Die Akrobatik der Belächelten

Sie nennen sich Rope Skipper, beherrschen das Springen mit Seil in Perfektion. Einblicke in die nationalen Titelkämpfe in Reinach BL.

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Ein älterer Herr spaziert an der Turnhalle vorbei, wundert sich ob des Rummels und erkundigt sich, was denn da drinnen los sei. «Die Schweizer Meisterschaft im Rope Skipping.» Der ältere Herr versteht nicht. Wir erklären: «Im Seilspringen.» Der Mann blickt verdutzt und fragt, ob das ein Aprilscherz sei. «Nein, ist es nicht.» Er lächelt und zieht weiter. Es ist eine Szene, die besser nicht verdeutlichen könnte, mit was sich Rope Skipper vor allem konfrontiert sehen: mit Vorurteilen.

Einer, der ihnen seit Jahren trotzt, ist Simon Pfiffner. Er ist neunfacher Landesmeister und repräsentierte die Schweiz schon an zwei Welt- und drei Europameisterschaften. Er ist der Botschafter dieser Sportart, das beste Beispiel dafür, dass das Springseil eben nicht nur zur Beschäftigung einer Primarschulklasse dienen kann. Auch ihm wurde einst nachgesagt, einen Mädchensport zu betreiben. «Wir sind die Belächelten», sagt Pfiffner. Mühe damit hatte er nie. Auch, weil die Reaktionen stets dieselben waren, wenn er sein Können darbot: «Wow.»

167 sind am Start

Mittlerweile springt Pfiffner nicht mehr an Wettkämpfen, seine Kreativität bringt er im Verband ein. Er will den Sport mit derselben Maxime weiter­bringen, mit der er einst zum Protagonisten dieser überschaubaren Zunft wurde: «Nichts ist unmöglich.» Nicht für möglich hielt indessen Angi Etterli, dass sich dereinst 167 Rope Skipper an einer Schweizer Meisterschaft messen würden.

Sie war es, die vor 19 Jahren als Geräteturnlehrerin an einem Weiter­bildungstag per Zufall zum Seilspringen fand. «Ich kaufte mir ein Buch, brachte mir Technik und Tricks bei und begann mit fünf Leuten in Baar.» Mittlerweile sind es in der ­Zentralschweiz bereits 150 Menschen, die regelmässig mit dem Seil springen. Etterli gilt längst als treibende Kraft ­dieser extremen Randsportart.

Nur einer Sache konnte auch Etterli bisher nicht entgegenwirken: dem Männermangel. Gerade einmal neun starten an diesem Samstag in Reinach. «Das ist nichts im Vergleich zu Belgien», erzählt Etterli. Dort geniesse Rope Skipping beinahe Ansehen wie der Fussball. 6000 Belgier springen auf internationalem Niveau. In der Schweiz sind es zwölf. Einer, dessen Performance in Reinach mit tosendem Beifall gewürdigt wird, ist Matthias Zedi. Er ist seit ­Pfiffners Rücktritt die Nummer 1. Sein Auftritt: eine Symbiose aus Kunstturnen, Breakdance und Seilspringen. Hier ein Handstand, dort ein paar ­Liegestütze und Saltos en masse – alles mit dem Seil, versteht sich.

Freestyle nennen die Rope Skipper diese Kate­gorie, es ist die spektakulärste. Das ­Einstudieren dauert, von der Idee bis zur Präsen­tation vergehen Monate. Dreimal pro Woche trainiert Zedi, der in Reinach ­wenig überraschend Meister wird. Der Aufwand ist immens, wenn man bedenkt, dass sich die Rope Skipper national nur dreimal im Jahr ­messen.

91 Sprünge in 30 Sekunden

Elf Kampfrichter beurteilen dann jeweils die Variation, Schwierigkeit, Präsentation und Fehler der Darbietungen. Neben der Gestaltungskraft wird von den Rope Skippern aber auch Geschwindigkeit abverlangt. In der Speed-Kategorie müssen innert 30 Sekunden so viele Sprünge wie möglich gemacht werden. Rahel Wettach stellt an diesem Samstag einen neuen Schweizer Rekord auf: 91 Sprünge.

«Je nach Kategorie verwendet man ein anderes Seil», erzählt Duja Flückiger. Sie hat oberhalb der Zuschauerränge einen kleinen Verkaufsstand aufgebaut und bietet dort Springseile an. Jeder Rope Skipper habe mindestens vier verschiedene. «Beim Freestyle darf das Seil nicht zu leicht sein. Auch die Länge des Griffs ist entscheidend, weil er als Armverlängerung dienen kann. Für die Speed-Kategorie eignet sich ein leichtes Stahlseil, die Griffe sollten kurz sein.» Die Tüftelei ist endlos.

Bestellungen aus Dänemark

Seit einem Jahr kann Duja Flückiger vom Verkauf von Springseilen leben. Sie wisse, dass das skurril töne. Aber der Markt habe halt Potenzial. Zwischen 12 und 30 Franken kostet ein Seil bei ihr. Die Margen sind überschaubar. Weil ihr Geschäft europaweit einzigartig ist, erreichen sie sogar Bestellungen aus ­Dänemark. Sie reflektiert ihre Worte und schiebt dann nach: «Schon speziell.» Treffender kann man die Szene der Seilspring-Enthusiasten nicht beschreiben.

Erstellt: 02.04.2017, 22:35 Uhr

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