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Selbst bei Federer wird gespart

Ausgerechnet im Supersportjahr 2020 ist das Schweizer Fernsehen unter finanziellem Druck. Betroffen sind alle Sportarten – auch die grössten Quotenhits.

Seit 1995 ein Team, haben Heinz Günthardt (links) und Stefan Bürer gegen 100 Grand-Slam-Turniere zusammen erlebt und 10 000 Stunden zusammen kommentiert. In diesem Jahr kommt es zur Zäsur. Foto: Kurt Schorrer/foto-net
Seit 1995 ein Team, haben Heinz Günthardt (links) und Stefan Bürer gegen 100 Grand-Slam-Turniere zusammen erlebt und 10 000 Stunden zusammen kommentiert. In diesem Jahr kommt es zur Zäsur. Foto: Kurt Schorrer/foto-net

Hochsommer statt kalter Nacht. 40 Grad in Melbourne statt eines dunklen Kämmerleins in Zürich. Als sich Roger Federer auf dem langen Weg in den Halbfinal des Australian Open in Melbourne im Januar teilweise mirakulös befreit, sitzen Heinz Günthardt und Stefan Bürer in ihrer Kabine in der Rod-Laver-Arena und rapportieren als SRF-Kommentatoren in die Heimat.

So wie sie das seit 1995 meist tun, wenn eines der vier Majors ansteht. Gegen 100 Grand-Slam-Turniere haben sie zusammen erlebt, über 10'000 Tennisstunden live aus aller Welt berichtet. Der 60-jährige Günthardt und der vier Jahre jüngere Bürer haben sich über die Jahre einen hervorragenden Ruf verschafft. Konsequenterweise wurden die beiden 2018 auch gemeinsam als «Sportjournalisten des Jahres» ausgezeichnet.

Wäre es nach den Verantwortlichen des Schweizer Fernsehens gegangen, wäre das Australian Open 2020 eine Zäsur gewesen. Hätte das Duo nicht mehr aus Melbourne kommentiert, sondern aus einem Studio im fernen und dunklen ­Zürich. Grund: Spardruck.

Den Sparkurs mittragen muss auch die Sportabteilung – und das sorgt am Leutschenbach für Unruhe.

Nur noch eine «Tatort»-Folge – und 1 Million vom Sport

Unmittelbar nach der gewonnenen No-Billag-Initiative im März vor zwei Jahren hatte SRF-Direktor Ruedi Matter das Sparpotenzial unternehmensweit auf 100 Millionen Franken beziffert. Damit nicht genug: Wegen weggebrochener Werbeeinnahmen muss SRF 2020 kurzfristig weitere 16 Million sparen. Das trifft zum Beispiel den «Tatort»: 2020 wird SRF nur eine statt wie bisher zwei Folgen der Krimiserie produzieren.

Den Sparkurs mittragen muss auch die Sportabteilung – und das sorgt am Leutschenbach für Unruhe. Die Ausgaben werden um rund eine Million reduziert. In diesem Jahr besonders pikant: Mit Olympia in Tokio, der Fussball-EM und den Heim-WM im Eishockey und im Rad stehen Grossanlässe an, die bei SRF besonders viele Ressourcen absorbieren. Hinzu kommt die Berichterstattung über Eishockey und Fussball und weitere jährliche Events wie die Tour de Suisse. Und hinzu kommt Evergreen Federer.

Keiner weiss, wie lange der grösste Schweizer Tennisspieler noch weitermacht. Ist nach diesem Jahr Schluss? Dann wäre das US Open sein letzter Grand Slam. Doch ausgerechnet dort greifen nun die SRF-Sparmassnahmen. Während das Vorhaben, von Zürich aus zu kommentieren, für das Australian Open nicht umgesetzt wurde, weil gebuchte Leistungen nicht annulliert werden konnten, ist der Entscheid hinsichtlich New York gefallen: Bürer und Günthardt wurde die Reise gestrichen.

Und: Wie die SonntagsZeitung erfuhr, betrifft der Abbau der Federer-Berichterstattung nicht nur die Turniere von Melbourne und New York. Auch für die neun Masters-Anlässe (wie Indian Wells, Miami, Madrid oder Rom) und weitere kleinere Turniere wird Günthardt nicht mehr aufgeboten. Selbst bei Olympia, wo Federer zu den Medaillenkandidaten zählt, wird Günthardt fehlen. Dabei ist der Zürcher noch in Paris und Wimbledon, beim ATP-Final sowie an den Swiss Indoors in Basel. Dies entspricht einem Rückgang des Pensums von über 40 Prozent.

Muss reduzieren: Heinz Günthardt, hier in Basel mit Federer. (Bild: Freshfocus)
Muss reduzieren: Heinz Günthardt, hier in Basel mit Federer. (Bild: Freshfocus)

Altgediente Mitarbeiter fürchten um ihre Pfründe

Dass die Berichterstattung über Steckenpferd Federer zurückgefahren wird, sorgt nicht nur bei Tennisfans für Irritationen, sondern auch SRF-intern. Immerhin ist der Jahrhundertsportler seit Jahren ein verlässlicher Lieferant von Quoten und Werbegeldern. Zudem hat der Entscheid Signalwirkung: Wenn jetzt schon bei Federer gespart wird, ist nichts mehr sicher. Altgediente Mitarbeitende fürchten um ihre Pfründe. Bei manchen liegen die Nerven blank.

