Mehr als nur abdrücken

Heidi Diethelm Gerber wohnt noch bei der Mutter und kämpft für den Ruf ihres Sports: das Schiessen.

Hat als 50-Jährige das Ziel Olympia in Tokio im Visier: Heidi Diethelm Gerber, die Dritte von Rio 2016.

Hat als 50-Jährige das Ziel Olympia in Tokio im Visier: Heidi Diethelm Gerber, die Dritte von Rio 2016. Bild: Thomas Egli

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Vom Bahnhof geht es eine Nebenstrasse hinauf. Drei, vier Minuten Fahrt, und schon man wähnt sich irgendwo im Nirgendwo. Am Waldrand steht es, das Schützenhaus von Weinfelden, die Tür hinter einer riesigen Plane versteckt. Drinnen ist es wie in einem Bunker, es ist kalt und grau im Keller, dessen Einrichtung rudimentärer nicht sein könnte.

Willkommen am Arbeitsplatz von Heidi Diethelm Gerber, hier trainiert sie, sechs Tage die Woche, x-tausend Schüsse gibt sie ab. Meistens steht sie stundenlang allein am Stand, mit dem Lärm tut sich die 50-Jährige heute noch schwer. Ein kleines Bild von ihr hängt an der Wand, es zeigt sie als Olympia-Medaillengewinnerin. Bronze holte die Thurgauerin in Rio de Janeiro mit der Sportpistole, als erste Schweizer Schützin stand sie auf dem bedeutendsten aller Podeste. Bald drei Jahre sind vergangen, Diethelm Gerber spricht vom langen Prozess, bis sie den Erfolg eingeordnet und realisiert habe. Vor allem brauchte es seine Zeit, bis alles wieder halbwegs war wie zuvor.

Sie verzettelte sich – und bezahlte den Preis dafür

Heidi Diethelm Gerber ist das Gesicht der Schweizer Sportschützen. Eines, das es zuvor nicht gegeben hatte. Nach den Spielen 2008 in Peking war die Kritik heftig gewesen wegen der bescheidenen Darbietungen. Vier Jahre später in London echauffierte sich Bundesrat Ueli Maurer, sprach von einem Rückstand, der in Jahrzehnten nicht aufzuholen sei, bemängelte die mentale Robustheit der Schützen und meinte wenig galant, nur die Rössli-Stumpen hätten gefehlt. Womöglich wäre in Rio im Misserfolgsfall auch Diethelm Gerber zur Zielscheibe geworden. «Dann wäre ich verrissen worden, die Gewichtsdebatte wäre losgegangen. Es hätte geheissen, ich sei die unsportlichste Teilnehmerin.» Im olympischen Dorf hat sie sich ein wenig unwohl gefühlt neben all diesen jungen ­Modellathletinnen. «Ich bin schon immer sportlich gewesen – aber halt auch immer ein wenig anders.»

Aber Diethelm Gerber hatte Erfolg. Und mag die Bezeichnung «Heidi national» irrwitzig gewesen sein, ihr Bekanntheitsgrad stieg gewaltig. 1.-August-Reden, Vorträge, Auftritte in Schulklassen, Interviews, Diethelm Gerber wollte dem Schiesssport eine Plattform bieten. Nein sagte sie kaum einmal, sie verzettelte sich, der Sport litt darunter, auch wenn die Resultate zumindest ansprechend blieben. Heute sagt sie, ein wenig mehr Egoismus hätte nicht geschadet. «Es wäre besser gewesen, ein paar Monate lang auszuchecken und dann wieder Vollgas zu geben.»

Es geht um ihre Geschichte – aber selten um den Sport

Etwas bewegen wollte Diethelm Gerber, Hemmnisse abbauen, die hiesigen Athleten ins rechte Licht rücken. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Vorbehalte gegenüber dem Schiessen bestehen, der Sport mit Waffen und daher mit Gewalt assoziiert wird. Die Präzisionssportart an sich rücke in den Hintergrund, sagt die Mutter eines erwachsenen Sohnes. «Viele denken: Man steht hin, drückt ab, und gut ist. Dabei steckt viel mehr dahinter, man muss seinen Körper extrem im Griff haben, ihn stets kontrollieren können.» Ganz zufrieden ist sie nicht mit der Berichterstattung. Das Schiessen hat zwar eine Plattform gekriegt, in den Beiträgen aber geht es weniger um den Sport, sondern vielmehr um die Person Diethelm Gerbers, um ihre Geschichte.

Kein Wunder. Mit 47 gewinnen die wenigsten eine Olympiamedaille, mit 32 fängt eigentlich niemand mehr eine Karriere an. Bei Diethelm Gerber hatte der Zufall Regie geführt. Weil die Firma, bei der sie angestellt war, einen Schützenwettkampf sponserte, durften sich die Mitarbeiter am Schiessstand versuchen. Während des Betriebsausflugs hielt sie erstmals eine Pistole in der Hand – und schoss präzise wie sonst niemand. Eine Zeit lang kostete es sie Überwindung, nach der Waffe zu greifen, sie wollte den Bettel bald schon wieder hinschmeissen, und doch gehörte sie bereits sieben Jahre später zum Nationalteam. An den ersten Weltcups landete sie unter «ferner schossen»; sie war zu impulsiv, zu emotional, «ich hätte die Pistole mehrmals gern gegen die Wand geknallt».

Keine neuen Sponsoren –sie wohnt bei der Mutter

Das Talent aber, es öffnete ihr Türen. 2014 kündigte sie ihren Job und wurde Profi, worüber nicht nur die Arbeitskollegen staunten. Sie war die Pionierin, eine Handvoll Schweizer Schützen tun es ihr mittlerweile gleich. Ehemann Ernst ist Trainer und Helfer in allen möglichen Situationen, auch ein Physiotherapeut gehört zum Betreuerstab, ebenso ein Mentalcoach. Mit ihm übt Diethelm Gerber Extremsituationen, sie löst dann etwa unter Zeitdruck abwechslungsweise anspruchsvolle Puzzles und Denkaufgaben und gibt danach sofort eine Serie Schüsse ab.

Auf 120000 Franken beläuft sich das Budget, dank Zuschüssen des nationalen Verbandes und der Sporthilfe sowie ihren Sponsoren kann Diethelm Gerber es decken, aber nichts auf die Seite legen. Sie wird von keinem nationalen Partner unterstützt, nicht einen neuen Sponsor hat sie seit dem Medaillengewinn gewinnen können. Sie hätte aktiver agieren können, so hat sie nicht einmal eine Internetseite. Noch immer wohnt sie bei der Mutter im Elternhaus, auf Luxus wird weitgehend verzichtet.

In der Gastronomie, in der Buchhaltung, auch im Marketing hat Diethelm Gerber gearbeitet. Vor der Rückkehr ins Berufsleben hat sie keine Angst, Ü-50 hin oder her. Letzten Sommer befasste sie sich mit dem Rücktritt, als der Schiessarm Probleme bereitete, erst eine Operation die Gefühlsstörungen in der Hand beendete. Nach Tokio 2020 könnte Schluss sein. Wobei: «Ich habe so spät begonnen. Als Schützin bin ich noch immer jung.»



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(SonntagsZeitung)

Erstellt: 03.06.2019, 13:25 Uhr

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