«Mit über 60 am New York Marathon – ein absolutes Privileg»

Einst als Läufer Rivalen, verbindet Markus Ryffel (64) und Thomas Wessinghage (67) seit 40 Jahren eine spezielle Freundschaft.

Besuch in Rapperswil-Jona: Thomas Wessinghage, Europameister 1982 (links), und Markus Ryffel, Olympiazweiter  1984, beide über 5000 m. (Bild: Urs Jaudas)

Besuch in Rapperswil-Jona: Thomas Wessinghage, Europameister 1982 (links), und Markus Ryffel, Olympiazweiter 1984, beide über 5000 m. (Bild: Urs Jaudas)

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Wie altert man als einstiger Leistungssportler, bei dem vieles oder alles auf Leistung basierte, sportlich mit Würde?
Thomas Wessinghage: Ich habe einen Vortrag, der heisst «Training statt Spielen», das ist eigentlich schon die Antwort. Ich habe Schwierigkeiten, wenn ich alleine laufe, nicht zu trainieren. Ich kann nicht einfach so durch die Gegend laufen und die Blumen anschauen. Wenn ich laufe, dann laufe ich. Ich suche mir eine gewisse Herausforderung, einen Berg, den ich hinauflaufen will, dann strenge ich mich an. Gleichzeitig bin ich mir bewusst, dass ich das vor 20 Jahren viel schneller konnte, was aber nicht entscheidend ist. Entscheidend ist die Herausforderung, der ich mich stelle und die dazu führt, dass der Abbau der Leistungsfähigkeit deutlich spürbar ist. Aber: Sowohl Markus als auch ich sind, im Vergleich zu durchschnittlichen Gleichaltrigen, noch sehr leistungsfähig. Das wirkt sich auch im Alltag aus. Ich habe mit die wenigsten Krankheitstage der Klinik, in der ich tätig bin.

Laufen Sie immer noch ­zielorientiert?
Markus Ryffel: Ja und nein. Den New York Marathon mit über 60 laufen zu können, ist ein absolutes Privileg, dieser Marathon ist ja nicht nur ein Podest und eine Stoppuhr, sondern ein gesellschaftlicher Event. Ich spreche von New York, weil ich 1977 dort meinen ersten Marathon lief. Zu erleben, was sich dort entwickelte, ist gigantisch. Klar haben wir Rost angesetzt – aber dagegen kann man etwas tun. Wir waren wohl ein bisschen angefixt, wie man heute sagen würde. Aber das wunderbare Gefühl, das sich in einem ausbreitet, wenn man läuft, habe ich noch immer. Und sonst im besten Fall, wenn ich Musik höre. Für mich ist gut, wenn ich so etwas wie New York habe, der Weg ist das Ziel.

Ist die Uhr immer noch dabei, wenn Sie laufen? Sie könnten ja auch finden, die Zeit sei immer weniger wichtig.
Wessinghage: Für mich ist der Drang geblieben, das zu dokumentieren, was ich tue. Für mich gilt seit 1999, dass ich fünfmal pro Woche laufe. Markus fragte mich damals, ob ich im Jahr 2000 den New York Marathon mitlaufen würde. Ich sagte Ja, und er antwortete, dass wir dann auch drei Stunden laufen müssten. Seit 20 Jahren unterwerfe ich mich also dieser Regel, ich schreibe in ein kleines Kalenderchen, was ich gemacht habe, und sehe dann, wie der letzte Monat war. Ob Brüche drin sind oder die Leistungsfähigkeit nachgelassen hat. Das ist mir wichtig. Es ist eine Mischung aus Pflichtbewusstsein und Bünzlitum.

«Ich brauche
Struktur, dann fühle
ich mich gut.»
Thomas Wessinghage

Aber nicht eine Folge des ­Spitzensports?
Wessinghage: Nein. Ich brauche Struktur, dann fühle ich mich gut.

Ergeht es Ihnen gleich?
Ryffel: Wie Sie sehen, trägt er eine Digitaluhr, ich eine analoge...

