Das ist die härteste Frau der Welt

Daniela Ryf ist «hungrig, giggerig»: Am Samstag will sie den fünften Ironman in Folge gewinnen – das gelang noch keiner.

Trotz Quallenbissen: Daniela Ryf holte am Ironman 2018 auf Hawaii den Sieg. Foto: Getty

Trotz Quallenbissen: Daniela Ryf holte am Ironman 2018 auf Hawaii den Sieg. Foto: Getty

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Wonach strebt eine Athletin, die keine echte Konkurrenz mehr kennt? Denn danach schaut es aus, wenn man Daniela Ryfs ­Resultate betrachtet:

September 2019: Sieg in Nizza
August 2019: Sieg in Lech
Juli 2019: Sieg in Alpe d’Huez
Juli 2019: Sieg in Klagenfurt
Juni 2019: Sieg in Rapperswil-Jona
April 2019: Sieg in Texas
April 2019: Sieg in Kalifornien
Oktober 2018: Sieg auf Hawaii
September 2018: Sieg in Südafrika
August 2018: Sieg in Polen
Juli 2018: Sieg in Zürich
Juli 2018: Sieg in Frankfurt
November 2017: Rang 3 in Bahrain

Knapp zwei Jahre ist es her, dass die Solothurnerin letztmals bei einem Wettkampf nicht diejenige war, die auf der Ziellinie mit beiden Händen das Siegerband in die Höhe reissen konnte. Eine geradezu surreal anmutende Serie.

Dabei ist es nicht so, dass bei Ryf stets alles perfekt liefe, bei weitem nicht. Mal ist es eine Verletzung, die sie daran hindert, in Bestform anzutreten. Mal hat sie kurz vor dem Wettkampf so hart trainiert, dass sie sich fragt, ob ein Start überhaupt Sinn macht. Mal hat sie auch nur einen schlechten Renntag. Mal sind es Quallen, die sie direkt vor dem Start stechen und Ryf ob den zugefügten Schmerzen ihr eigenes Tun hinterfragen lassen.

Lohn für die Mühen: Daniela Ryf wurde 2018 zur Sportlerin des Jahres gewählt. Foto: Keystone

Doch jedes Mal – und das ist neben ihrem ausserordentlichen physischen Talent wohl ihre ­bemerkenswerteste Fähigkeit – findet die 32-Jährige einen Weg aus der eigenen Krise.

Wie eben vor einem Jahr, als sie direkt vor dem Start zum WM-Rennen auf Hawaii das schmerzhafte Rencontre mit dem Nesseltier hatte. Ryf taten darauf die Arme so weh, dass sich diese auf den 3,8 Schwimmkilometern im Meer zeitweise taub anfühlten, dass sie sich überlegte, ob sie es überhaupt zurück ans Land schaffen würde. Sie schaffte es. Als sie aus dem Wasser stieg, sassen ihre Konkurrentinnen bereits seit zehn Minuten auf dem Rad. Ryf nahm die Verfolgung auf und sagte sich, der Schmerz der Quallenstiche wandle sie nun in eine Extraportion Wut und damit Energie um. Rund drei Stunden später überholte sie die letzte Gegnerin. Langsamer wurde sie deswegen nicht, im Gegenteil. An einem Tag, der mit milden Temperaturen und idealen Winden zur Offensive einlud, pulverisierte sie alle Bestzeiten und gewann ihren vierten WM-Titel in Rekordzeit.

Vor einer einmaligen Serie

Am Samstag ist für sie Sieg Nummer 5 in Folge möglich. Das gelang weder Rekordsiegerin Paula Newby-Fraser (8 Siege), noch der bislang erfolgreichsten Schweizerin Natascha Badmann (6). Zu sehr will sich Ryf nicht damit beschäftigen. «Mein Fokus liegt auf der Leistung. Ich will abliefern, darauf bin ich hungrig, giggerig», sagt sie.

Gezwungenermassen stellt sich die Frage, was eine Athletin wie Ryf Tag für Tag antreibt, wenngleich sie seit zwei Jahren in Wettkämpfen ungeschlagen ist, fast schon konkurrenzlos in ihrer Dominanz.

«Das ist wirklich, wirklich hart», sagt Trainer Brett Sutton: Daniela Ryf liegt nach dem WM-Triathlon 2012 in Australien am Boden. Foto: Keystone

Und trotzdem ist auch durchs Telefon zu hören, wie ihr Trainer Brett Sutton leicht genervt reagiert auf die Frage, ob denn überhaupt irgendetwas Ryf von diesem fünften Sieg in Serie abhalten könne. «Ein Ironman ist verheerend für den Körper. Einen solchen Wettkampf zu gewinnen, ist eine unglaubliche Leistung. Aber seit fünf Jahren diesen Sport zu bestimmen – das ist dieselbe physische Leistung wie 15 Jahre Dominanz in einem anderen Sport», sagt der Australier. «Wir trainieren fünf Stunden pro Tag, sieben Tage die Woche. Das ist wirklich, wirklich hart.»

Niemand kann alles perfekt machen

Sutton und Ryf haben eine elegante Lösung für das Luxusproblem gefunden, dass sie keine echten Gegnerinnen hat. Ryf strebt stattdessen nach dem grösstmöglichen Ziel: dem perfekten Rennen. So findet sie am letztjährigen Rekordrennen auf Hawaii auch abgesehen vom verpatzten Schwimmen noch Mäkel, sagt etwa: «Ich glaube, ich habe eine noch stärkere Veloleistung in mir.» Zur Einordnung: Sie verbesserte damals den Radstreckenrekord um 18 Minuten.

Neuer Radstreckenrekord: Auf Hawaiis Big Island unterbot Daniela Ryf die Bestzeit um 18 Minuten. Foto: Jesper Gronnemark (Red Bull)

Für diesen Perfektionsansatz eignet sich der Langdistanzwettkampf mit seinen 3,8 Kilometern Schwimmen, 180 Kilometern Rad und 42 Kilometern Laufen trefflich. Denn während achteinhalb Stunden physischer Hochleistung kann niemand alles perfekt machen. Und findet entsprechend Ansporn fürs Training.

«Gut – und jetzt noch besser»

Diese letzten wichtigen Einheiten vor der Ironman-WM absolvierte Ryf wie in den vergangenen Jahren auf Maui, der Nebeninsel von Big Island. Sutton gibt sich über die dreieinhalb Trainingswochen hochzufrieden. «Bei ihrem Sieg an der Halbironman-WM in Nizza vor fünf ­Wochen war sie gut in Form. Seither ist sie nur noch besser geworden», sagt er.

Das hört sich an wie eine Drohung an die Konkurrenz, auch wenn weder Ryf noch Sutton eine solche aussenden wollen. Es interessiert die beiden schlicht nicht, wer da sonst noch alles antritt. Die äusserste Aussage, zu der sich Ryf bewegen lässt, lautet: «Ich hoffe, die anderen sind gut – und ich schlage sie dennoch.»

Auf dass die Serien weitergehen: Sieg Nummer 5 in Kona, ungeschlagen seit Juli 2018.

Erstellt: 10.10.2019, 12:14 Uhr

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