eine gesellschaftliche Frage, sondern nur um das Gesetz des Spiels: Wer sich nicht daran hält, riskiert spürbare Strafen bis zum Ausschluss.

Der Waliser Nigel Owens ist ein Star unter den Schiedsrichtern. In diesen Tagen hat er in einem Radiointerview erzählt, wie er gerne einmal ein Fussballspiel leiten würde, um mit dem «inakzeptablen Verhalten» eines José Mourinho fertigzuwerden. Owens glaubt auch, wenn er beim Fussball pfeifen würde, hätte es bis zur Pause nur noch je fünf Spieler auf dem Platz.

Sechs Wochen und einen Tag dauert es vom Eröffnungsspiel in Twickenham bis zum Final in Twickenham. Wochen und Tage mit Zuschauern, die in ihrem Sport die Sektorentrennung nicht haben, weil sie den Hooliganismus nicht kennen. Sie wollen einfach nur eine gute Zeit miteinander haben.

Erstellt: 16.09.2015, 23:10 Uhr

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