Mehr als der grösste Boxer aller Zeiten

Er war der Sportler des Jahrhunderts – doch die Bedeutung von Muhammad Ali ging weit darüber hinaus. Ein Nachruf.

Wusste, wie gut er war: Muhammad Ali 1965 in Paris.

Wusste, wie gut er war: Muhammad Ali 1965 in Paris. Bild: AFP

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Es fällt nie leicht, den besten, den wichtigsten, den grössten Athleten einer Sportart oder einer Generation zu bestimmen. Doch das IOK wählte 1999 ­Muhammad Ali gar zum Sportler des Jahrhunderts. Nicht nur für seine Siege und Titel im Schwergewichts-Boxen, sondern auch für seine Auftritte nach der Karriere, für sein politisches Engagement. In seinem Leben nach dem Sport war er zur globalen Kultfigur geworden, wahrscheinlich die bekannteste Persönlichkeit der Welt.

Er bereiste als Friedensbotschafter der Vereinten Nationen die Krisenherde dieser Welt – wenigstens solange es seine Krankheit erlaubte. 1996 hatte der von Parkinson schwer gezeichnete Ali das olympische Feuer der Spiele in Atlanta entfacht und Millionen auf der ganzen Welt zu Tränen gerührt. Der einstige Tänzer unter den Boxern hatte weiterhin einen wachen Geist, eingeschlossen in einer zunehmend erstarrten Hülle. Ali trat in den Jahren nach dem Millenium immer seltener in der Öffentlichkeit auf, unter anderem bei der Olympia-Eröffnung 2012 in London, als er mit andern verdienten Athleten die olympische Fahne hielt. Oder bei der Beerdigung seines einst grössten Rivalen und Antagonisten Joe Frazier. Mit seiner vierten Frau Lonnie lebte er in Arizona.

Keiner mehr hatte sein Format

Seit Ali die Schwergewichts-Krone 1979 abgab, erlebte er viele Nachfolger – Larry Holmes, der Einzige, der ihn vorzeitig besiegte, den jungen Mike Tyson, der viel versprach und schnell verging, den alten George Foreman, der mit 45 nochmals Weltmeister wurde, Evander Holyfield oder jetzt die Klitschko-Brüder. Sie hatten und haben nicht das Format, nicht die Klasse, nicht die Ausstrahlung Alis. Seit Ali teilten sich über 40 Athleten die WM-Gürtel.

Muhammad Ali war zwischen 1960 und 1978 der grösste Athlet von allen – und mehr. Er hatte das Talent, den idealen Körper, die schnellsten Beine und ein loses Mundwerk als Ausdruck seines Selbstvertrauens. Er revolutionierte die Königsdisziplin einer Sportart, die schon viele Helden gesehen hatte – wie Jack Dempsey, Joe Louis oder Rocky Marciano, der als einziger Athlet im Schwergewicht ungeschlagen abgetreten war.

Zuerst und vor allem war er ein grossartiger Boxer. Er wurde 1960 in Rom als 18-Jähriger Olympiasieger im Halbschwergewicht, damals noch als Cassius Clay. Als Amateur erhielt er in den USA nicht den öffentlichen Zuspruch, der ihm vorschwebte. Der Triumph von Rom erregte kein Aufsehen. Er wechselte zu den Profis und verfeinerte sein Marketing vor allem mit immer lauteren Auftritten, die ihm den Übernamen «Grossmaul» eintrugen. Er wurde Muslim, trat zur radikalen Nation of Islam über und liess sich den Namen Muhammad Ali geben. Sein sportlicher Aufstieg in diesen Jahren war beeindruckend und führte ihn direkt an die Spitze im Schwergewicht.

Aus dem Ring zur Kultfigur

1964 schlug er den damals als unbesiegbar geltenden Weltmeister Sonny Liston in der siebten Runde und betrat die Weltbühne mit dem Schrei: «I am the Greatest.» In der Revanche gab Liston nach einem imaginären Treffer in der 1. Runde auf. Der drogenabhängige Liston, der laut Gerüchten auf der Payroll der Mafia stand, war im Boxzirkus nicht mehr erwünscht.

In den folgenden drei Jahren schlug oder erniedrigte Ali seine Herausforderer mit seinem leichtfüssigen Stil und den boxerischen Qualitäten. Der Ali-Shuffle, eine lockere Schrittkombination, wurde sein Markenzeichen bei den Tänzen um den Gegner, bei denen er die Schläge auspendelte. «Er sprengte die Grenzen des Sports», schrieb die berühmte US-Schriftstellerin und Box-Enthusiastin Joyce Carol Oates in ihrem Standardwerk «On Boxing». Mit Ali sei dieser Zweikampf im Ring zur Religion in den USA geworden, und er der Prophet. Er habe rauschhafte Freude in den im wahrsten Sinn todernsten Sport gebracht, schrieb Oates.