...das heisst, Sie sind in der Entwicklung schon weiter, führen kein Buch mehr?
Ryffel: Nein, Thomas geniesst es momentan, nicht in Sakko und Krawatte auftreten zu müssen wie tagtäglich in der Klinik. Aber: Wir kennen auch das analoge Zeitalter. Ich finde es fantastisch, beides erlebt zu haben. Ich lief mit einer Analoguhr 13:13 Minuten über 5000 m und später 13:07 im digitalen Zeitalter. Wir hatten eine Uhr mit Sekundenzeiger, wenn er oben war, liefen wir los. Ich erachte es als absolutes Privileg, noch in dieser Zeit gelaufen zu sein. Wir hatten keine Kopfhörer, kein Handytäschchen. Ich bin am Greifensee aufgewachsen. Wenn ich laufen ging, hörte ich jeweils auf Höhe Strandbad wieder ein paar Fetzen Elton John. Aber ich finde es auch faszinierend, wenn ich heute nach Hause komme und sehe, dass ich 7,2 Kilometer gelaufen bin. Ich schreibe das nicht mehr so exakt auf wie Thomas, weiss aber, dass ich letztes Jahr meinen 200 000. Kilometer absolvierte.

War es ein Vorteil im Vergleich zu heutigen Athleten, nicht alles messen zu können?
Wessinghage: Vorteil und Nachteil. Wir lebten sehr stark von den persönlichen Erfahrungen unserer Trainer, die natürlich limitiert waren. Heute kann man sich im Internet Informationen über alles verschaffen. Das hatten wir nicht. Wir haben uns stark auf unser Gefühl verlassen beziehungsweise unser Gefühl entwickelt. Das war der Vorteil.

«Im Gespräch mit
jungen Athleten kommen
wir uns oft wie im
falschen Film vor.»
Markus Ryffel

Ryffel: Dass wir nichts wussten über Herzfrequenzvariabilität oder Bodenreaktionskraft, war nur ein Vorteil. Wenn unsere westliche Wohlstandsgesellschaft gegen Afrika keine Chance mehr hat, dann gibt es viele Gründe: Höhenlage, Ernährung, sozialer Aufstieg. Aber einer ist auch das digitale Zeitalter. Im Gespräch mit jungen Athleten kommen wir uns oft wie im falschen Film vor. Worüber sie diskutieren! Welche Blockaden sie im Kopf haben müssen. Und im Olympiafinal können zehn von zwölf gewinnen, dann entscheidet es sich hier (tippt sich an den Kopf). Und wenn der Kopf nicht frei ist, geht nichts.

Wessinghage: Du meinst Ernährungsberater, Karriereberaterin, psychologische Berater, Physiotherapeut, Athletikcoach...

Ryffel: ...die Homepage, Facebook, Twitter, Instagram. Ich bin überzeugt, für uns war es ein Vorteil, vieles nicht zu wissen. Es war ein schwierigerer Weg, es war mehr Trial and Error.

Heute leben auch Sie von den Erfahrungen.
Wessinghage: Wir leben zwischen den Welten, wenn wir mit unseren Klienten oder Gästen in den Seminaren sprechen. Auf der einen Seite nützen wir die digitale Welt, auf der andern versuchen wir ihnen klarzumachen, dass dies nur die halbe Antwort ist. Die andere Antwort ist das Körpergefühl, das sich entwickelt. Es gibt Parallelen zwischen den Patienten und den Laufkursteilnehmern, die natürlich nicht krank sind: Meine Patienten kommen nach schweren Operationen zu mir, und wir bereiten sie aufs normale Leben vor. Da kann eine Regelhaftigkeit eine grosse Hilfe sein. Ich muss ihnen eine Empfehlung geben, wie sie ihr Leben strukturieren sollen. Vielen fehlt die Muskelkraft. Bei vielen weiss ich sofort, dass sie nie ins Fitnessstudio gehen. Also heisst das Programm Treppensteigen. In vier Monaten vier Etagen. Wenn sie das geschafft haben, machen sie dasselbe mit zwei Stufen auf einmal. Ich mache das auch, wenn ich durch die Klinik gehe (lacht). Erstens sehen die Patienten das, zweitens glaube ich, dass es richtig ist.

