Die dunklen Gedanken sind weg – jetzt kommt die Belohnung

Noch vor einem Jahr hatte Giulia Steingruber nach einem Kreuzbandriss mit Motivationsproblemen zu kämpfen. Nun ist sie auf dem Weg zurück, die Vorfreude auf Wettkämpfe ist gross.

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Hin und wieder, da überlegt Giulia Steingruber, was sie sagen will. Wenn sie dann spricht, tut sie es reflektiert und deutlich. Wie eine Person, die nichts Falsches sagen will, nichts, was überhastet sein könnte. Steingruber ist erfahren genug. Nur einmal, da kommt die Antwort plötzlich: «Ja, aber nur kurz», sagt sie schnell, eben ohne zu überlegen. Es ist die Antwort auf die Frage, ob sie sich jemals überlegt habe, dem Kunstturnen keine Chance mehr zu geben, es nicht mehr zu probieren, zurückzutreten.

Dann erklärt sich die 25-Jährige: «Ich wusste sehr schnell, dass ich das bereuen würde.» Darum sitzt Steingruber nun an diesem Tisch in der Jubiläumshalle von Magglingen. Während ihre Kolleginnen die Mittagssonne geniessen dürfen, spricht sie mit Journalisten über die wohl schwierigste Zeit ihrer Karriere. Es geht um Verletzungen, um physische und psychische Schmerzen, um den langen Weg zurück an die Weltspitze.

Schon die zweite Pause

Giulia Steingrubers Kreuzband riss am 8. Juli 2018 in St-Etienne. Zum ersten Mal, im linken Knie. Dieses Band, das schon so manche Sportlerkarriere ins Stocken brachte. Steingruber sprach von einem Schock, sechs Wochen war sie mit Krücken unterwegs. «Ich hatte Motivationsprobleme», sagt sie heute. Denn sie wusste schnell: Sie wird Grossanlässe verpassen, die EM 2018 in Glasgow und die WM in Doha wenige Monate später sowieso. Und selbst die EM in Stettin diesen April kam zu früh.

Es war die zweite längere Pause der Ostschweizerin. Bei den Olympischen Spielen in Rio erlitt sie im Bodenfinal eine Fussverletzung. Dabei war Steingruber in Topform, 48 Stunden zuvor hatte sie Bronze am Sprung gewonnen – als erste Schweizer Kunstturnerin stand sie auf einem Olympia-Podest. Steingruber verknüpfte die Verletzung mit einer Auszeit, einer gewollten, sie ging in lange Ferien, danach wurden im Januar 2017 die Splitter im Fuss entfernt. Der St. Gallerin gelang die Rückkehr an die Weltspitze schnell, schon bei der WM 2017 in Montreal gab es die nächste Bronzemedaille, wieder am Sprung.

«Bei mir war es immer so, wenn
es im Sport gut lief, war der Rest auch in Ordnung.»
Giulia Steingruber

Diesmal aber ist es anders. Diesmal war nichts geplant. Steingruber vermisste den Wettkampf, vermisste das Adrenalin in den vergangenen Monaten. Ein guter Wettkampf sei eine Genugtuung für sie als Athletin, «diese Belohnung hat mir gefehlt». Das Ziel, die WM 2019 in Stuttgart, war weit weg. «Es war ein Durchbeissen», erklärt Steingruber. Sie arbeitete in dieser Phase viel mit einem Mentalcoach zusammen, ging ihre Übungen im Kopf durch, mal mit Musik, mal ohne. Es war ihr wichtig, nach der Rückkehr alle ihre Übungen zu behalten.

Warten auf die Matur

Die Motivationsprobleme aber wirkten sich auch auf den Rest ihres Alltags aus. Steingruber war antriebslos. «Bei mir war es immer so», erklärt sie, «wenn es im Sport gut lief, war der Rest auch in Ordnung». Sie spricht vor allem die Schule an, während ihrer Zwangspause feilte sie weiter an ihrer Maturaarbeit mit dem Titel «Der Weg zum perfekten Element». Die Arbeit hat sie trotz ihrem Tief bereits im vergangenen Herbst abgegeben, sie war gut, sagt sie. Nun wartet sie auf die Resultate der letzten Prüfungen im Sommer. Das Studium ist vorerst aufgeschoben, die Konzentration gilt dem Turnen. Ob sie schon weiss, was sie studieren will? Steingruber überlegt und sagt, früher sei Psychologie das Ziel gewesen, darüber lacht sie jetzt. Sie weiss es noch nicht.