Ali machte aus einem simplen Kampf einen Event, er war ein Unterhalter, der erste Rapper im Ring. Er schickte Verse und Reime über den Gegner voraus oder rezitierte sie noch im Ring, kündigte zum Beispiel an, wann er Archie Moore am Boden haben werde. Den berühmtesten erfand sein Hofdichter Drew Budini Brown, der ihn überall hin begleitete: Schwebe wie ein Schmetterling, stich wie eine Biene. Ali wurde zur Kultfigur über den Sport hinaus. Die Beatles und Elvis Presley besuchten ihn, die ­Literaten nahmen erstmals Mass. Auch in Europa kam die neue Welle gut an. Bei Ali-Kämpfen läutete der Wecker in unzähligen Haushaltungen gegen zwei Uhr morgens für die TV-Übertragung. In den Büros sah man übernächtigte Gesichter.

Den besten Ali sah man nie

Entscheidend für den Kultstatus, den Ali gewann, waren aber nicht die Siege oder Sprüche. Ali stellte sein politisches Credo über den sportlichen Erfolg. Er verweigerte 1967 den Wehrdienst in der Army und damit eine mögliche Einberufung zum Vietnamkrieg. Er habe nichts gegen den Vietkong, der ihm nie etwas zuleide getan habe, sagte er lakonisch als Begründung. Er wurde zu fünf Jahren Freiheitsentzug verurteilt, kam aber gegen Kaution frei. Allerdings zog der Staat seine Boxlizenz für die USA und auch seinen Pass ein. Er bezog klar Stellung in der Rassenfrage und zog sich den Zorn des weissen Establishments zu.

1970 durfte er in den Ring zurück. Aber erst 1971, als sich die Stimmung massiv gegen das US-Engagement in ­Vietnam gedreht hatte, hob der oberste Gerichtshof das Urteil auf. Der Boxer Ali hatte dreieinhalb Jahre seiner Karriere verloren. Den besten Ali hat die Welt nie gesehen, sagte sein langjähriger Trainer Angelo Dundee.

Das politische Klima in den USA veränderte sich. Eine Mehrheit teilte nun Alis Ablehnung des Krieges. Sein Kampf für die Bürgerrechte machte ihn zu einem Idol der Afroamerikaner. Er beeindruckte über den Sport hinaus mit seiner unerschütterlichen Haltung. Im Ring des Madison Square Garden verlor er 1971 gegen den damaligen Weltmeister Frazier, den er als «Onkel Tom» oder als «Schwarzen des weissen Mannes» verhöhnte. Aber der Fight, der als «Kampf des Jahrhunderts» etikettiert war, elektrisierte nicht nur die Boxwelt. Von da an konnten die Athleten mit Millionenbörsen rechnen.

Ali modifizierte seine Taktik in den späteren Kämpfen. Er begann seine Gegner, die jetzt jünger waren als er, zu zermürben, weil er die Schläge in einzelnen Runden in die Seile gelehnt hinnahm, weil er die Gegner sich müde schlagen liess. Und dann erst zurückschlug.

Die beiden wohl berühmtesten Fights liefen nach diesem Muster. 1974 besiegte er den Titelhalter George Foreman in Kinshasa durch K.o. in der achten Runde und eroberte die Krone zurück. Machthaber Mobutu hatte viele Millionen locker gemacht, um das Recht zur Durchführung dieses grossen Duells zu erhalten. Wegen einer Verzögerung durch eine Verletzung Foremans hatten die beiden Kontrahenten Wochen auf den «Rumble in the Jungle» zu warten. Die Sympathien gehörten eindeutig Ali, während Foreman die Bevölkerung mit einem Schäferhund an der Seite an ehemalige belgische Kolonialherren erinnerte. In diesen Wochen entstand der berühmte Film «When we were Kings». Norman Mailer schrieb dort sein Werk «The Fight».

70 Millionen – 1 Kampf zu viel

Noch emotionaler wurde ein Jahr später der sogenannte «Thrilla in Manila», der Titelkampf gegen Frazier auf den Philippinen. Ali und Frazier waren mit ihren Kräften nach 14 Runden am Ende. Frazier musste mit zugeschwollenen ­Augen aufgeben. Auch für Ali war es ein Grenzerlebnis. Das war wie Sterben, soll er danach gesagt haben. Ali war durchaus leidensfähig. Er hielt zum Beispiel gegen Ken Norton 1973 mit einem gebrochenen Kiefer bis zur Punktniederlage durch, schlug den Gegner dann im Rückkampf.

In den Jahren bis zu seinem ersten Rücktritt 1979 kassierte er rund 70 Millionen Dollar. Die Aussicht auf schnell verdientes Geld bewog ihn 1980 gegen alle Ratschläge wohl zu einem Comeback-Kampf gegen Larry Holmes, der nach 10 Runden abgebrochen wurde. Es war das einzige Mal, das Ali den Ring vorzeitig verliess. Er war ein alter Boxer geworden. Die Gesundheit hatte gelitten, er spürte Nachwirkungen von unzähligen Treffern. Er schwebte nicht mehr wie ein Schmetterling, er stach nicht mehr wie eine Biene.

Erstellt: 04.06.2016, 08:31 Uhr

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