Vom Chaos über die WM zum Lauf-Hit

Für den 40. Greifenseelauf haben sich knapp 15'000 Läuferinnen und Läufer angemeldet. An der Geschichte des Events lässt sich die Entwicklung im Laufsport aufzeigen.

Von der Idee in New York zum Lauf-Hit in Niederuster: Die Greifenseelauf-Gründer Urs (links) und Markus Ryffel.

Von der Idee in New York zum Lauf-Hit in Niederuster: Die Greifenseelauf-Gründer Urs (links) und Markus Ryffel.

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Was 1980 vor dem Restaurant Traube der Eltern Ryffel in Niederuster begann, beginnt am Samstag in der Luft: Der Greifenseelauf erhält zum Jubiläum ab 12.30 Uhr mittags von der Patrouille Suisse seine eigene Show. Ab halb zwei geht es dann wie gewohnt im Läufertempo von 10 bis 20 km/h um den See weiter.


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Die ältesten waren im vergangenen Jahr über 80, die jüngsten 2 und bestenfalls Ein­käsehochs (in der Mutter/Kind- oder Vater/Kind-Kategorie). Die einen haben vielleicht noch vor sich, was die anderen schon seit Jahren oder sogar Jahrzehnten mit Leidenschaft tun: laufen. 2018 waren sowohl 18 3-Jährige wie auch 18 75-Jährige gestartet. Die ganz grosse Masse der Teilnehmer war jedoch zwischen 25 und 55, wobei die 28-Jährigen mit 341 Laufenden die grösste Fraktion bildeten. Bei der ersten Austragung 1980 waren die ältesten 60- und die jüngsten 14-jährig, die «Altersschere» hat sich also weit aufgetan, die Zahl der Kate­gorien ist von 12 auf 61 gewachsen. (mos)


Die Gründer beweisen einen langen Atem: Als Markus Ryffel 1977 als 22-Jähriger am New York Marathon teilnehmen darf und ihn sein Bruder Urs als Betreuer begleitet, wird diese Reise zum Trip der Erleuchtung. Beeindruckt vom damals und heute noch grössten Städtemarathon, haben sie die Idee vom Lauf um den Greifensee. Muss doch möglich sein, da, wo sie schon immer zusammen gelaufen sind.

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44 Prozent Frauen – das ist Rekord

Der Greifenseelauf ist so weiblich wie noch nie: Kaum eine Veränderung seit der ersten Austragung 1980 ist so markant wie diejenige der Geschlech­teranteile. Waren von den 1400 Läuferinnen und Läufern damals nur gerade 61 oder 4,3 Prozent Frauen und Mädchen, sind es morgen Samstag von 14 668 Angemeldeten 6453 oder eindrückliche 44 Prozent. Mit diesem Wert übertrifft die 40. Austragung sogar den Grand Prix Bern, der in ­diesem Jahr ganz leicht darunter lag. Aber: Mit 54,7 Prozent Frauen beim Altstadt-GP über 4,7 km ist dieser in der Schweiz jedoch der Rekordhalter. Die Entwicklung im Frauenbereich entspricht einem allgemeinen Trend in den vergangenen zehn Jahren im Laufbereich. Gestiegen ist das Gesundheitsbewusstsein, Laufen ist zum Lifestyle geworden. Und: Schweizweit profitieren die Läufe vom Schweizer Frauenlauf in Bern, der vielen noch immer als Einstiegs-Event dient.

Beim Greifenseelauf geht die Entwicklung auch einher mit der Einführung immer neuer Kategorien und ­Distanzen Ende der Nullerjahre. Wer jahrelang über die 6,2 km gestartet war, dem bot sich neu die 10-km-Strecke, und Einsteiger können sich seither auch an der 5,5-km-Schlaufe versuchen. (mos)


Sie machen es möglich – doch zahlen Lehrgeld. Die Premiere endet im Chaos, die Zeitnahme funktioniert nicht einwandfrei, nicht alle werden rangiert. Für Markus Ryffel, der verletzt nicht laufen kann, geht dennoch ein Traum in Erfüllung. Und schon bald wird der Greifenseelauf zum Stelldichein der besten Langstreckenläufer der 80er- und 90er-Jahre; Marathon-­Seriensiegerin Grete Waitz ist da und gewinnt, Olympiasieger, Welt- und Europameister treten an, auch weil Markus Ryffel seine Beziehungen spielen lässt. Bald wollen die Brüder ein weiteres Zeichen setzen: eine WM in die Schweiz holen, die Halbmarathon-WM.

Spirig und Bundespräsident

Heute sagt Urs Ryffel, der damalige OK-Chef: «Hätten wir gewusst, was auf uns zukommt, wir hätten auf eine Kandidatur verzichtet.» Vorgaben, Bestimmungen und Einschränkungen seitens der IAAF drohen den Traum zum Albtraum werden zu lassen, Hauptproblem ist die Finanzierung. Nationale und regionale Sponsoren sind nicht zugelassen – die Initiatoren stopfen das Loch selber. Schliesslich treten Läufer aus 61 Ländern an, so vielen wie nie zuvor an einer solchen WM, 60'000 Zuschauer machen die Veranstaltung zum Fest.

