Rassistische Vorurteile endgültig widerlegt

Den Superstar auf die Bank verdrängt und dabei eine Lücke geschlossen: Quarterback Geno Smith schreibt Geschichte.

Erstmals dirigierte er die Offensive der New York Giants: Geno Smith ersetzte den grossen Eli Manning als Quarterback.

Erstmals dirigierte er die Offensive der New York Giants: Geno Smith ersetzte den grossen Eli Manning als Quarterback. Bild: Marcio Jose Sanchez/Keystone

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Da stand er nun also tatsächlich auf dem Football-Feld – Geno Smith. Niemand hätte vor Saisonbeginn damit gerechnet, dass er in diesem zwölften Spiel die New York Giants bei den Oakland Raiders als Quarterback aufs Feld führen würde. Denn bei den Giants war die Playmaker-Position seit dem 21.November 2004 personalisiert, wie bei keinem anderen Club der National Football League. Sie gehörte Eli Manning. 13 Jahre lang. 210 Spiele nacheinander.

Doch nun sass Manning nur auf der Bank. Smith dirigierte bei der 17:24-Niederlage die Offensive – und schrieb damit NFL-Geschichte. Denn Eugene Cyril Smith III ist Afroamerikaner. Mit seiner Premiere schloss sich eine Lücke. Die Giants waren das 32. und letzte NFL-Team, das einen Schwarzen als Starting Quarterback aufbot.

Grosse Skepsis

Ob Russell Wilson, Cam Newton oder auch Dak Prescott – heute gehören dunkelhäutige Quarterbacks zu den grössten Entertainern im Showgeschäft NFL. Vor einem halben Jahrhundert hatte es noch keine Franchise gegeben, welche die wohl wichtigste Position im US-Profisport von Beginn an einem Afroamerikaner zugetraut hatte. Wie gross die Skepsis ihnen gegenüber war, zeigt die Geschichte von Marlin Briscoe. Er war am 6. Oktober 1968 der erste dunkelhäutige Starting Quarterback.

Obwohl Briscoe immer auf dieser Position gespielt hatte, verpflichteten ihn Denver 1968 als Cornerback. Briscoe hatte keinen Manager, handelte seine Verträge selbst aus - und einigte sich mit den Broncos auf ein dreitägiges Probetraining als Quarterback. «Alles, was ich wollte, war eine Chance, ihnen zu zeigen, was ich kann», sagt er.

Er war mit seinen 1,78m und 81kg eigentlich zu klein und zu leicht für einen Spielmacher. Aber es waren eben die 60er-Jahre, eine Zeit, in der Afroamerikaner ihre Meinung nicht mehr nur daheim äusserten, sondern auch öffentlich. So auch im Sport. So auch Briscoe. «Wären es noch die Fünfziger gewesen, hätte ich mich niemals getraut, Forderungen zu stellen», sagt er.

Viele Fragen provoziert

Zu Beginn des Trainingscamps wurde Briscoe noch als Cornerback geführt. Doch als sich die Nummer 1 der Quarterbacks schwer verletzte, bekam Briscoe die Chance als Playmaker. Und seine Beförderung provozierte Fragen. Fragen, die bis dato nie gestellt wurden, weil es sich nicht ergab. Weil die Starting Quarterbacks bis dahin immer weisse Spieler gewesen waren. «Würden die Fans Geld bezahlen, um einen dunkelhäutigen Quarterback zu sehen?»

Briscoe antwortete auf seine Weise. An seine 14 Touchdowns kam Jahre später selbst Clublegende John Elway nicht in seiner ersten Saison heran. «Als wir Marlin spielen sahen, hatten wir alle Hoffnung. Quarterback erschien plötzlich eine realistische Möglichkeit», erinnert sich James Harris. Er wurde später als erster schwarzer Starting Quarterback in die Pro Bowl gewählt. Auch wenn Briscoe 1969 die Broncos verliess und bei anderen NFL-Teams als Wide Receiver eingesetzt wurde, blickt er stolz auf seine Zeit als Verteiler zurück. «Es wurde viel erreicht, weil ich nicht versagt habe.»

Bis Ende der 70er-Jahre hatten neun Teams einen dunkelhäutigen Quarterback als Starter gehabt. Aber noch 2010 gab es fünf Mannschaften ohne afro-amerikanischen Spielmacher. 1988 war Doug Williams der erste schwarze Quarterback, der die Super Bowl gewann. Er hatte Washington gegen Denver zum 42:10-Sieg geführt. Ausgerechnet die Redskins, deren Eigner George Preston Marshall ein Rassist war. Da sich andere Clubbesitzer nicht mit dem mächtigen Marshall überwerfen wollten, hatten sie von 1934 bis 1946 darauf verzichtet, Afroamerikaner zu verpflichten. Erst als die Kennedy-Regierung Preston 1962 zwang, Dunkelhäutige zu integrieren, gab er widerwillig nach.

Schwarze spielen, Weisse jubeln

Derzeit sind 70 Prozent der NFL-Spieler Afroamerikaner. Im Vergleich zur NBA (75%) gilt die Liga trotzdem nicht als eine der Dunkelhäutigen. Denn Touchdowns und Tackels werden bejubelt von Fans, die zu 83 Prozent weiss sind. Und die Akteure spielen für Vereine, die bis auf Jacksonville und Green Bay ausschliesslich weissen Milliardären gehören. Eine Konstellation, die für Zündstoff sorgt, wie das Beispiel Colin Kaepernick zeigt.

Kaepernick heute arbeitslos

Der Quarterback der San Francisco 49ers hatte in der Vorsaison begonnen, bei der US-Nationalhymne vor dem Spiel niederzuknien – aus Protest gegen die ungleiche Behandlung von Afroamerikanern. Sein Vertrag in San Francisco wurde nicht verlängert. Seit dieser Saison ist er arbeitslos. Mit seiner Aktion hatte Kaepernick sogar den Zorn von Donald Trump auf sich gezogen. Der US-Präsident hatte ihn indirekt als «Hurensohn» bezeichnet.

Briscoe erinnert sich noch gut, wie skeptisch die Leute ihm gegenüber waren. Vor allem wollten sie immer wieder wissen, ob er, der Afroamerikaner, «schlau genug» sei, um Quarterback zu spielen. «Heute», sagt er erleichtert, gehe es nicht mehr «um einen dunkelhäutigen Quarterback, sondern nur noch um einen Quarterback.» Die Spielmacher, so Briscoe, würden nach ihren Leistungen beurteilt werden. «Das ist eine Errungenschaft. Ich bin froh, dass ich das noch erleben kann.»

Erstellt: 05.12.2017, 10:31 Uhr

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