Maulkörbe für die Sportler sind heuchlerisch

Bei Olympischen Spielen wird die freie Meinungsäusserung eingeschränkt. Für die Funktionäre gilt das natürlich nicht.

Noch ein bisschen keimfreier: IOK-Präsident Thomas Bach stellt in Lausanne den Paragrafen 50 vor.

Noch ein bisschen keimfreier: IOK-Präsident Thomas Bach stellt in Lausanne den Paragrafen 50 vor. Bild: Keystone

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Sie knien oder richten die Faust zum Himmel. Sie weigern sich, die Nationalhymne zu singen. Oder verzichten gar darauf, an einer WM teilzunehmen, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Mehr und mehr treten Sportlerinnen und Sportler für ihr Recht auf freie Meinungsäusserung ein. Wo? Natürlich auf der Bühne, die sich ihnen bietet: auf dem Rasen, im Stadion, auf dem Podest.

Das missfällt den Machthabern und ihrem Gefolge. Die US-Sprinter Tommie Smith und John Carlos wurden geächtet, nachdem sie bei der Medaillenvergabe an den Sommerspielen 1968 die Faust himmelwärts gestreckt hatten. Ihre Gold- und Bronzemedaille durften sie behalten, aber vom Amerikanischen Olympischen Komitee wurden sie aus dem Athletendorf geworfen. Der einstige Footballer Colin Kaepernick wird für seinen Protest gegen Polizeigewalt angefeindet wie US-Fussballerin Megan Rapinoe, die es ihm gleichtut. Der amerikanische Präsident Donald Trump bezeichnete Kaepernick und Kollegen, die es wagten, während der Hymne zu knien, als «Hurensöhne», die entlassen gehörten.

Die Oberen hätten es gerne keimfrei, gerade im Sport. Deshalb feiert Präsident Thomas Bach sich und sein Internationales Olympisches Komitee (IOK) gerade für die Einführung von Paragraf 50. Dieser tritt ab sofort in Kraft und hält reglementarisch fest, dass Sportler auf Protestaktionen bei Olympia zu verzichten hätten: im Rahmen von Eröffnungs- und Schlussfeier, im Olympischen Dorf, während des Wettkampfs oder bei der Medaillenvergabe. Erstmals nennt das IOK namentlich als verbotenen Protest Schriftzüge mit politischer Botschaft, Armbänder, Handgesten und das Niederknien. Wer dagegen verstösst, wird bestraft. Inwiefern, lässt es offen.

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«Nur die Olympischen Spiele bringen die Welt in Frieden und Freundschaft zusammen, vor allem in turbulenten Zeiten wie diesen. Doch wir können nur zu unseren Werten stehen, wenn wir politisch neutral sind», sagte Bach, der deutsche Präsident des IOK, gestern vor dem Kongress in Lausanne, wo derzeit die Jugendspiele stattfinden. Und er fügte an: «So legitim gewisse Ansichten sind, erlauben wir es nicht, dass jemand unsere Bühne missbraucht.»

Das ist schön. Noch schöner wäre es, der Sport wäre konsequent. Jelena Isinbajewa, die ehemalige russische Stabhochspringerin, hatte einst eine schwedische Hochspringerin kritisiert, die an der WM in Moskau mit Fingernägeln in Regenbogenfarben antreten wollte. Sie sagte: «In Russland haben wir normale sexuelle Beziehungen.» Und als sie einst in Syrien eine russische Militärbasis besuchte, schwärmte sie vor den Soldaten: «Das hier erfüllt mich mit patriotischem Stolz. Wenn wir abends einschlafen wollen, ist jeder Start eines Jets wie ein Wiegenlied für uns.»

Zur Einordnung: Isinbajewa ist Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees und bis 2022 IOK-Athletensprecherin.

Das Gequassel von Kasper

Und wenn das IOK Olympische Spiele vergeben will, hat das natürlich nichts mit Politik zu tun, sondern ausschliesslich mit Sport. Deshalb sagte ja Gian Franco Kasper, der Präsident des Internationalen Skiverbandes, gegenüber dieser Zeitung wörtlich, es wäre für Verbände wie seinen «in Diktaturen einfacher. Ich will nur noch in Diktaturen gehen, ich will mich nicht mit Umweltschützern herumstreiten.» Quasi im Vorbeigehen negierte er den Klimawandel.

Zur Einordnung: Der Bündner Kasper war 18 Jahre IOK-Mitglied, sass 13 Jahre lang in der Exekutive der Welt-Antidoping-Agentur Wada und ist inzwischen IOK-Ehrenmitglied. Das IOK distanzierte sich von dieser «persönlichen Meinung Kaspers», die der 75-Jährige jedem erzählt, der danach fragt.

Aber von der persönlichen Meinung von Sportlerinnen und Sportlern, die bei Olympia im Mittelpunkt stehen, soll das Publikum so wenig wie möglich mitbekommen. Zwar ist es den Athleten gestattet, in der Mixed Zone oder an Pressekonferenzen vor Journalisten auch eine politische Meinung zu äussern oder diese via Social Media zu tätigen, der Sportplatz aber soll frei davon sein.

Putin und die Medaillen

«Wir können nicht zulassen, dass der Sport von Politik missbraucht wird», redete Bach in Lausanne daher, gerade so, als wäre es nicht er gewesen, der sich 2014 in Sotschi voll in den Dienst von Wladimir Putin stellte. Wenn das IOK jetzt festhält, dass «kein Regierungsmitglied an einer Siegerehrung teilnehmen darf», so kontrastiert das mit Putin, der damals fleissig Medaillen überreichte. Während er in seinem Hinterzimmer die Annexion der Halbinsel Krim vorantrieb.

Und als 2018 in Pyeongchang ein vereinigtes koreanisches Eishockeyteam im Frauenwettbewerb antrat, war das für Athletensprecherin Angela Ruggiero gleich ein Fall für den Friedensnobelpreis. 2020 sollen nun Nord- und Südkorea gemeinsam bei der Eröffnungsfeier einlaufen. Wohlverstanden: Daran ist nichts verwerflich. Aber auch nichts apolitisch. Mit seinem Maulkorb für die Athleten zeigt sich das IOK heuchlerisch.

Nach den Spielen in Südkorea erwog Bach laut «Reuters» gar, demnächst in die nordkoreanische Hauptstadt Pyongyang zu fliegen, fast wie ein Friedensengel. Während René Fasel, Präsident des Internationalen Eishockeyverbandes, ernsthaft die Schweizer Spielerinnen tadelte, nachdem diese das koreanische Team mit einem 8:0 vom Eis gefegt hatten. Müssig zu erwähnen, dass auch Fasel IOK-Mitglied ist. Und ein politischer Akteur: 2018 war er zur vierten Amtseinsetzung von Wladimir Putin geladen.


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Erstellt: 10.01.2020, 14:48 Uhr

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