Roland Mägerle, Leiter SRF-Sport, redet die Sparmassnahmen aber schön: «Wenn man so oft vor Ort ist wie sie, mag es das problemlos leiden, wenn sie einmal aus dem Studio kommentieren. Der Zuschauer merkt nichts», behauptet er betreffend Günthardt/Bürer im Interview:

«Wir versuchen, inhaltlich keine Abstriche machen zu müssen»

Roland Mägerle, Leiter SRF Sport, rechtfertigt die Sparmassnahmen. (Bild: SRF)

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Doch auch in anderen Sportarten baut SRF den Service laufend ab. In der Formel 1 ist SRF noch bei der Hälfte aller Rennen vor Ort, nochmals weniger sind es in der Motorrad-WM. Während Ski alpin zum grössten Teil abgedeckt wird, werden beim Ski nordisch oder Biathlon oder dem Radsport die Auslagen tiefer gehalten – und die TV-Crew in den Studios.

Generell gilt, dass bei Anlässen in der Schweiz vor Ort kommentiert wird, allerdings war die Kunstturn-SM 2019 in Romont der Versuch, einen Nischen-Event von Zürich aus zu steuern (im Fachjargon «Remote-Produktion» genannt). Dabei sitzen Kommentator oder Kommentatorin, Experten und Regisseure im Studio, vor Ort anwesend sind nur ein Produzent und Kameraleute. Das Signal wird per Mobilfunk übermittelt, SRF kann sich Übertragungswagen und Satelliten sparen.

Nie zuvor hat SRF so viel Livesport gezeigt wie 2020

Der Versuch war ein Erfolg für SRF – und den Schweizerischen Turnverband, der dank der günstigen Produktion erstmals zu einer Liveübertragung der Landesmeisterschaften kam. Solche Remote-Produktionen werden laut Mägerle künftig vermehrt eingesetzt.

Das Paradoxe: Auch wenn SRF spart, ist das Angebot an Livesport so gross wie nie. Dank der Attraktivität für die Werbepartner ist er für das Unternehmen gar überlebenswichtig. Wurden auf den SRF-Sendern vor sechs Jahren 967 Stunden ­Livesport übertragen, waren es 2019 bereits 1418 – ein Plus von 47 Prozent. Und der Trend geht weiter. Mägerle: «2020 wird zum Jahr, an dem wir am meisten Sport überhaupt zeigen.» Gefragt sind da kosteneffiziente Wege, zu übertragen. Denn der Sparkurs trifft die grössten Events – Fussball-EM und Olympia, Eishockey-WM und Lauberhorn, Tour de Suisse und Tour de France. Nur soll das der Zuschauer nicht spüren.

Die Lauberhorn-Abfahrt ist ein Quotenrenner – gespart wird trotzdem. (Bild: Samuel Schalch)
Die Lauberhorn-Abfahrt ist ein Quotenrenner – gespart wird trotzdem. (Bild: Samuel Schalch)

Dass bei der Sportberichterstattung des Schweizer Fernsehens Sparpotenzial vorhanden ist, überrascht nicht, wer die TV-Leute auf Reportagen erlebt. Selbst bei den Mitarbeitenden ist dies unbestritten. Weil oft auch Westschweizer und Tessiner Kollegen vor Ort sind, übertrifft die Delegation der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) schon mal die aller anderen Sendeanstalten.

Im Tennisstadion bei Olympia 2016 in Rio waren sechs Kommentatorenpositionen durch Schweizer besetzt – und erreichte Federer an grossen Turnieren den Final, flog schon mal eine separate Crew ein. An der Fussball-WM 2014 in Brasilien reisten 70 Angestellte im Charterflieger von Reisepartner Travelclub mit. Selbst an einem kleineren Anlass wie der U-21-EM 2011 in Dänemark füllte die SRG-Delegation einen eigenen Car.

Die kleinste Delegation an einer Fussball-EM seit Jahren

2020 nun bricht die SRG mit der Schöpfkelle. So klein wie dieses Jahr war die Delegation bei einem Fussballturnier mit Schweizer Beteiligung seit Jahren nicht, zudem bleibt die Regie in Zürich. Wie schon bei gewissen Länderspielen. Vor wenigen Jahren undenkbar.

Teurer Spass: Rainer Salzgeber und Benjamin Huggel mit Nationalspieler Ricardo Rodriguez. (Bild: Keystone)
Teurer Spass: Rainer Salzgeber und Benjamin Huggel mit Nationalspieler Ricardo Rodriguez. (Bild: Keystone)

Aber ein Expertenteam vor Ort kostet nun einmal Geld: beim Fussball-Nationalteam je nach Ort bis 100'000 Franken – mit Personal und Logistik. Für einen Kommentatorenplatz beim US Open sind rund 40'000 Dollar fällig. Kommt dazu: Die TV-Rechte für die Gross­events werden ständig teurer. Und die Konkurrenz beim Kampf um diese Rechte immer grösser. Nicht ausgeschlossen, dass die SRG bald namhafte Übertragungsrechte verliert. Ob sie 2021 nur schon die Super League wird halten können? Ungewiss. Formel 1? Unklar. Und wie würde beim Verlust dieses Pakets die Autoindustrie reagieren?

Das Pech des degradierten Tennis-Experten Heinz Günthardt mit seinen satten Tagesansätzen war, dass er länger auf Sendung ist als alle anderen Fachleute – vom Australian Open berichtete er 70 Stunden. Und: Weil Günthardt in Südfrankreich wohnt, fallen künftig bei ihm auch Spesen an, wenn er aus Zürich kommentiert.

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Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOS – App für Android – Web-App
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Eisbrecher – der Hockey-Podcast von Tamedia

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