Neun Tage für das Ziel Profivertrag

Die Fahrer des Schweizer Nationalteams wollen sich für höhere Aufgaben empfehlen – 3 Beispiele.

Strampeln für den Profivertrag: der bergfeste Allrounder Roland Thalmann. Bild: Keystone

Strampeln für den Profivertrag: der bergfeste Allrounder Roland Thalmann. Bild: Keystone

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Der Blick auf die Jahrgänge zeigt: Im Team von Swiss Cycling fahren nicht die nächsten Schweizer Supertalente. Dafür sind die sieben Fahrer schlicht zu alt. 19 Fahrer dieser Tour de Suisse sind jünger als das jüngste Teammitglied Gian Friesecke (24). Darunter auch die hoch gehandelten Landsleute Marc Hirschi (20) und Gino Mäder (22).

Hirschi und Mäder sind international bekannte Talente - und unterschrieben deshalb auf diese Saison Verträge mit Worldtour-Teams. Aber was passiert mit jenen Fahrern, die stark, aber nicht überragend sind? In der Schweiz gibt es seit dem Rückzug von IAM Cycling vor drei Jahren in den höchsten zwei Kategorien keine Profimannschaft mehr. Doch bei der Rekrutierung von Fahrern aus unteren Kategorien halten sich die Teams gewöhnlich an ihre Heimmärkte. Sprich: Den Schweizer Nachwuchsfahrern fehlt die Lobby.

Entsprechend motiviert sind die sieben Schweizer Fahrer, die an der Tour de Suisse im Nationalteam antreten können. Diese sieben haben hier neun Chancen, sich aufzudrängen. Warum es bei ihnen mit dem Profivertrag nicht geklappt hat, hat unterschiedliche Gründe. Doch es macht den Anschein, als wüssten mehrere Schweizer diese Chance zu nützen, wie drei Beispiele zeigen:

Pellauds Profivertrag

Bei Simon Pellaud ist das bereits geschehen: Der Walliser erhielt vor einer Woche einen Vertrag für 2020/21 bei Androni Giocattoli-Sidermec, einer italienischen Continental-Pro-Equipe. Es ging rasch: Eine Woche nach der ersten Kontaktaufnahme unterschrieb Pellaud. «Nicht für das Minimalgehalt. Und mit einer schönen Siegprämie», sagt er stolz. Pellaud hatte den Sprung ganz nach oben schon einmal geschafft, fuhr 2015/16 für IAM Cycling, absolvierte zweimal die Vuelta. Doch das Niveau war für den Neoprofi damals gar hoch, erst jetzt ist Pellaud dafür bereit.

Nun machte er sich als Mann für die Fluchtgruppen einen Namen. An der Tour de Romandie fuhr er fast täglich voraus, gewann das Bergpreis-Trikot. «Nun kann ich die Tour de Suisse ein wenig geniessen», sagt der 26-Jährige.

Lienhards Lockerheit

Zum Genuss entwickelt sich das Rennen auch für Fabian Lienhard. Gestern sprintete er auf Rang 10, sein zweites Top-10-Resultat in Folge nach Rang 8 in Murten. «Lieni», wie er im Radsportzirkus gerufen wird, ist schon mehrfach durch die Raster gefallen, obwohl ihm alle die Fähigkeiten zusprechen, die es für den Elitesport braucht: Als Nachwuchsfahrer wurde er Ende 2016 von seinem Team BMC lange hingehalten - und dann doch nicht verpflichtet. Das Team Hincapie, wo er einen Zweijahresvertrag hatte, stellte 2018 mitten in der Saison den Betrieb ein. Schliesslich kam Ende Jahr noch sein privates Schicksal hinzu: Sein Vater erkrankte schwer und verstarb im Januar. An Training war kaum zu denken. Und doch fährt der Zürcher Unterländer nun die beste Saison je, mit mehreren Siegen und den jüngsten Spitzenplätzen. «Ich bin ein bisschen lockerer, fahre nicht mehr auf Biegen und Brechen», sagt er. Nun kommen auch die ausländischen Teams auf ihn zu, sein Manager erzählt von Kontakten zu vier Equipen - auch aus der Worldtour.

Der Vertrag käme gerade noch rechtzeitig. Lienhard wird im September 26, er hat sich dieses Alter einmal als Limite gesetzt. Ansonsten würde er seine berufliche Zukunft anderswo suchen.

Thalmanns Tatendrang

Der Luzerner Roland Thalmann wird schon im August 26 und ist in einer ähnlichen Situation: Der bergfeste Allrounder griff auf seiner Heimetappe am Sonntag an, wurde aber bald wieder eingeholt. Besser lief es ihm im Frühling, die Tour of the Alps beendete er als Gesamtneunter. «Ich fahre noch in der dritten Liga», sagt er, der beim Österreicher Continental-Team Vorarlberg-Santic unter Vertrag steht. Er tingelt die fünfte Saison durch diese Szene, wo das Gros der Fahrer nahe am Existenzminimum lebt.

Thalmann sagt: «2016 war ich eine Saison Pro-Conti. Aber dann ging das Team ein. Und mit 22 wollte ich noch nicht aufhören. Warum ich immer noch fahre? Weil es leistungsmässig von Jahr zu Jahr aufwärtsging. Ich sehe: Ich komme dem Niveau, das es braucht, immer näher.»

Sein Agent hat ihm von mehreren Anfragen erzählt. Thalmann will die Interessenten nun mit weiteren Offensivaktionen von seinem Potenzial überzeugen: «An Rennen wie der Tour de Suisse kannst du Dinge zeigen, die in der Rangliste nicht ersichtlich sind.» Wie gross erachtet er die Chance auf den Profivertrag? «Ich würde gerne 100 Prozent sagen, aber ich schätze eher 70.»

Erstellt: 19.06.2019, 15:03 Uhr

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