Struktur ist also wichtig. Würden Sie sagen: So sind wir, so wurden wir geboren, oder hat das der Spitzensport verlangt?
Wessinghage: Bei mir ist es 40 Prozent Veranlagung, der Rest erlernt. Ich war von 14 bis 35 Athlet, das war prägend. Ich würde sagen, es gab einen fruchtbaren Boden, auf den die Struktur des Leistungssports gefallen ist.

Ryffel: Mich prägte mein Zuhause sehr, meine Eltern hatten ein Restaurant und eine Metzgerei, wir hatten einen Hauslieferdienst. Ohne diesen wäre ich nie ein solch guter Läufer geworden.

«Weil das Herz nicht unterscheidet, ob du Velo
fährst oder läufst, prägten
mich die Velokilometer.»
Markus Ryffel

Der kenianische Weg quasi?
Ryffel: Ja. Wenn heute ein 18-jähriger Afrikaner 8000 Ausdauerstunden auf dem Tacho hat, hat ein europäischer 2000, wenn überhaupt. Und weil das Herz nicht unterscheidet, ob du Velo fährst oder läufst, prägten mich die Velokilometer. Wir mussten anpacken, und ich merkte bald, dass du zielstrebig auf etwas hinarbeiten musst, wenn du etwas erreichen willst.

Wessinghage: Geprägt haben dich sicher auch deine Brüder. Urs war Radquerfahrer – eine Affinität zum Sport war vorhanden.

Ryffel: Ich machte schon in der Primarschule 20, 30 Kilometer pro Tag, hatte meine 17 Kunden, die ich mit Cordon bleu und Bündnerfleisch belieferte. Und ich hatte immer ein Extra: Ich bekam Trinkgeld und konnte mir meine Tafel Schokolade kaufen, während es bei den andern nur für ein Stängeli reichte.

War der Leistungsgedanke so verinnerlicht, dass auch nach der Sportkarriere klar war, dass Sie weiterhin leisten wollen? Als Unternehmer, als Arzt?
Wessinghage: Der Leistungsgedanke war natürlich da. Mit dem Studium wollte ich einfach eine Rückfalllösung haben. Dass daraus eine zufriedenstellende Karriere wurde, hing aber auch mit Zufällen zusammen. Dadurch, dass wir im Sport gelernt haben, uns an Zielen zu orientieren, waren die Berufschancen dann solche, die wir ausfüllen konnten. Markus hat eine Unternehmerkarriere par excellence hinter sich und immer davon profitiert, dass er so weltoffen war. Er hat überall Neues gesucht, in Neuseeland, Australien, Kalifornien, Arizona.

Markus Ryffel, Sie haben Uster früh verlassen.
Ryffel: Mein Vater hatte mir die Lehrstelle als Koch schon besorgt. Die vier Söhne sollten Koch, Metzger, Confiseur und Kaufmann werden. Ich wollte etwas anderes, wenn Sie so wollen: den sozialen Aufstieg. Dank meinem Förderer Heinz Schild konnte ich in Bern Schriftsetzer lernen, er schaffte es, meinen Vater zu überzeugen. Ich wollte hinaus in die olympische Welt. Und holte 1976 in Montreal bei meinen ersten und Thomas’ zweiten Spielen bei John Walker (Neuseelands Olympiasieger über 1500 m, die Red.), Alberto Juantorena (Olympiagold, 800 m) und auch bei Thomas Autogramme. Klar war, dass vier und acht Jahre später ich Autogramme geben wollte.

Woher diese Weltoffenheit? Waren die Eltern je im Ausland?
Ryffel: Nein, nie.

Wessinghage: Das möchte ich beantworten. Markus ist der weltoffenste Mensch, den ich kenne. Du warst immer bereit, von anderen zu lernen. Mal ins Ausland gehen, gucken, mal zehn Wochen nach Neuseeland war für dich nie ein Zeitvertreib wie für andere Kollegen. Du hast immer Informationen und Erkenntnisse mitgebracht. Die Tatsache, dass man ein Sportgeschäft eröffnet, einen Versandhandel aufbaut, Wettkampfreisen organisiert, Laufseminare anbietet – das allein zeigt, wie weit dein Horizont war, wie breit die Auffassung, was erfolgreiches Unternehmertum bedeutet. Das hat mich immer sehr beeindruckt. Das hat sich ja auch sehr positiv ausgewirkt mit dem Verkauf der Marke Ryffel Running an die Migros.

