Raus aus dem Schlamassel

Die Spitze des Biathlon-Weltverbands soll jahrelang russische Doper gedeckt haben und korrupt gewesen sein. Eine neue Führung versucht nun, die Krise zu überwinden.

Von russischem Doping schwer belastet: Das Biathlon und seine Athleten. Foto: Getty Images

Von russischem Doping schwer belastet: Das Biathlon und seine Athleten. Foto: Getty Images

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Die Rede zum Aufbruch muss warten. Olle Dahlin hat ein gebrochenes Bein. Der neue Präsident der Internationalen Biathlon-Union (IBU) fehlt darum zum Start der Weltcupsaison. Sie beginnt am Wochenende in Slowenien. Gern hätte der 64-jährige Schwede da berichtet, was er und sein Team seit der Amtsübernahme im September schon alles erreicht haben.

Schliesslich gibt es in der IBU ordentlich zu tun, seit Dahlins Vorgänger, der Norweger Anders Besseberg, wegen Korruptionsverdacht im April zurücktrat – und die deutsche Generalsekretärin gleich mit. Sie sollen gedopten Russen systematisch geholfen haben, dass diese trotz Chemie im Blut Wettkämpfe bestreiten konnten. Besseberg soll dafür von den Russen Hunderttausende Dollar bezogen und Prostituierte zugehalten bekommen haben.

Diese Erkenntnisse gehen auf Recherchen der Welt-Anti-Doping-Agentur und von Polizei­behörden in Österreich (dem Sitz der IBU), Deutschland und Norwegen vom April 2017 zurück. Die Ermittlungen laufen noch.

Der Feierabendfunktionär

Durchgesickert ist auch: 65 russische Dopingfälle soll die IBU seit 2011 gedeckt haben. Noch in der vorletzten Saison seien 17 von 21 Russen im Weltcup und der Stufe darunter gedopt gewesen. Der Neue will das Schlamassel nun beheben. Wobei: Ganz so neu ist Olle Dahlin in der ­Biathlonszene nicht. Er agierte unter dem mutmasslich korrupten Besseberg als Vize. Dahlin sagt, nie irgendetwas von dessen Machenschaften mitbekommen zu haben. Er ist darum glaubwürdig, weil er eine klassische Nummer 2 war: Dahlin arbeitete bis 2017 als Manager in der Papierindustrie, präsidiert den schwedischen Biathlon-Verband und sitzt im Olympischen Komitee von Schweden.

Der neue und der alte Präsident: Olle Dahlin, Anders Besseberg.

Im Gegensatz zu Besseberg war er ein Feierabendfunktio­när. Dass sich Dahlin im September in der Wahl zum neuen starken IBU-Mann überhaupt durchsetzte, lag auch an seiner Widersacherin, der Lettin Baiba Broka. Die Rechtsaussenpolitikerin gilt als Russenversteherin und schien angesichts der Russenprobleme eigentlich nicht wählbar. Trotzdem erhielt sie ein Viertel der Stimmen.

Zuckerbrot und Peitsche

Bei so viel Sympathie mit dem Betrügerverband erstaunt wenig, dass die Russen am Delegiertenkongress bloss relativ knapp mit ihrem Ansinnen scheiterten, wieder als vollwertiges Mitglied aufgenommen zu werden.

Der Grund für die Relegation: Sie hatten in den letzten Jahren derart viele gedopte Biathleten produziert und flächendeckendes Betrügen im Gesamtsport nachgewiesen bekommen, dass noch die Besseberg-Crew den russischen Verband im Dezember 2017 zu einem provisorischen Mitglied herabstufte – und ihn somit von Wahlen ausschloss. Ein wenig Tadel für das Betrügen musste also damals schon sein.

Ganz so neu ist der Neue nicht: Olle Dahlin war zuvor Vizepräsident der Biathlon-Union.

Zwar strafte man folglich den Verband ab, die russischen Athleten aber konnten und können munter weiter Wettkämpfe bestreiten und gutes Geld der IBU verdienen. Dieser seltsame Umgang mit dem gewichtigen Betrüger – Russland zählt zu den führenden Biathlon-Nationen – geht unter Dahlin weiter.

