Nach Silber gehört Desplanches zu den Olympiafavoriten

Europameister Jérémy Desplanches wird an der WM über 200 m Lagen Zweiter und holt die erste Bahn-Medaille seit 12 Jahren.

Jérémy Desplanches schwimmt hinter dem Japaner Seto zu WM-Silber. (Video: SRF)

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«Dive into Peace» steht an den Wänden der Schwimmhalle in Gwangju, Südkorea, unübersehbar für alle. Es ist das Motto dieser Schwimmweltmeisterschaften. Klingt verdächtig nach einer typisch realitätsfremden Funktionärsidee, denn Sportverbände nehmen gern für sich in Anspruch, sich um nichts weniger als den Weltfrieden zu bemühen. In diesem Fall aber entstand der Spruch in Einklang zumindest mit der lokalen Politik: Bis kurz vor Beginn der Wettkämpfe bemühte sich der Bürgermeister von Gwangju um die Teilnahme einer nordkoreanischen Delegation. Allerdings ohne Erfolg.

Glücklicherweise kann das Motto auf zwei Arten verstanden werden, weshalb es seine Wertigkeit nicht vollständig einbüsste, als von ennet der Grenze nicht einmal eine Reaktion auf das Ansinnen des Bürgermeisters eintraf. Und dann kamen der Donnerstagabend und der Männerfinal über 200 Meter Lagen, und plötzlich wirkte es, als wäre das Motto ohnehin bloss für diesen Augenblick erschaffen worden: Denn der Schwimmer, der auf Bahn 4 ins Becken sprang, tat das mit einer derart selbstverständlichen Beiläufigkeit, dass man nicht anders konnte, als zu glauben, er tauche geradewegs in einen Zustand des tiefen persönlichen Friedens.

Nie zuvor an Schwimm-Weltmeisterschaften hatte ein Schweizer einen Final auf der Favoritenbahn bestritten, der Bahn des Halbfinalschnellsten, es war also ein ganz und gar aussergewöhnlicher Augenblick. Doch Jérémy Desplanches, 24 Jahre alt, wirkte, als hätte er das schon unzählige Male erlebt. Dabei wiesen sechs seiner sieben Finalgegner eine bessere Bestzeit auf, darunter Chase Kalisz auf Bahn 6, der Titelverteidiger aus den USA, und Mitch Larkin auf Bahn 2, ein mit ähnlich vielen WM-Medaillen dekorierter Australier. Man erwartete ein Rennen, das sich auf den Aussenbahnen abspielt.

Jetzt ist er schon die Nummer 12 der Geschichte

Doch es kam anders, Desplanches wendete nach 50 Metern Delfin als Erster. Auf der Rückenstrecke überholte ihn Daiya Seto, der Japaner auf Bahn 3, der erstmals 2013 eine WM-Medaille gewonnen hatte, als Desplanches an eine WM-Teilnahme noch nicht einmal dachte. Und dabei blieb es. Seto gewann Gold, Desplanches Silber, Kalisz Bronze, alle in einer 1:56er-Zeit. In 1:56.56 Minuten unterbot Desplanches seinen Schweizer Landesrekord aus dem Halbfinal um 17 Hundertstel. Weltweit ist er jetzt der zwölftschnellste Schwimmer der Geschichte in dieser Disziplin.

Desplanches, schneller als je zuvor. (Bild: Keystone/Patrick B. Kraemer)

Das liest sich so leicht, ist aber ziemlich bemerkenswert. Es ist die sechste Schweizer Medaille an einer Schwimm-WM, die zweite eines Mannes – und die erste überhaupt in einer Disziplin, die sich zum Zeitpunkt des Erreichens auch im olympischen Programm befindet. Und natürlich ist es die erste von Desplanches, letztes Jahr wurde er Europameister. Als er sich für diese WM die Top 5 zum Ziel setzte, klang das schon ambitioniert.

Allerdings muss man sagen: Er erfüllt seine Ziele schon seit einer Weile ziemlich verlässlich, und mit jedem Schritt werden sie noch ein bisschen grösser. Vor nunmehr fünf Jahren brach er von Genf nach Frankreich auf, ins Schwimmsportparadies, nach einer Probewoche fand er Aufnahme im Team von Olympique Nice Natation, dem Verein mit dem legendären Kürzel O. N. N. Zunächst schwamm er allen hinterher, auch den Frauen, es war eine niederschmetternde Erfahrung für den damals schon mehrfachen Schweizer Meister. Aber offensichtlich auch eine nachhaltige. 2015 nahm Desplanches erstmals an der WM teil, an den Olympischen Spielen 2016 erreichte er bereits die Halbfinals. Und an der WM 2017 kam er in den Final (den er abgeschlagen als Achter beendete).

Die Königsdisziplin der Vielseitigen und von Phelps

Die 200 Meter Lagen sind die Königsdisziplin der Vielseitigen – von jeder Schwimmlage muss eine Beckenlänge absolviert werden. Sie sind aber auch ein Rennen für die Harten, vergleichbar mit dem 800-Meter-Lauf in der Leichtathletik, ein Mittelding aus Sprint und Ausdauer. Man geht beinahe voll hinein – und versucht die Pace dann irgendwie zu halten. Während mehr als einem Jahrzehnt wurde die Disziplin dominiert von Michael Phelps, dem Rekord-Olympiasieger, man konnte sie sich ohne ihn gar nicht mehr vorstellen. Der Weltrekord von 1:54.00 Minuten befindet sich allerdings in Besitz von Ryan Lochte, dem Erzrivalen, der damit 2011 Weltmeister geworden war.

Doch Phelps ist zurückgetreten, und Lochte sitzt eine Dopingsperre ab. Mit Blick auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokio ist die Ausgangslage also einerseits sehr offen. Andererseits kann man nun aber mit einiger Gewissheit sagen: Jérémy Desplanches wird sich mitten unter den Favoriten befinden.

Erstellt: 26.07.2019, 10:09 Uhr

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