«Ich bin in einem
Umfeld aufgewachsen,
in dem Bildung
das höchste Gut war.»
Thomas Wessinghage

Gab es Phasen, in denen Sie Markus Ryffel beneidet haben, weil er seine Leidenschaft zum Beruf machen konnte? Sie haben eine klassischere Karriere hinter sich.
Wessinghage: Nein. Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem Bildung das höchste Gut war. Ich wäre niemals der zweite Markus in Deutschland gewesen, das liegt mir nicht.

Markus Ryffel, wer waren Ihre Vorbilder?
Ryffel: Dafür muss ich nochmals auf Heinz Schild zurückkommen. Er war nach vier Jahren so offen und sagte, dass ich in die Welt hinaus müsse. Wenn ich die von ihm eingeführte Kraftgymnastik machte, fragten mich die anderen Schweizer Langstreckler, ob ich ans Turnfest wolle. Aus Neuseeland, vom führenden Trainer Arthur Lydiard, wusste man, wie wichtig Ausdauertraining ist. In den 1970er-Jahren konnte man aber nicht schnell per E-Mail um Rat fragen, man musste dorthin gehen. An einem Meeting lernte ich dann John Walker kennen, den Usain Bolt der damaligen Zeit. So landete ich in Neuseeland, wohnte auch bei John. Was wir heute als moderne Trainingslehre bezeichnen, ist immer noch Lydiard-Gedankengut. John und ich standen 1984 im Olympiafinal, es war die Gelegenheit, ihm zu sagen, was ich alles von ihm gelernt habe.

Und als Unternehmer?
Ryffel: Frank Shorter, der Amerikaner. Er war der Erste, der nach der Karriere das Laufen zum Business machte. Ich hatte in Neuseeland aber auch Brendan Foster kennen gelernt, den britischen Europameister von 1974 über 5000 m. Er ging nach Hause und gründete den Great North Run, heute noch einer der grössten Halbmarathons. Ich sagte mir, wenn er das kann, kann ich es auch. Mit Shorter starteten wir mehrmals bei Weltklasse Zürich, er lief die 5000 m, war 1972 aber auch Marathon-Olympiasieger.

Wie lernten Sie sich eigentlich kennen? 1976 beim Autogrammholen?
Wessinghage: Da kannten wir uns schon. Richtig los ging es 1979, da waren wir am Weltcup in Montreal. Da sagte Markus: Thomas, wir müssen Laufseminare veranstalten, die Leute wollen mituns laufen, kommst du nach St. Moritz?Ich bin gegangen, und jetzt machen wir das seit 40 Jahren.

Wann wurden aus den Kollegen Freunde?
Ryffel: In diesen Jahren. Als ich 1977 nach Bad Dürrheim ins Trainingslager der Deutschen kam und sah, wie sie Laufschule betrieben, so, wie mich das Heinz Schild gelehrt hatte, tankte ich Selbstvertrauen. Als einstiger Metzger-Ausläufer ohne Matur, in der Klasse der Kleinste, hatte ich nicht vor Selbstbewusstsein gestrotzt. Das Laufen lehrte mich, dass ich meinen Weg nie verliere. Ich konnte kaum Englisch, als ich nach Neuseeland kam, war kurz vor dem Heimgehen. Aber das Laufen hat mir geholfen, gab mir sehr viel Selbstvertrauen, bis heute.

War es eine Freundschaft ohne Rivalität?
Wessinghage: Es hat mich immer wieder beeindruckt, wie viele Gegner mich im Ziel umarmten. Wir hatten Rivalitäten, die waren aber immer von Respekt geprägt und von einer gewissen Freude für den Erfolg des andern.

Eine so romantische Sichtweise auf den Spitzensport?
Wessinghage: Ja. Ich kann einem andern nicht böse sein, wenn er mich schlägt. Als mein Rekord über 1500 m zustande kam, hat mich Steve Ovett gefragt, ob ich ihm Tempo machen würde. Natürlich habe ich mich geärgert, als er mich eingangs Zielgerade überholte. Ohne ihn wäre ich aber nicht Rekord gelaufen.