Der neue und der alte Präsident: Olle Dahlin, Anders Besseberg.

Wie erklärt sich diese widersprüchliche Haltung? Immerhin behauptet Dahlin, das Vertrauen von Athleten, Fans und Sponsoren zurückgewinnen zu wollen. Ausgerechnet über die Gretchenfrage aber hat er nie gesprochen. Trotzdem sollte man ihm nicht gleich ein «Buebetrickli» unterstellen – und dass er sich mit den Russen gemein macht.

Mit grosser Wahrscheinlichkeit reichen die vorhandenen Informationen nicht aus, um die verdächtigen russischen Biathleten allesamt überführen zu können – ohne vor dem Internationalen Sportgerichtshof durchzufallen. Denn dass die Russen jeden Fall umgehend an die höchste Instanz ziehen, ist ihre gewohnte Strategie und ihr gutes Recht. Dennoch hätte die neue Biathlon-Spitze sehr viel härter gegen die Russen vorgehen können. Das weiss Dahlin, der aus diesem Grund nach ­Monaco reiste.

Olympiagelder rasch wieder zugesprochen

Am Hauptsitz des Leichtathletik-Weltverbands IAAF traf er Präsident Sebastian Coe. Die IAAF, selbst von Korruption und Dopingfällen russischer Art beschädigt, suspendierte den russischen Verband und dessen Athleten 2015. Seither muss jeder Russe der IAAF überzeugend darlegen können, warum er als Neutraler zu Wettkämpfen zugelassen werden soll.

Die Biathleten haben diesen konsequenten Schritt gescheut. Geholfen hat ihnen dabei, dass sich der öffentliche Druck doch sehr in Grenzen hielt. Die Hauptsponsoren der IBU waren bloss besorgt, die Athleten murrten nur vereinzelt – und selbst das IOK sprach ihnen die kurzzeitig zurückgezogenen Olympiagelder nach einem Treffen im Herbst zwischen IOK-Präsident Bach und Dahlin rasch wieder zu. Die Hüter der Ringe fanden: Die Biathlon-Spitze habe den Umbruch wahrlich eingeleitet.

Die gewichtige Kommission

Das IOK ging also zum Alltag über, noch bevor die Biathleten substanzielle Resultate vorweisen konnten. Dass sie sich bewegten, ist unbestritten. Ihre ­gewichtigste Handlung: Sie ­setzten diesen November eine Kommission ein, welche die Vergangenheit der IBU aufarbeiten soll. Mit dem britischen Anwalt Jonathan Taylor wird dieses Team von einem Schwergewicht angeführt.

Zugleich fordert die IBU vom russischen Verband alle gesammelten Dopingtestdaten der vergangenen Jahre. Sie sind das Schlüsseldokument, um den Russen ihr systematisches Dopen noch exakter nachweisen zu können. Sollten die Russen zustimmen, was sie bislang nicht taten, wird Dahlin tatsächlich zum Aufräumer werden können – oder müssen. Auch die Welt-Anti-Doping-Agentur bemüht sich um das Schlüsseldokument. Sie würde es noch so gern mit Olle Dahlin teilen.

Erstellt: 30.11.2018, 23:11 Uhr

Das Novum der Schweizer Biathleten

Trainerinnen sind im Spitzensport rar. Die Schweizer Biathleten haben seit diesem Jahr eine solche Ausnahmefrau: Sandra Flunger. Die 36-Jährige führt das Frauenteam, davor arbeitete die Österreicherin bei ihrem Heimatverband – und in einer Privatequipe um den vierfachen WM-Medaillengewinner Simon Eder. Für Flunger geht es nun auch darum, Selina Gasparin an die Spitze zurückzuführen.

Am 14. Oktober brachte die 34-jährige Bündnerin ihre zweite Tochter zur Welt. Läuft alles perfekt, gedenkt die Olympiazweite von 2014 bereits Ende Januar wieder Weltcuprennen zu bestreiten.

Die Schweizer starten morgen in Slowenien mit einem Mixed-Rennen in die neue Saison. (cb)

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