Rekordjagd mit Guru

Tom Brady ist die Ausnahmefigur im American Football. 16 Jahre nach dem 1. Superbowl-Triumph steht er am Sonntag zum 8. Mal im Final.

Der Arm, der nie müde zu werden scheint und das Spiel der Patriots dirigiert: Tom Brady wirft übermorgen für seine sechste Superbowl. Foto: Adam Glanzman (Getty)

Der Arm, der nie müde zu werden scheint und das Spiel der Patriots dirigiert: Tom Brady wirft übermorgen für seine sechste Superbowl. Foto: Adam Glanzman (Getty)

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Der 30. September 2001 ist ein schöner Herbsttag im Grossraum Boston. Das Thermometer zeigt 15 Grad Celsius, es weht ein leichter Wind. Im Foxboro Stadium, knapp 40 Kilometer südwestlich, spielen die New England Patriots gegen die Indianapolis Colts. Der Quarterback der Colts heisst Peyton Manning. Er ist in seiner vierten NFL-Saison, hat bereits im Premierenjahr einige Rekorde für einen Neuling auf seiner Position aufgestellt und gilt als kommender Star.

Aufseiten der Patriots gibt es eine ­Premiere. 60'292 Zuschauer sehen, wie ­Thomas Edward Patrick Brady Jr. erstmals New England als Starting Quarterback auf den Rasen führt. Der 24-Jährige ist der Ersatzmann von Drew Bledsoe – die Nummer 1 hatte am Spieltag zuvor innere Blutungen erlitten. Brady hat mit seinen 1,93 Meter zwar die Grösse für einen Quarterback, allerdings zu wenig Muskeln. Der Kalifornier wirkt schlaksig, lässt jegliche Athletik vermissen. Doch er spielt solide. New England siegt 44:13.

Etwas mehr als 17 Jahre und 288 Spiele später ist Tom Brady immer noch der Playmaker der Patriots. In einer Liga, in der die Karriere auf seiner Position im Schnitt drei Jahre und einen Monat dauert, hat Brady nur 19 Partien verpasst. Aus dem Backup ist der erfolgreichste Spielmacher der NFL-Geschichte geworden. Und eine globale Marke.

Keiner kommt an ihm vorbei

Brady hat fünfmal die Superbowl gewonnen, ist viermal zum «wertvollsten Spieler» (MVP) des Finals gewählt worden und steht in Minneapolis gegen die ­Philadelphia Eagles zum achten Mal im Endspiel. Und er hat trotz dieser Rekorde noch nicht genug. Brady gilt bei den Patriots mit 40 Jahren nicht nur als Quarterback der Gegenwart, sondern auch der Zukunft. Das wurde deutlich, als New England Jimmy Garoppolo im Oktober den San Francisco 49ers abgab.

Garoppolo galt als prädestinierter Brady-Nachfolger. Er wurde seit 2014 behutsam aufgebaut, durfte an der Seite des Quarterback-Königs lernen und reifen. Doch er ist auch als zehnter Spielmacher in der Brady-Ära nicht über den Zusatz «Ersatzmann» hinausgekommen. Es gibt Gerüchte, nach denen Brady ­Garoppolo als echte Gefahr empfunden und sich deshalb bei Vereinsbesitzer ­Robert Kraft für dessen Wechsel stark gemacht haben soll – sehr zum Missfallen von Trainer Bill Belichick. Andererseits arbeitet Brady immer noch absolut zuverlässig. Niemand hat in dieser Saison mit seinen Pässen mehr Raum­gewinn erzielt. Seine 32 Touchdowns sind ligaweit die zweitmeisten. Mit ihrem Spielmacher haben die Patriots immer Titelchancen – und gelten seinetwegen als Favorit im Super Bowl LII.

Verpflichtet als Nummer 199

Als Brady beim NFL-Draft im April 2000 unter allen Talenten erst an 199. Stelle von den Patriots verpflichtet wurde, hiess der US-Präsident noch Bill Clinton. Der namenlose Neue war im Club­ranking der Quarterbacks die Nummer vier. Doch nicht einmal zwei Jahre später, am 3. Februar 2002, führte dieser Brady die Patriots gegen die St. Louis Rams zum ersten Superbowl-Sieg. Ein gewisser Nick Foles war damals 13 Jahre alt und ging in seiner Heimatstadt ­Austin, Texas, in die siebte Klasse. Am Sonntag stehen sich die beiden gegenüber. Foles als Eagles-Spielmacher, mit 29 Jahren in der biologischen Blütezeit – und Brady als ältester Starting Quarterback der Superbowl-Geschichte.

Die Medien berichten längst nicht mehr nur über seine Erfolge, sondern stellen die Frage, wie jemand mit 40 Jahren in der Knochenmühle NFL noch so gut sein kann. Die Antwort führt zu Alex Guerrero. Einem Mann, der als eine Art Guru gilt, chinesische Medizin studiert hat und Befürworter alternativer Behandlungsmethoden ist.