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Man spricht mehrheitlich Züritüütsch

Bis vor einigen Jahren nannte sich der Greifenseelauf noch Internationaler Greifenseelauf – was sich vor allem auf die zahlreicher als heute startenden ausländischen Eliteläufer bezog. Aber wie bereits damals ist die Veranstaltung auch heute noch ein vor allem kantonales Ereignis: 2018 reisten 62,8 Prozent oder 8211 der Läuferinnen und Läufer aus dem Kanton Zürich an, der Rest aus der Gesamtschweiz, wobei besonders die Berner stark vertreten sind. Wie tief der Event im Zürcher Oberland verankert ist, belegen die 2248 Teilnehmenden aus den Gemeinden von Aathal-Seegräben bis Wald, Spitzenreiter ist wenig überraschend die Stadt Uster selbst mit knapp über 900 Startern. (mos)


Seither sind die Jubiläums-Läufe stets Rekord-Events: 1999 machen die Frauen erstmals ein Drittel aus, 2009 ist mit 15476 Angemeldeten das Rekordjahr schlechthin, und 2019 ist der Lauf mit 44 Prozent so weiblich wie nie, unter ihnen Olympiasiegerin ­Nicola Spirig.

Vergeben werden morgen bei der Elite die Meistertitel im Halbmarathon – von Bundespräsident Ueli Maurer, der als Zürcher Oberländer den Lauf hat wachsen sehen. Er kommt nicht mit der Patrouille Suisse, sondern wie gern bei solchen Anlässen mit dem Zug. Zweite Klasse.


Die Strecken

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Erstellt: 20.09.2019, 12:08 Uhr

Laufschuhe: Von ungedämpft zu muskelschonend

Vor 40 Jahren war der Laufschuhmarkt noch übersichtlich: Erst langsam realisierten die Sportmarken, dass hier ein Kundensegment heranwuchs, das interessant sein könnte. Lange hatten die Läufer praktisch ungedämpfte Schuhe getragen. Dafür steht auch unser Modell aus dem Jahr 1979, der «Marathon Trainer» von Adidas (rechts im Bild). Dieser wirkt interessanterweise auch aus heutiger Sicht durchaus modern – weil die Sneakerindustrie mit Vorliebe Modelle aus dem eigenen Archiv überarbeitet. Funktional ist der Schuh hingegen meilenweit vom heutigen Marktführer entfernt, dem Nike Vaporfly Next%. Ihn zeichnet eine Carbonplatte aus, die kombiniert mit der dicken Dämpfung die Muskeln weniger ermüden und seine Träger damit zu Bestzeiten tragen soll.

Der jüngste Beweis lieferte am vergangenen Sonntag der Kenianer Geoffrey Kamworor, der damit Halbmarathon-Weltrekord lief. Der Laufschuh setzt also neue Massstäbe, material- und leistungsmässig – allerdings auch beim Preis: Im Fachhandel kostet er – wenn er denn nicht vergriffen ist – über 350 Franken. (ebi.)

Bekleidung: Von Baumwolle zu Polyester

Der Unterschied zeigt sich erst beim zweiten Mal hinschauen: Als Referenz an die Premiere des Greifenseelaufs von 1980 wurde das Jubiläums-T-Shirt im gleichen Stil gestaltet. Der gelb-violette Aufdruck ist aber die einzige Gemeinsamkeit zwischen den beiden Leibchen. Vor 40 Jahren war noch dicke Baumwolle Trumpf. Die heutige Version besteht aus rezykliertem Polyester. Der «Wolf» war damals nicht nur unter Schafzüchtern, sondern auch unter Läufern gefürchtet. Die nassgeschwitzte Baumwollhosen scheuerten bei längeren Läufen schon mal die Innenseiten der Oberschenkel wund. Vaseline war das Hilfsmittel dagegen. Zudem wurden die vollgesogenen Kleider schwer und schwerer. Auch darum kamen synthetische Produkte auf. Diese waren leichter und so konzipiert, dass ein Teil des Schweisses verdunstete.

Dafür brachten sie ein anderes Problem mit: Anfänglich reagierte die Kunstfaser intensiv mit dem Schweiss. Das Problem hat sich über die Jahre verringert. Aber weg ist es nicht, das können feine Nasen bezeugen. (ebi.)

Verpflegung: Von der Bouillon zum Gel

Läufer sind genügsam. Unterwegs ein Schluck Wasser vom Brunnen, so läuft es sich ziemlich weit. Entsprechend rudimentär
war einst auch die Verpflegung an den ersten Ausgaben
des Greifenseelaufs. Unterwegs wurde Wasser gereicht, im Ziel gab es Bouillon (gegen den Salzverlust), Ovomaltine oder Rivella.
Erst mit der Zeit kamen Sport­getränke auf. Die ersten Elektrolytgetränke waren aber oftmals so aggressiv gemischt, dass sie auf den Magen schlugen. Die heutigen Mischungen sind bekömm­licher. Auch heuer wird unterwegs ein solches Elektrolytgetränk gereicht, dazu Wasser und Bananen. Wem das nicht genug Energie ist, greift sich die sogenannten Gel-Shots, die nichts anderes sind als überdimensionierte Gummibärchen – der darin enthaltene Zucker bringt die Läufer über die Distanz. Wer ganz sicher gehen will, steckt
sich für unterwegs einen Kohlenhydratgel in die Laufhose. (ebi)

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