Sie schläft nur zwei Stunden pro Tag

Isabelle Pulver fährt 5000 Kilometer auf dem Velo quer durch die USA. Die extreme Anstrengung kann zu Halluzinationen führen.

Bereit für die Herausforderung inklusive allen Gefahren: Isabelle Pulver bestreitet erneut das Race Across America. Bild: Raphael Moser

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Was für ein Mensch muss man sein, um sich so etwas anzutun?

5000 Kilometer in weniger als zwei Wochen, über 50'000 Höhenmeter, teilweise 40 bis 45 Grad, 2 Stunden Schlaf pro Tag. Und das alles mit dem Velo, quer durch die Vereinigten Staaten, von Oceanside nahe Los Angeles bis nach Annapolis in Maryland. Durch Wüsten, über die Rocky Mountains und Appalachen, nach Kansas, wo es 100 Kilometer lange Geraden gibt. Race Across America nennt sich die Veranstaltung, Ultracycling heisst die Sportart, die Extremsportart, um es präziser zu formulieren.

Eine Rennstrecke mit vielen Tücken: Isabelle Pulver fährt in weniger als zwei Wochen auf dem Velo von der amerikanischen West- zur Ostküste.

Aber eben, was für Menschen machen so etwas? Die Frage richtet sich an Isabelle Pulver, Bernerin mit Zürcher Wurzeln, 48, verheiratet, kinderlos. Die Antwort mag überraschen, bezeichnet sie sich doch als «08/15-Typen». Eigentlich. Denn Pulver ist gerne alleine. Sie kann starke Schmerzen aushalten. Sie ist neugierig, wie der Körper in kritischen Situationen reagiert. Was im Hirn dabei vorgeht. Sie tut nichts auf der Welt lieber als Velo fahren. Und sagt: «Grenzen auszuloten, das fasziniert mich.»

Zähneputzen – und Kartoffelstock im Plastiksäckchen

Seit Dienstagabend (Schweizer Zeit) ist Isabelle Pulver unterwegs, die Beine treten noch locker und leicht. Mindestens 30 Stunden lang fährt sie nun, rastlos, ohne ein Auge zu schliessen. Danach ist folgender Rhythmus geplant: 21 Stunden radeln, 30 Minuten für Körperpflege und um sich bettfertig zu machen, 2 Stunden schlafen, 30 Minuten Vorbereitung fürs Weiterfahren, 21 Stunden strampeln. Herumtrödeln ist nicht, fast jeder Augenblick ist verplant, das Zeitlimit will es so. 12 Tage und 21 Stunden hat Pulver Zeit, um die Distanz zurückzulegen, die vergleichbar ist mit der Reise von Zürich in Senegals Hauptstadt Dakar. Rund 60 Kontrollstellen sind zu passieren, jeweils nach 1000 Meilen darf eine Zeitvorgabe nicht überschritten werden. Unterwegs schauen Offizielle zum Rechten, dass nicht im Windschatten gefahren oder abgekürzt wird. Bei Regelverstössen muss ein Zwischenstopp eingelegt werden. Sich im Begleitauto kutschieren zu lassen, würde auffliegen – die Handlungen werden mittels GPS-System an die Rennleitung übermittelt.

Pulver hat nicht nur haufenweise Hürden physischer Art zu überwinden, sie führt auch einen steten Kampf gegen den Sekundenschlaf. X-mal drohe sie auf dem Velo einzunicken, es gibt Mitstreiterinnen, die dabei umfallen, was der Siegerin von 2015 nie passiert ist. Zu verhindern weiss dies ihr Begleittross, der sofort einschreitet, wenn die Athletin Schlangenlinie fährt oder andere Anzeichen von Teilnahmslosigkeit zeigt. Dann wird ihr ein nasser Lappen gereicht, oder «Live Is Life» von Opus aufgelegt, Pulvers Muntermacherlied.

«Auf dem Velo mache
ich alles – alles ausser
schlafen und pinkeln.»

