Nach Olympia ist vor dem Kollaps

Drei Monate nach den Olympischen Spielen regiert in Rio de Janeiro die Tristesse. Der Bundesstaat ist bankrott, und der Ex-Gouverneur wurde verhaftet.

 Vor zwei Monaten eingestürzt und liegen geblieben: Die Überreste eines Medienzentrums während der Olympischen Spiele. Foto: Mario Tama (Getty Images)

Vor zwei Monaten eingestürzt und liegen geblieben: Die Überreste eines Medienzentrums während der Olympischen Spiele. Foto: Mario Tama (Getty Images)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Das Stadion dort», sagt Jefferson Teixera und zeigt durch den grünen Zaun auf die Tennisarena an der Avenida ­Embaixador Abelardo Bueno, «habe ich mitgebaut.» Es ist ein strahlender Tag in Barra da Tijuca, diesem Mini-Miami, das vor drei Monaten die Welt zu Gast hatte und dessen weitläufige Trottoirs nun monumental verwaist in der Tropensonne braten. «Geschuftet haben wir hier, geschwitzt, Überstunden geschoben, alles musste schnell gehen, alles musste schön und modern aussehen.» Doch das ist schon lange her. Drei Monate können eine Ewigkeit sein, wenn ein Familienvater nicht mehr weiss, wie er seine Kinder ernähren soll. «Die Besucher sind fort, die Profite wurden im Ausland gemacht, und ich bin arbeitslos und ohne Perspektive. Das hier war wie ein Traum.»

Doch der ist längst verflogen. Und die Stadt, die im August 16 Tage Blickfang war für alle Welt, ist nun nur noch eine brasilianische Metropole mit Millionen von Problemen. Rio de Janeiro erlebt eine brutale Katharsis, auf die der Kollaps folgen könnte.

Falsche Hoffnungen

Die «Stadt der Wunder» wurde zum Schauplatz einer dramatischen Fehlentwicklung, nicht allein ausgelöst von Fussball-WM und Olympischen Spielen. Aber fraglos verstärkt durch die falschen Hoffnungen, die diese Mega-Events ­auslösten, und die öffentlichen Mittel, die dafür eingesetzt wurden. Nun ist er ­versiegt, der Zufluss von Investoren­geldern, Sonderfonds, Bundesmitteln. Schon im Juni rief der Gouverneur den «öffentlichen Notstand» aus. Anfang ­November blockierte der Bund auch noch die Konten des Bundesstaates. Rio de Janeiro ist bankrott.

Die Wiederbelebung der Innenstadt wurde Realität – allerdings als Bühne für Protestierende und Polizisten.

Im Stadtzentrum blockierten vor den Spielen Hunderte Baustellen den Verkehr, nun sind es deren frühere Arbeiter. Die Wiederbelebung der Innenstadt, ein Prestigeprojekt des scheidenden Bürgermeisters Eduardo Paes, wurde Realität – allerdings als Aufmarschgebiet für Protestierende und Polizisten. Und die Uniformierten, das ist für viele das erschreckendste Kapitel in dieser postolympischen Saga, gehörten bereits mehrfach zu den Demonstranten. Denn ihr Arbeitgeber, der Bundesstaat Rio de Janeiro, kann sie nicht mehr regelmässig bezahlen. In Kliniken fehlen Medikamente, und im Complexo do Alemão steht die 2011 eröffnete Seilbahn, die zum Symbol werden sollte für die Öffnung und Normalisierung der 25 Favelas, unter ihren Gondeln still.

Mit den Seilwinden des Vorzeigeprojektes kam auch die einst weltweit publizierte Befriedung der Elendsviertel zum Stillstand. Heute sind Rios fast 1000 Favelas wieder Kriegsgebiet der vier Drogensyndikate, paramilitärischer ­Milizen und der Militärpolizei. Vor zehn Tagen stürzte ein Helikopter der Militärpolizei auf die «Cidade de Deus», seit dem gleichnamigen Kinofilm von 2001 ein Symbol für die graue Hölle hinter dem Rücken des Christus auf dem Corcovado. Das havarierte Fluggerät, dessen vier Insassen starben, war einsatztauglich, wie die Behörden betonten. Nun fragen sich Bürger und Politiker, ob die Drogengangs inzwischen auch ­Boden-Luft-Waffen einsetzen.

