Sie sind Mütter, Vollzeitangestellte und Weltklasse-Läuferinnen

Sinead Diver und Roberta Groner laufen Marathon und ragen über die Norm hinaus – nicht nur wegen ihres Alters.

Sie sind Super-Frauen: die Spitzenläuferinnen Sinead Diver und Roberta Groner (r.). (Bilder: Getty Images)

Sie sind Super-Frauen: die Spitzenläuferinnen Sinead Diver und Roberta Groner (r.). (Bilder: Getty Images)

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Als Jugendliche musste Sinead Diver mit einer Freundin mal joggen gehen. «Ich wäre fast gestorben und dachte: Gott, ist das schrecklich.» Am vorletzten Sonntag klassierte sich Diver als schnellste Nicht-Afrikanerin am grössten Marathon der Welt in New York als Fünfte. Keine lief die 42,195 km je schneller in ihrem Alter. Diver wurde im Februar 42, ihre Bestzeit beträgt 2:24,11 Stunden.

Mirakulöses ist also passiert, seit sich die Australierin erstmals die Laufschuhe anzog. Dabei deutete nun wirklich wenig auf eine Laufkarriere hin. Schliesslich ist Diver Mutter von zwei Buben, inzwischen 9 und 6, arbeitet 100 Prozent als IT-Spezialistin. Nebenbei hat sie sich zur Weltklasseläuferin entwickelt. Sie begann erst mit 33 zu rennen, also in einem Alter, in dem die meisten Eliteläuferinnen etwa ihren Leistungshöhepunkt erreichen.

Divers Schwester motivierte sie, an einem Team-Lauf mit ihr teilzunehmen. Und weil Diver ihre Kollegen abhängte, glaubte man ihr kein Wort, als sie sagte, keine Kilometersammlerin zu sein. Auch Diver konnte ihr Talent nicht so richtig einschätzen. Sie wuchs in Irland auf. Den Mädchen wurde in der von Nonnen geführten Schule das Sporttreiben mehrheitlich verboten, auch darum hielt sich Diver maximal für durchschnittlich.

Nach ihrem Start am Team-Event trainierte sie einmal pro Woche, damit sie nach der Geburt des ersten Sohnes fitter wurde. An eine Karriere als Läuferin dachte sie zu keiner Sekunde.

Als sie gleich bei ihrem ersten Marathon daheim in Melbourne in 2:34,15 die WM-Limite unterbot, dämmerte ihr allerdings: Talentfrei konnte sie nun wirklich nicht sein. Aber eben, da war der Sohn, ein zweiter kam bald hinzu, da war die Vollzeitstelle.

Durchgetaktetes Leben

Dennoch entschied sie sich, immer mehr zu trainieren. Ihr Mann Colin fand das erst wenig prickelnd, weil das auch für ihn eine grosse Umstellung im Leben bedeutete: Schliesslich pflegt Sinead Diver morgens um 6 Uhr erstmals rennen zu gehen, nach der Arbeit am frühen Abend folgt das zweite Mal. Also ist die Brutpflege mindestens so sehr seine wie ihre Aufgabe.

Mit 38 erstmals an einer WM, mit 43 soll die Olympiapremiere folgen.

Und weil seine Frau immer schneller wird, kommt es ständig zu neuen Sport-Abenteuern: Mit 38 war Diver erstmals an einer WM, mit 43 wird sie nächstes Jahr – sofern sie gesund bleibt – ihre Olympiapremiere erleben.

Der Alltag von Diver ist als Konsequenz streng durchgetaktet, freie Zeit neben Familie, Arbeit und Sport hat sie so gut wie keine. Das soziale Leben leidet. Auch darum hadert Diver immer wieder ein bisschen. Seit letztem Jahr trainiert sie mit Profis. Während sich ihre viel jüngeren Kollegen nach den Einheiten um ihre Erholung (oder Freunde) kümmern, gleitet die Multitaskerin sofort ins zweite oder dritte Leben. Sie wünschte sich, ihr Talent sehr viel früher entdeckt zu haben. Zumal sie trotz Weltklasseleistungen für Sponsoren uninteressant zu sein scheint.

Zwar zelebrieren viele Firmen das Sportlichsein durchaus auch mit Frauen als Botschafterinnen. Wenn es sich aber um eine Athletin jenseits aller Normen und der 40 handelt, zieren sie sich. Das findet Diver unverständlich, fühlt sie sich doch als «Pionierin» im Sport.