Kurz vor dem drohenden Einnicken werden die Zähne geputzt, weil selbst kleinste Bewegungen in der Kiefergegend aktivierend wirken können. Spielchen vermögen wachzuhalten, etwa «ABC SRF 3», Pulver muss innert Sekunden analog zum bekannten Radioquiz Begriffe erraten. Aus dem Begleitauto werden ihr auch aufmunternde Nachrichten vorgelesen, darunter Whatsapp-Botschaften aus der Heimat. Im Helm ist ein Kommunikationssystem installiert, Pulver kann Musik hören, Telefonate führen. «Auf dem Velo mache ich alles – alles ausser schlafen und pinkeln», sagt die Athletin, die 2012 mit Ultracycling begann. Gegessen wird auch mal Kartoffelstock aus einem Plastiksäckchen. Die Beine werden massiert, wenn Pulver im Camper liegt und sich «ins Traumland begibt», wie sie festhält.

Halluzinationen, Todesfälle – die Gefahr radelt mit

Alleine könnte sich Pulver niemals ins grosse Abenteuer schicken. Ein Camper folgt ihr, auch ein Begleitauto, welches sie als «meine Lebensversicherung» bezeichnet. Wird im Wohnmobil geschlafen und das Essen zubereitet, leitet ihr das Begleitauto den Weg, sie fährt in dessen Lichtkegel. Es darf nicht zu dicht an ihr dran sein, weil sonst die Gefahr eines Auffahrunfalls besteht, aber auch nicht abreissen lassen, da es überholt werden und Pulver in der Dunkelheit vom passierenden Wagen übersehen werden könnte. Neun Personen umfasst das Team: Ein Mechaniker ist dabei, eine Physiotherapeutin, ein Apotheker, der regelmässig Pulvers Pupillen kontrolliert, eine Ernährungsfachkraft, aber auch mehrere Autofahrer, die gut navigieren können.

Das stundenlange Radeln, es hat seine Tücken und Gefahren. Einmal streifte Pulver beinahe ein Reh, welches aus dem Dickicht gesprungen war. Auch Todesfälle hat es gegeben, 2015 kollidierte ein Däne mit einem Auto, just als seine Helfer an der Tankstelle weilten. Nach vielen Monaten im Koma starb er.

«Die Ärztin meinte, E.T.
würde mich nun langsam
wieder nach Hause bringen.»

Wegen der Anstrengungen, verbunden mit der Hitze und dem massiven Schlafmangel, droht Pulver dann und wann zu halluzinieren. Sie driftet in eine Art Parallelwelt ab, ist nicht mehr bei sich. In diesen Phasen dürften die Betreuer nicht in Panik geraten, sagt Ehemann Daniel Pulver, um die Jahrtausendwende unter Christian Gross respektive Marco Schällibaum Athletikcoach bei Basel und YB und nun fürs Schreiben der Trainingsprogramme verantwortlich. Es gab diesen prägenden Moment im Rennen vor vier Jahren, als die erschöpfte Athletin sich fürchtete, nicht mehr in die Realität zurückzufinden. An jene Minuten hat Pulver keine Erinnerungen. «Mir wurde erzählt, dass die Ärztin mich wach rüttelte und meinte, E.T. würde mich nun langsam wieder nach Hause bringen.»

Missempfindungen in den Füssen – ein halbes Jahr

Das Rennen sei wie ein Leben in komprimierter Form. «Wie ein Kleinkind starte ich mit viel Energie. Danach werde ich vom Erwachsenen, der ab und zu ­Hilfe braucht, zur Grossmutter, der man alles abnehmen muss.» Gedanken ans Aufgeben würden dann und wann aufkommen, mit ihnen müsse sie sich auseinandersetzen, sagt Pulver, «ich muss mich selbst austricksen».

Die Uhr tickt: 12 Tage und 21 Stunden hat Pulver Zeit, um die 5000 Kilometer zurückzulegen. (Bild: Raphael Moser)

Pulver wuchs in einer sportbegeisterten Familie auf, sie machte Leichtathletik, schaffte es als Skifahrerin ins Regionalkader. Ein Tag ohne Bewegung? Undenkbar für die Siegerin mehrtägiger Rennen in Slowenien, Irland, Italien, Österreich und auf Mallorca. Gatte Daniel kümmert sich um die logistischen Belange, seit zwei Wochen weilt er in den USA. Er hat den Camper und die Autos gemietet, haufenweise Essen gekauft, bestimmte Nahrungsmittel und mehrere Rennräder eingeführt. Seine Partnerin hat in den letzten Tagen nicht bewusst lange geschlafen, aber mehr gegessen als üblich. Weit über 10'000 Kalorien wird sie pro Tag verbrennen, während des Rennens wird sie zu sich nehmen, worauf sie gerade Lust hat, und jede Stunde einen Bidon leeren. «Eigentlich esse ich andauernd», sagt Pulver.