Ryffel: Ohne dich hätte Ovett aber auch den Weltrekord nicht gebrochen.

«Wir hatten das Glück,
in einer Zeit gross zu
werden, in der das Geld den
Sport nicht dominierte.»
Thomas Wessinghage

Wessinghage: Genau. Trotzdem gibt es dieses erste Bild im Ziel, auf dem wir uns umarmen. Er ist mir dankbar, ich ihm. Es ist eine gewisse romantische Sicht, aber es war damals so. Eine etwas andere Sozialisierung in diesem Sport, als wir es heute haben. Wir hatten das Glück, in einer Zeit gross zu werden, in der das Geld den Sport nicht dominierte.

Manipulieren war nie eine Option? Bei Ihnen, Markus Ryffel, gab es diese Gerüchte von 1984 mit einer Infusion. Das war legal, aber Graubereich.
Ryffel: Wenn einer eine Infusion hatte wegen eines Defizits, ja, ... aber manipulieren: Nein, das war kein Thema. Zum Training noch: Bei mir gab es die Phase, als ich das Laufen als Fulltimejob sah, ich hatte panische Angst vor Ruhe. Ich vergesse nie, als wir 1982 einmal auf der Corviglia auf 2300 m trainierten. Thomas kam auch herauf, wärmte sich ein wenig auf, machte Gymnastik, wir aber absolvierten ein Intervalltraining vom Feinsten. Ich war überzeugt, dass dieses entscheidend ist, wenn ich ihn an der EM schlagen wollte. Ich landete dann im Übertraining, Thomas wurde Europameister. Er hatte diese Angst vor dem Nichtstun nicht. Man kann auch einmal wenig tun – das ist etwas von ganz vielem, was ich von ihm lernte.

Sie führten letzte Woche ein Laufseminar durch und boten solche schon an, als Laufen noch längst kein Breitensport war.
Wessinghage: Im ersten Seminar 1980 waren es 17 Männer und eine Frau. Und alle Männer wollten schneller sein als wir (lacht). Die Struktur der Teilnehmenden hat sich enorm verändert – viel mehr Frauen. Heute sind sie mehr gesundheits- und schönheitsorientiert, deutlich weniger leistungsorientiert. Deshalb können wir mit Mitte 60 immer noch gut diese Laufgruppen leiten.

40 Jahre Anfersen lehren und die Bedeutung der Armarbeit erklären – findet man nicht ­einmal, es genüge jetzt?
Ryffel: Das Hobby zum Beruf zu machen, diese Faszination kann 40, aber auch 50 Jahre dauern. Der Uhrmacher, der meine Uhr hier fabrizierte, ist wohl genauso fasziniert von seinem Handwerk. Und:Ein bisschen angefixt sind wir schon. Wir machten vorgestern einen Trailrun über 22 km von Ilanz nach Laax und Flims und durch die Rheinschlucht. Wir sind schon stolz, dass wir das einfach so können.

«Das Hobby zum Beruf
zu machen, diese
Faszination kann 40, aber
auch 50 Jahre dauern.»
Markus Ryffel

Wessinghage: Nochmals zu den Kursen: Das ist für mich ein zweiter Beruf mit gleichen Inhalten. Was ich den Patienten sage, ist dem ähnlich, was ich den Läufern sage. Eine Botschaft, eine Lebensüberzeugung, die ein wesentlicher Teil der Funktionsfähigkeit des menschlichen Organismus ist. Und manchmal, ja, sagt man sich, das hast du jetzt schon 133 000-mal gesagt. Seit 40 Jahren finden meine Ferien also grösstenteils in Graubünden statt.

Ryffel: Das zeigt, wie viel Herzblut darin steckt, dieses Herzblut war im ersten Leben im Leistungssport. Irgendwann gingen wir in Pension und fingen nochmals neu an. Und dieses Herzblut steckt noch immer drin, darin sind wir uns ähnlich. Nur wegen des Portemonnaies müsste ich das nicht mehr machen.