Alex sei «ein Freund und ein riesiger Grund, warum ich noch spiele», betont Brady. Sie kennen sich seit 2004. Damals kam Brady mit einem geschwollenen Ellenbogen zu Guerrero. Anstatt die verletzte Stelle zu behandeln, fokussierte Guerrero auf die angespannte Unterarmmuskulatur, massierte das ­Gewebe und nahm so den Druck vom ­Ellenbogen. Schneller als erwartet, war Brady schmerzfrei.

Er trainiert nicht mit Hanteln,
sondern mit Gummibändern.

Seitdem ist er von Guerreros Philo­sophie überzeugt und mittlerweile sein Businesspartner. TB12 heisst die Marke – in Anlehnung an Brady’s Initialen und seine Trikotnummer. Direkt neben dem Patriots-Stadion steht das TB12 Sports Therapy Center, der Arbeitsplatz von Guerrero. «TB12-Method», ist der Titel ihres Buchs. Es zielt auf einen «ganz­heitlichen Lebensstil» ab. Und obwohl sich das Konzept nicht nur an Profi­sportler wendet, ist Brady das Paradebeispiel dafür.

Er betrachtet Fitness nicht als Ergebnis von ausschliesslich hartem Training im Kraftraum, sondern sieht Ernährung und ausreichend Schlaf als ebenso essenziell an. Im Gegensatz zu vielen NFL-Profis hat Brady keinen überproportional ausgeprägten Bizeps und auch keinen Stiernacken. Er braucht das nicht, um erfolgreich arbeiten zu können. «Uns wurde immer gesagt, Muskeln müssen kurz und hart sein. Ich bevorzuge lange, elastische Muskeln», sagt Brady. Er ist überzeugt, durch eben solche Faszien widerstandsfähiger zu sein – und so Verletzungen vorzubeugen. Ihm sind Agilität und Flexibilität wichtiger als ein schneller Antritt.

Es ist hilfreich, dass er mit Gisele Bündchen ein Supermodel zur Frau hat, die von Berufs wegen genau darauf achten muss, was sie zu sich nimmt. Foto: Larry W. Smith (Keystone)

Brady trainiert nicht mit Hanteln, sondern mit Gummibändern. Er achtet penibel auf seine Ernährung, meidet Schattengewächse wie Tomaten oder Bananen, trinkt keinen Kaffee und selbstverständlich keinen Alkohol – und schwört auf Avocado-Eis. Und er geht jeden Abend um 20.30 Uhr ins Bett. Es ist sicher hilfreich, dass er mit Gisele Bündchen ein Supermodel zur Frau hat, die von Berufs wegen genau darauf achten muss, was sie zu sich nimmt. Andere mögen Bradys Berufseinstellung belächeln, doch sein Werdegang gibt ihm recht. Bis auf einen Kreuzbandriss blieb er von schweren Verletzungen verschont.

Gärt langsam ein Zwist?

So sehr sie bei den Patriots Bradys Leistungen schätzen, so sehr ist Guerrero mittlerweile umstritten. ESPN schrieb Anfang Januar von «Spannungen zwischen Brady und Belichick», an denen die Patriots-Dynastie «zerbrechen» könnte. Ein Auslöser dafür sei ­Guerrero. Autor Seth Wickersham hatte «mehr als ein Dutzend Interviews mit Spielern, Mitarbeitern und Führungskräften des Vereins» geführt, die alle «Kenntnis vom Innenleben des Teams» hätten. Er sah bereits einen «Anfang vom Ende für Kraft, Brady und Belichick» – setzte aber vorsichtshalber ein Fragezeichen dahinter.

Die drei Erwähnten waren eifrigst bemüht, die Aussagen zu entkräften. Allerdings sind für Guerrero auf Anordnung von Belichick seit geraumer Zeit Seitenlinie, Teamflieger und Umkleidekabine tabu. Ihm ist es zudem untersagt, wie bislang, andere Patriots-Profis zu behandeln. Sein einziger Klient: Tom Brady.

Trotz der Sanktionen ist vom vermeintlichen Zwist zwischen Quarterback und Coach im Playoff nichts zu spüren gewesen. Brady und Belichick gaben sich so wie immer, wenn es um Football geht: all Business. Und das werden sie auch am Sonntag tun – wenn sie zum achten Mal seit 2002 auf Amerikas schillerndster Bühne stehen. Es gibt Leute, die sagen, es könnte der letzte gemeinsame Auftritt sein. Anderseits hat Brady angekündigt, «noch bis Mitte 40» spielen zu wollen. Angesichts seiner Leistungen und Fitness sollte die Frage erlaubt sein: Warum eigentlich nicht?

Erstellt: 01.02.2018, 21:22 Uhr

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