8 Frauen haben sich fürs Abenteuer durch Amerika qualifiziert, bei den Männern sind es deren 30. Die Szene ist klein, «die Gruppe positiv Verrückter», wie es Pulver ausdrückt, überschaubar. 602 Frauen und Männer haben bis anhin am Race Across America teilgenommen, bei 38 Austragungen.

«Die einen staunen und finden
es toll, die anderen halten mich
für komplett wahnsinnig.»

Die Strapazen sind nun mal gewaltig – und die Konsequenzen nicht zu unterschätzen. Vorab die Sensibilitätsstörungen und Missempfindungen in den Füssen machen den Fahrern zu schaffen. Bis zu einem halben Jahr lang könne es dauern, bis sich alles wieder normal anfühle, sagt Pulver, deren Ruhepuls etwa bei 40 liegt. Einmal nur hat sie aufgegeben, 2017 in Österreich, als Herz-Kreislauf und Lunge verrückt spielten. Die Laborwerte waren katastrophal, und Pulver fragte sich, ob es gesund ist, was sie tut. Wenige Wochen später aber hatte sie sich bereits vollständig erholt, die Zweifel waren weg, auch dank der Zusammenarbeit mit Martin Schär, seinerseits Teamarzt beim SC Bern. Und doch erhält sie nicht nur positive Reaktionen, wenn sie über ihre Projekte spricht. «Die einen staunen und finden es toll, die anderen halten mich für komplett wahnsinnig und unvernünftig. Etwas dazwischen gibt es nie.»

Das Rennrad fest im Griff: Unterwegs muss die Athletin nicht nur gegen körperliche Strapazen ankämpfen. (Bild: Raphael Moser)

70'000 Franken Budget – für einen simplen Staubfänger

Zu gewinnen gibt es selbst für jene, die zuerst in Maryland ankommen, nichts. Keinen lumpigen Dollar Preisgeld, «nur einen gewöhnlichen Pokal», sagt Pulver, «den man dann abstauben darf». Ihr Budget hingegen beläuft sich auf rund 70'000 Franken, wobei die Betreuer nur Kost und Logie, aber keinen Lohn bezahlt kriegen. Ein Teil wird durch Sponsoren gedeckt, Pulver aber muss arbeiten, weil sie sich das Dasein als Profi nicht leisten kann. Die Regeneration kommt ein wenig zu kurz. Und der Ehemann muss zurückstecken. Er jedoch sagt, es falle ihm leicht, weil er als einstiger Profitrainer Verständnis für derlei Karrierepläne aufbringe. «Hätte ich nichts mit Sport am Hut, würde es zwischen uns wohl komplizierter.»

Im 90-Prozent-Pensum ist Isabelle Pulver als Physiotherapeutin angestellt, sie hat es mit schwerbehinderten Menschen zu tun. Einige spielen Powerchair Hockey (Unihockey im Elektrorollstuhl), die Pulvers betreuen das Nationalteam. Mehrere Patienten waren beim 24-Stunden-Training vor Monatsfrist in Ittigen dabei, sie übernahmen Betreueraufgaben, reichten etwa Trinkflaschen. Der Umgang mit ihnen habe ihr geholfen, sagt Pulver. Sie sehe Extremsituationen in einem anderen Licht, habe gelernt, Hilfe anzunehmen, und könne sich dank den Erkenntnissen aus dem Ultracycling besser in die Lage der Beeinträchtigten hineinversetzen. «Man fühlt sich oft ausgeliefert. Es braucht Überwindung, sich die Schuhe von jemandem ausziehen zu lassen, weil man es selbst nicht kann. Meine Patienten können es nie, ich kann es während des Rennens vielleicht nicht mehr.»

Am Weiterfahren wird es sie nicht hindern.

Hier können Sie Isabelle Pulver live verfolgen. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 11.06.2019, 21:00 Uhr

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