Wenn Sie so vom Laufen schwärmen, wie steht es um Ihre Familien? Wie viele der Kinder haben Ihre Lebensphilosophie verinnerlicht?
Wessinghage: Alle drei sind laufaffin, niemand aber ist Leistungssportler im Laufen geworden. Ich bin damit glücklich und zufrieden. Fussstapfen, die Eltern hinterlassen, sind oft so gross, dass es schwierig ist, sie auszufüllen.

Ryffel: Christoph, der ältere Sohn, lief 2012 7:53 über 3000 m und war die Nummer 7 in Europa. Dann bekam er das Pfeiffersche Drüsenfieber – das wars dann. Er ist heute Assistenzarzt und absolut glücklich. Ich hatte Freude, als er mit 16 die Unihockeystöcke wegstellte und zu laufen anfing. Als Arzt kann er heute sehr gut beurteilen, welche Gratwanderung der Leistungssport ist. Beide, auch Stephan, der Jüngere, sind heute integriert in die Firma. Sie hatten auch die Idee zum Santarun in Bern, das ist schon speziell. Der Zeitgeist ist ein anderer, es ist ein Lauf ohne Rangliste. Trotzdem laufen 4000 als Samichläuse durch die Stadt.

Wenn Sie von Ilanz nach Laax laufen, diskutieren Sie auch darüber, was in 15 Jahren sportlich sein wird?
Wessinghage: Ja! Wir haben abgemacht, dass wir das in 25 Jahren wieder tun (Gelächter). Dann haben wir allerdings darüber nachgedacht, welche Hilfsmittel wir dazu brauchen. Das höchste der Gefühle wären Nordic-Walking-Stöcke. Nein, wir sind uns bewusst, dass das, was wir machen, endlich ist. Wir haben aber vor, es in fünf und zehn Jahren auch noch zu tun. Langsamer, vielleicht mit Gehpausen am Berg.

Ryffel: Vielleicht ist bei mir auch einmal die Musik ein wichtiger Teil, dann, wenn ich nur noch marschieren kann?

Erstellt: 14.06.2019, 13:27 Uhr

Unternehmer und Klinikdirektor

Auf die sportliche folgte die berufliche Karriere.

Das Treffen mit Markus Ryffel und Thomas Wessinghage findet in Rapperswil-Jona statt, die beiden weilen zwischen zwei Laufseminaren in Valbella im Unterland. Nach dem Rücktritt vom Spitzensport machten sie auch beruflich Karriere: Wessinghage als Facharzt für Orthopädie sowie Physikalische und Rehabilitative Medizin, Ryffel als Unternehmer. Der Deutsche ist Klinikdirektor des Medical Park in Bad Wiessee bei München und nimmt Ferien, wenn er an Laufseminaren im Bündnerland weilt.

Ryffel gründete noch während seiner Sportkarriere mit seinem Bruder Urs Ryffel Running; die beiden Sportgeschäfte in Uster und Bern wurden 2015 an die Migros verkauft. Ryffel ist mit seiner Markus Ryffel’s GmbH Veranstalter des Greifenseelaufs (40. Austragung im September), des Schweizer Frauenlaufs in Bern (am Sonntag) und weiterer Läufe. Neben Seminaren bietet er
Marathonreisen an, zusammen mit Kunden läuft er jährlich selber noch mehrere Male über 42,195 km. (mos)

Markus Ryffel, 64
Der einstige Langstreckenläufer lebt in Bern und Uster und ist Vater zweier erwachsener Söhne. Ryffels grösster Erfolg war der Olympiasilbergewinn 1984 über 5000 m in Los Angeles, die Zeit von 13:07,54 Minuten bedeutet 35 Jahre danach noch immer Schweizer Rekord wie auch die 7:41,00 über 3000 m.

Foto: Imago

Thomas Wessinghage, 67
Aus dem reichen Palmarès des Deutschen stechen zwei Leistungen heraus: Wessinghage lief 1980 in Koblenz die 1500 m in 3:31,58 Minuten, was heute noch deutscher Rekord ist. Und zwei Jahre später wurde er in Athen Europameister – über 5000 m. Wessinghage ist Vater dreier erwachsener Kinder.

Foto: Getty Images

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