Sie musste noch einmal laufen lernen

Am Sonntag startet Maja Neuenschwander zum Marathon in Wien, wo sie ihren grössten Sieg feierte. Mit 39 musste die Rekordhalterin ihren Kopf neu programmieren.

Ungewisser Blick voraus: Für Maja Neuenschwander gibt es in Wien praktisch einen Kaltstart. Foto: Franziska Rothenbühler

Ungewisser Blick voraus: Für Maja Neuenschwander gibt es in Wien praktisch einen Kaltstart. Foto: Franziska Rothenbühler

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Es war wie verhext. Kaum hatte Maja Neuenschwander nach den Olympischen Spielen 2016 in Rio den Schritt zur Profiläuferin gewagt, ging nichts mehr. Mit 36 Jahren war es ein später, aber nachvollziehbarer Schritt gewesen. Ermutigt hatten sie die herausragenden Leistungen von 2015, als sie in Wien ihren ersten grossen Marathon gewonnen und später in Berlin als Sechste in 2:26:49 Stunden Franziska Rochat-Mosers Schweizer Rekord verbessert hatte. Profitum würde mehr Zeit für alles bedeuten, fürs Training, die Regeneration, das Privatleben, kurz, die Optimierung aller Umstände.

Die bittere Bilanz: Seither hat die Bernerin keinen Marathon mehr beendet. Mehr noch, im letzten Sommer verordneten ihr ihre Trainer, Beat Aeschbacher und die einstige 800-m-Rekordhalterin Sandra Gasser, eine Zwangs- und damit Laufpause. 2017 hatte Neuenschwander das Rennen in London mit Rückenbeschwerden abgebrochen und jenes in Berlin erst, als sich die schmerzenden Hamstrings zum Muskelfaserriss ausgeweitet hatten.

Im Frühling 2018 dann doch ein Lichtblick: Sie lief eine persönliche Bestzeit im Halbmarathon – endlich, es ging aufwärts. Doch dies war ein Trugschluss. Nur wenige Wochen später musste sie schon das Einlaufen zum Schweizer Frauenlauf in Bern abbrechen. Das neue Problem gestand sie sich und ihren Betreuern erst im Juni in der EM-Vorbereitung in Kenia ein: Ermüdungsbruch. Für Aeschbacher war der Zeitpunkt gekommen, die Athletin, die sich nur ungern bremsen lässt, zu stoppen.

«Laufen ist meine Leidenschaft,
laufen bedeutet mir – wenn nicht alles, so doch fast alles.»

Neuenschwander sagt heute: «Es war für mich eine neue Erfahrung, die Geduld zum Ausheilen und zur absoluten Regeneration aufzubringen.» Sie spürte, wie schnell von der alten Fitness vieles verloren ging, und sie merkte, dass sie neue Wege gehen musste, wenn sie ihr letztes Ziel noch erreichen wollte: im Minimum noch ein Rennen in einer respektablen Zeit zu ­beenden.

Als sich das Trio daran machte, herauszufinden, was zur Verletzungsserie geführt haben könnte, landete es bei der sogenannten Laufökonomie, die sich bei der Athletin in den vergangenen zwei Jahren und bei Wochenumfängen von bis zu 230 Kilometern in eine ungünstige Richtung entwickelt hatte. Neuenschwander sagt vereinfacht: «Ich lief ohne Kraft im Schritt und mit Ausweichbewegungen, ich verkrampfte deshalb schnell.» Sie geriet ins Grübeln und hatte ja nun, da sie Profiläuferin war, genügend Zeit, sich mit unbefriedigenden Trainings auseinanderzusetzen, daran herumzustudieren, wieso alles einfacher gegangen war, als sie noch halbtags gearbeitet hatte.

Ein «positiver Stress»

Für Neuenschwander brach mit der Zwangspause im Sommer 2018 eine schwierige Zeit an. «Laufen ist meine Leidenschaft, laufen bedeutet mir – wenn nicht alles, so doch fast alles. Es macht mich zufrieden, gibt mir Power. Kann ich nicht laufen, ist die Lebensqualität nicht die gleiche.»

Zu den neuen Wegen, die sie gehen musste und auch gehen wollte, gehörte, dass sie sich wieder anstellen liess. In einer Zeit, in der sich vieles um die eigene Laufbahn drehte, wurde sie bei Swiss Olympic zur Berufs- und Laufbahnberaterin. «Neben dem Sport wieder zu arbeiten, ist ein positiver Stress, der mir gutzutun scheint. Vielleicht war ich vorher einfach mental zu wenig gefordert», vermutet sie.

Als sie im Herbst wieder anfangen durfte zu laufen, war und wurde vieles anders. Neuenschwander nennt es «den Beginn des Marathons zum Marathon». Sie musste alte Bewegungsmuster vergessen, in denen sie beispielsweise mit den Füssen nicht mehr abrollte, sondern die Füsse nur noch platt aufsetzte; sie sollte zeit- und leistungsmässig keine Vergleiche ziehen mit früher, «was etwas vom Schwierigsten war»; und Gegensätze in den Trainingsformen sollten neue Reize schaffen – weniger Kilometer pro Woche, dafür mehr kürzere, marathonspezifische Einheiten. Neuenschwander sagt: «Ich musste den Kopf neu programmieren, oder das Programm der letzten Jahre überschreiben.»

Es ging um nichts weniger, als neu laufen zu lernen.

Zeit des Zweifels

Den automatischen und verbesserten Bewegungsablauf musste sie sich nach der Zwangspause minutiös neu erarbeiten, jeden Fuss konzentriert vor den anderen zu setzen. «Bis ich wieder von rennen reden konnte, verging ein Monat», sagt Neuenschwander. Es war die Zeit des dauernden Zweifelns, denn die Vergangenheit liess sich nicht einfach verdrängen: Komme ich je wieder dorthin, wo ich war?

Die Bereitschaft, die Selbstsicherheit und das Bewusstsein für den Marathon sind erst seit zwei Wochen wieder da. Sie habe schon früh geahnt, dass das so sein werde, sagt die Athletin. Zumal ihr eine wirkliche Standortbestimmung fehlt. Der Halbmarathon in Den Haag, den sie hatte bestreiten wollen, hatte wegen stürmischer Winde abgesagt werden müssen. Also wird es nun praktisch ein Kaltstart in Wien, bei dem der Kopf möglicherweise mehr will, als der Körper zu leisten vermag. Neuenschwander sagt fast trotzig: «Für mich ist meine Karriere noch nicht fertig.»

Erstellt: 05.04.2019, 22:37 Uhr

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