So richtig weg war Steingruber trotz Verletzung und Schule nie. «Ich fühlte mich immer als Teil des Teams», sagt sie, «nur war ich halt ein wenig passiver». Sie wollte im Frühling nach Stettin reisen, um ihre Kolleginnen bei der EM zu unterstützen. Es wurde ihr aber etwas zu viel. Trotzdem sei das Team immer für sie dagewesen. «Das war ein schönes Gefühl». Sie sei bei den Wettkämpfen ihrer Kolleginnen fast nervöser gewesen, als wenn sie selbst antrete.

«Tokio 2020 beschäftigt mich seit den letzten Spielen in Rio vor drei Jahren.»Giulia Steingruber

Steingruber und ihr Team planten, bis vor den Sommerferien Ende Juni überall wieder auf einem guten Level zu sein. Das klappte gut auf dem Balken und dem Barren, da gelang schon im April fast alles, und auch am Sprung kam sie voran. Mühe habe sie nur am Boden gehabt, sie spürte das Knie und musste sich im Training plötzlich umgewöhnen, brauchte mehr Erholung. «Einfach nicht daran denken», sagt sie jetzt und lacht. Die internen Qualifikationswettkämpfe für die WM hat sie bestritten, noch mit Hilfestellung ihres Trainers Fabien Martin. Eine Stütze, die sie in Anspruch nehmen durfte, damit es nicht zu viel wird. Steingruber ist zufrieden mit dem Resultat.

Am Wochenende wird sie auf sich alleine gestellt sein. Zum ersten Mal seit dem Kreuzbandriss vor Publikum. Steingruber tritt bei den Schweizer Meisterschaften in Romont an. Natürlich wolle sie gewinnen, sagt sie. Ihre Übungen am Boden werden vereinfacht sein, beim Sprung jedoch plant sie mit dem Tschussowitina, ihrem Paradesprung. Darauf hat sie sich in den vergangenen Wochen konzentriert. Mit ihm wurde sie Olympia- und WM-Dritte. Nach der SM bestreitet das Team einen Länderkampf gegen die Niederlande, zwei Wochen später geht es bereits nach Stuttgart.

«Nicht mehr die Jüngste»

Die WM ist für Steingruber auch eine Standortbestimmung. Zudem will sie dem Team helfen, sich für die Olympischen Spiele 2020 zu qualifizieren. Sie sagt: «Tokio 2020 beschäftigt mich seit den letzten Spielen in Rio vor drei Jahren.» In jenem Sommer entschied sie, nochmals vier Jahre anzuhängen. Nun sei es eben ein bisschen turbulenter geworden als geplant, sagt sie. Steingruber hilft die Erfahrung, sie war schon vor sieben Jahren in London dabei, 18 war sie damals, Heute findet sie: «Ich bin auch nicht mehr die Jüngste.» Sie meint es mehr im Scherz, und doch gehört es zu diesem Sport, dass sie mit ihren 25 Jahren schon fast eine Ausnahmeerscheinung ist.

Während Steingruber erzählt, spielt sie mit dem leeren Kaffeebecher vor ihr herum. Fast eine Stunde spricht sie, der Kartonbecher sieht entsprechend aus. Doch die Ostschweizerin erzählt gerne, das lässt sie spüren. Sie lacht viel, nimmt sich Zeit für Einzelgespräche und Fotos. Es ist die Vorfreude auf die Wettkämpfe, die sich auf ihr Wesen auswirkt. Ganz anders war es vor gut einem Jahr, als die Verletzung frisch und das Motivationsloch tief war. Wie sie schon sagte: «Wenn es im Sport gut läuft, ist der Rest auch in Ordnung.»

Erstellt: 03.09.2019, 19:05 Uhr

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