Dass zudem immer ihr Alter erwähnt wird, hält sie gar für diskriminierend. «Ich bin schlicht eine Topläuferin. Was also soll der ständige Hinweis auf meine 42 Jahre? Das frustriert mich.»

Das Tupperware ist stets dabei

Roberta Groner, ihre Schwester im Geist, nimmt den steten Hinweis auf ihre 41 Jahre lockerer. Groner, Mutter dreier Buben zwischen 12 und 16 Jahren und vollzeit als Krankenschwester angestellt, klassierte sich in New York als 13. Gerade einmal fünf Wochen zuvor hatte die Amerikanerin die WM als Sechste beendet.

Groner sagt, so gut wie nie zu hadern, erst im sehr reifen Athletenalter in die erweiterte Weltklasse vorgestossen zu sein. Ihre Bestzeit beträgt 2:29,09.

«Ich bin zufrieden mit meinem Leben.» Im Gegensatz zu Diver, die für die Spiele allenfalls ihr Arbeitspensum reduzieren wird, ist das für Groner keine Option. Erstens sind ihre Chancen, in Tokio dabei zu sein, wegen der hohen Dichte in den USA eher gering. Zweitens könnte es sich Groner, die genauso keinen Sponsor hat, gar nicht leisten. Sie lebt getrennt von ihrem Mann und braucht das Geld.

«Der Sport ist noch immer Ausgleich für mich.»Roberta Groner

Wie Diver stand sie über Jahre ganz früh am Morgen auf, um rennen zu gehen und danach ihre Jungs für die Schule bereit zu machen. Mittlerweile arbeitet die Frau aus New Jersey in der Nähe und bringt sie erst zum Unterricht, ehe sie erstmals am Tag läuft und nutzt ihre Mittagspause zum zweiten Training.

Stets dabei hat sie ihr Tupperware mit dem Selbstgekochten vom Vortag. Wie bei Diver sind ihre Tage durchgeplant. «Kommt Unerwartetes hinzu, wirds rasch chaotisch», sagt Groner. Aber auch: «Der Sport ist noch immer Ausgleich für mich. Dabei kann ich mich erholen.»

Darum empfindet sie ihr pralles Leben gerade nicht als Belastung, sondern als Erfüllung. «Ich war schon als Kind immer aktiv, brauchte ganz viel Auslauf.» Kompromisslos ist sie bezüglich Familie. Die Buben haben Priorität. Also fährt sie die Mama in den Musikunterricht oder zum Sport (nicht Leichtathletik). Am Wochenende trainiert Groner zwar meist lange, aber immer frühmorgens, damit sie danach mit den Buben raus kann. «Montags bin ich jeweils ziemlich ausgepowert», sagt sie lachend.

Bei der Arbeit wussten die Kollegen lange nicht, was für ein erfolgreiches Sportlerinnenleben Groner führt. Zumal sie versucht, diese Welten zu trennen.

Laufen als Ausgleich

Groner rannte als Jugendliche, dann aber rund zehn Jahre nicht mehr. Mit knapp 30 begann sie wieder zu joggen, auf Anregung einer Kollegin und «um ein bisschen Zeit für mich zu haben». Trotzdem hat sie erst seit 2016 einen Coach, lief lange alleine oder mit Freunden, deren Niveau durchschnittlich ist.

Ihre Buben träumen schon von den Spielen 2020 in Tokio.

Weil sie sich kontinuierlich verbesserte, wurde aus der Freizeitläuferin Groner irgendwann eine Eliteathletin. Redet sie über ihren Werdegang, klingt sie manchmal selber erstaunt, wie weit sie gekommen ist. Im Gegensatz zu Diver, die immer wieder mit Verletzungen konfrontiert ist, musste Groner noch nie länger aussetzen. Und weil ihr Ex-Mann die Kinder die Hälfte der Woche bei sich hat, findet sie trotz Dreifachbelastung immer wieder Zeit, Freunde zu treffen.

Ihre Buben, die an allen grossen Events stets dabei sind, träumen derweil schon von den Spielen 2020 in Tokio. Sie sind zuversichtlich, Groner ist die Bremserin, weil sie weiss: Sie bewegt sich in vielen Bereichen nun wirklich jenseits der Norm.

Erstellt: 13.11.2019, 20:25 Uhr

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