Das zweite grosse Thema dieser Tage ist der prominente Insasse der Strafvollzugsanstalt von Gericinó in der Westzone von Rio. Am 17. November wurde Sérgio Cabral verhaftet, der als Bürgermeister, Senator und zweimaliger Gouverneur des Bundesstaates den ­Höhenflug der Stadt eingeleitet, bestärkt und offenbar auch ausgenutzt hat. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, 224 Millionen Reais (gut 66 Millionen Franken) gestohlen und gewaschen zu haben. Der einstige Journalist verfing sich im Morast des Petrolão, jenes gigantischen Schmiergeldsumpfes um die Auftragsvergabe bei der staatlichen Ölfirma Petrobras. Die ­Ermittler, die mithilfe der Kronzeugen­regelung immer weitere Kreise der Elite des Landes ins Visier nehmen, kamen zu dem 53-Jährigen durch die Aussage eines Spitzenmanagers von Odebrecht.

Konfiszierte Luxusgüter

Dieser Baukonzern ist der grösste Brasiliens und gehörte zu jenem Konsortium, das Olympiapark und olympisches Dorf errichtete, die Firma trieb zudem die ­U-Bahn bis nach Barra da Tijuca und baute den alten ­Hafen um. Cabral soll von Baufirmen 7 Prozent des Auftragsvolumens eingestrichen haben. Davon seien 5 Prozent an ihn und jeweils 1 Prozent an die zuständigen Minister und ­Finanzbeamten geflossen. Nun ver­öffentlichen Medien Bilder von konfiszierten Luxusgütern, einer Motorjacht, mehr als 300 Schmuckstücken, edlen Schweizer Uhren.

Zwischen 2007 und 2014 regierte ­Cabral, übrigens Parteifreund des aktuellen Präsidenten Michel Temer, den Bundesstaat Rio de Janeiro. In diesen Zeitraum fiel die Vergabe der Fussball-WM und der Spiele. Sowohl am Ausbau des Maracanã-Stadions als auch an der Errichtung der olympischen Sportstätte soll Cabral partizipiert haben. Aber wahrscheinlich waren das nicht mal seine verhängnisvollsten Akte.

Gehälter nur noch in Raten

Denn in seine Amtszeit fiel auch der Boom nach der Entdeckung der gigantischen Tiefsee-Ölvorräte vor der Küste. Wie Präsident Lula malte sich Cabral das angegraute und ausgefranste Rio als blühende Ölmetropole aus. Er sah die Zeit gekommen, um Rios historische Niederlage, den Fortzug der Regierung nach Brasilia 1960, wettzumachen. In Aussicht auf einen steten Strom aus Petro-Reais lockte er Konzerne und auch Mittelständler an die stinkende Guanabara-Bucht und gewährte dabei weitreichende Steuerbefreiungen. Gleichzeitig blähte er den Personalbestand des ­öffentlichen Sektors auf, Hausmachts­pflege für einen möglichen Sprung nach ganz oben. Doch dann stürzten die Ölpreise in den Keller, die aufwendige Tiefseeförderung wurde unrentabel, und Rio mutierte nicht zum Tropen-Dubai, sondern zu Brasiliens Venezuela.

Nun hat die neue Zentralregierung beschlossen, dass Rio durch die Wüste gehen muss. Sie verwehrte dem Bundesstaat jegliche neuen Zuwendungen. Das bedeutet, dass Staatsbedienstete, auch Polizisten, Gefängniswärter und Feuerwehrleute, ihr Gehalt nur noch in Raten bekommen. Dass Pensionen reduziert werden, das Weihnachtsgeld ausfällt, Bier, Zigaretten und Benzin höher besteuert werden. Brasiliens neuer starker Mann, Finanzminister Henrique Mereilles, sagte deutlich: «Der Fall Rios taugt als Lehrbeispiel. Irgendwann kommt die Rechnung – und einer muss zahlen.»

Erstellt: 29.11.2016, 09:05 Uhr

Artikel zum Thema

Klare Absage an Olympia

Der Zürcher Gemeinderat will sich unmissverständlich gegen eine Beteiligung an den Olympischen Winterspielen 2026 in Graubünden aussprechen. Mehr...

Auch noch Olympia in Katar?

Dauerkritik an der Fussball-WM im Kleinstaat in der Wüste hält IOK-Präsident Thomas Bach nicht davon ab, Katar zu hofieren. Mehr...

«Roger, einige spekulieren, 2017 werde zu Ihrem letzten Hurra»

Interview Treffen mit Roger Federer auf Mallorca: Über den ultimativen Test in den Schweizer Bergen und die Frage, ob er 2018 noch dabei ist. Das Interview. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Im Wiederaufbau: Das Sonnenlicht am frühen Morgen scheint auf die Kathedrale Notre-Dame in Paris. (16. September 2019)
(Bild: Ian Langsdon) Mehr...